Die Logik von damals

Interview Ingo Schulze Im Sommer 1989 öffnete Ungarn seine Grenze und nahm damit den Fall der Berliner Mauer vorweg. Der Dresdner Autor Ingo Schulze blickt in seinem neuen Roman «Adam und Evelyn» auf diese Zeit zurück. Ein Gespräch über das Paradies und die zwanzig Jahre ohne Mauer. Eva Bachmann

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Ingo Schulze ist 1962 in Dresden geboren und lebt seit 1993 in Berlin. (Bild: Jim Rakete)

Ingo Schulze ist 1962 in Dresden geboren und lebt seit 1993 in Berlin. (Bild: Jim Rakete)

Sie haben mit «Neue Leben» schon einen Roman zur Wende geschrieben. Nun kommen Sie mit «Adam und Evelyn» auf das Thema zurück. Warum?

Ingo Schulze: Die Idee ist mir von einem ungarischen Filmregisseur angetragen worden: Ein Schneider aus der ostdeutschen Provinz gerät im Sommer 89 an den Balaton. Merkwürdigerweise ist noch nie erzählt worden, was damals in Ungarn passierte. Das wollte ich gern nachholen. Und nach dem Epos «Neue Leben» sollte «Adam und Evelyn» eine Parabel werden: ganz zurückhaltend, ganz gradlinig und auch schneller. Ausserdem bekommt man nach der Öffnung der Grenze noch einen Blick von aussen auf das, was im Osten passiert. Insofern sehe ich «Adam und Evelyn» als Gegenstück zu «Neue Leben».

Türmer, die Hauptfigur in «Neue Leben», macht einen exemplarischen Paradigmenwechsel vom Künstler zum Manager durch. An Adam wollte ich zeigen, welche Hoffnung mit den Jahren 89 und 90 zusammenhing. Diese Erinnerung hat man jahrelang überpinselt – ich wollte sie freilegen.

Sie erzählen in Ihrem Roman Weltgeschichte in einem recht lockeren Ton.

Schulze: Ich will Weltgeschichte so erzählen, wie wir sie erleben. Wir stehen ja nicht am Rande und gucken zu. Sondern da begeht einer im August 89 einen Fehltritt, der ein halbes Jahr früher oder ein halbes Jahr später ganz anders ausgegangen wäre. Das Alltagsleben ist durchtränkt von diesen historisch-sozialen Prozessen.

In diesem Sommer 89 ahnen alle, dass Weltbewegendes geschieht, und das macht sie alle unsicher. Evelyn will eher in den Westen, Adam eher bleiben. In dieser Situation der grossen Unklarkeit sind wir alle in einen Sog geraten und haben erst viel später begriffen, was mit uns passiert ist.

Sie schreiben eine Geschichte, die im Sommer 89 spielt. Wenn Sie sich heute in die Zeit zurückversetzen, sitzt doch im Hinterkopf immer das Wissen darüber, was aus der Hoffnung geworden ist.

Schulze: Ich glaube, man geht aus dem Abstand von zwanzig Jahren bewusster zurück. Wenn ich heute schreibe «unser Kind kommt in die beste aller möglichen Welten», dann wirkt das jetzt absurd. Ich weiss, dass wir damals so gedacht haben. Aber natürlich steht das aus heutiger Sicht in einem anderen Kontext.

Ich habe in meinen Roman sehr bewusst Dinge eingebaut, die sich relativ schnell als falsch erwiesen haben. Zum Beispiel, dass Adam sagt: «Wir müssen ganz schnell das Geld umtauschen, das wird mit jedem Tag weniger.» Ich habe versucht, der Logik der damaligen Zeit nachzugehen und sie als die Logik des Romans zu setzen.

Wo liegt das Paradies? Im Westen, wie Adam und Evelyn glauben?

Schulze: «Das Paradies muss man suchen.» So einen Satz hätte vor zwanzig Jahren niemand aus meinem Bekanntenkreis gesagt. Die Antwort wäre klar gewesen: «Geh doch einfach mal in westlicher Richtung.» Im Nachhinein kann man vergleichen – die DDR hat ja keine Vergleiche zugelassen. Aus heutiger Sicht gab es im Osten Freiräume, von denen wir jetzt nur träumen können. So spielte etwa Geld eine völlig untergeordnete Rolle. Dadurch war auch menschliches Zusammenleben anders geprägt – wobei ich nicht sagen möchte besser oder schlechter. Die Abhängigkeiten waren andere: Wir haben einen Wechsel von einer ideologischen in eine ökonomische Abhängigkeit durchgemacht.

Ich habe im Alter von 28 Jahren zum erstenmal in meinem Leben wirklich über Geld nachgedacht. Das war vorher nicht notwendig. Bei der Berufswahl war es völlig egal, man wusste, man fliegt nicht aus der Wohnung und die Stelle wird nicht gekündigt. Alle hatten gleichermassen wenig oder viel, je nachdem, mit wem man sich vergleicht. So war man mit anderen Sachen beschäftigt. Unter anderem mit dem Mangel an vielen Dingen, doch nicht an so grundlegenden wie in Rumänien.

Im Buch geht es nicht nur um Politik und Ökonomie, sondern auch um Beziehungen. Wie haben sich zwanzig Jahre Wiedervereinigung auf den zwischenmenschlichen Umgang ausgewirkt?

Schulze: Ich habe das im vorhergehenden Buch «Handy» darzustellen versucht, darin geht es sehr oft um Freundschaften. In den letzten zehn Jahren hat Deutschland an zwei Kriegen mitgemacht. Das hat zu Differenzen geführt, die mitten durch den eigenen Freundeskreis gehen, während man früher gegen äussere Konflikte zusammenstand. Ich habe Lust, mich jetzt an die Fortsetzung von «Neue Leben» heranzupirschen und das Buch in die Gegenwart fortzuführen. Es interessiert mich selbst, was aus den Figuren des Buchs geworden ist.

Gibt es auch eine Fortsetzung von «Adam und Evelyn»?

Schulze: Dazu habe ich noch keine Idee. Das wird jetzt zuerst einmal verfilmt, hoffe ich.

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