Tag der Linkshänder
Die Linkshänder sind auf dem rechten Weg

Zehn bis zwanzig Prozent aller Menschen sind mit der linken Hand aktiv. Warum die meisten Rechts bevorzugen, ist bis heute ungeklärt. Viele alte Vorurteile gegenüber Linkshändern sind aber noch immer präsent.

Andreas Frey
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Auch der US-Präsident gehört zu den Linkshändern.

Auch der US-Präsident gehört zu den Linkshändern.

Keystone

Ich gehöre einer Minderheit an, über die heute immer noch geredet wird, als ob sie von einem anderen Planeten stammen würde. Wenn meine Mitmenschen entdecken, dass ich anders bin, reagieren sie meistens verblüfft, gelegentlich sogar begeistert und glücklicherweise nur sehr selten ablehnend. Die Zeiten sind vorbei, in der meine Minderheit mit dem Teufel in Verbindung gebracht und mit dem Tod bedroht wurde. Allerdings halten sich die alten Vorurteile hartnäckig: Ungeschickt soll ich sein, vielleicht schizophren veranlagt, möglicherweise autistisch und gewalttätig. Jedenfalls potenziell krank. Aber das bin ich nicht. Ich bin bloss Linkshänder. Ich schreibe, male und esse mit der linken Hand. Warum nicht? Mein Körper hat zwei Hände und bevorzugt eben die linke.

In einer Welt, in der Rechtshänder die Mehrheit bilden, ist das ungewöhnlich. Nur zehn bis fünfzehn Prozent aller Menschen sind mit der linken Hand aktiv. Vielleicht auch zwanzig Prozent, ganz genau weiss das niemand. Theoretisch liegt die Wahrscheinlichkeit, Linkshänder zu werden, bei fünfzig Prozent. Doch warum die meisten ihre Rechte der Linken vorziehen, können Wissenschafter bis heute nicht erklären.

Einer, der sich diesem Thema widmet, ist der Neurologe Stefan Gutwinski von der Charité in Berlin. Er hat freilich keinen Lehrstuhl für Linkshändigkeit inne, er findet das Thema aus persönlichen Gründen spannend. Gutwinski kann sehr gut nachvollziehen, wie ich mich fühle: Er ist als einziger Rechtshänder in einer Familie von Linkshändern selbst in der Minderheit. Das prägt. Der Neurologe kann mir zwar nicht erklären, warum die Händigkeit nicht gleichmässig verteilt ist. Aber dafür weiss er, weshalb es überhaupt eine Präferenz gibt. In der Natur ist es nicht vorgesehen, dass man zwei gleich starke Hände hat: Im Hirn herrscht Aufgabenteilung; die beiden Hälften sind auf verschiedene Funktionen spezialisiert.

Bis vor wenigen Jahren ging man davon aus, dass die Hirnhälften jeweils diskrete Aufgaben übernehmen. So beheimatet die linke Gehirnhälfte das Sprachzentrum, lässt uns analytisch denken und gibt uns ein Gefühl für Zeit und Gesten. Die rechte Hälfte hilft bei der Orientierung, erkennt Töne, Gefühle und Gesichter. Inzwischen zweifeln Neurologen das Konzept einer strikten Trennung allerdings an. Es gibt zwar Unterschiede, aber die sind geringer als ursprünglich angenommen.

Sind Linkshänder intelligenter?

Auffällig ist bei Linkshändern, dass der Verbindungsbalken zwischen den beiden Hirnhälften voluminöser ist. Es besteht also eine stärkere Verbindung, was auf hohe kognitive Leistungen schliessen lässt. Gutwinski und seine Kollegen leiten hieraus eine «besondere Sprachflüssigkeit und Merkfähigkeit» ab. Zur Diskussion stehen auch höhere Intelligenz, Musikalität und Kreativität. Das schmeichelt uns Linkshändern. Aber: Solche Studien scheitern häufig schon daran, dass es ihnen an Probanden mangelt. Oder sie unterscheiden nicht zwischen Linkshändern und Umgeschulten.

Wie Händigkeit entsteht, ist bislang nicht geklärt, wahrscheinlich beginnt es im Mutterleib: Föten lutschen eher am rechten Daumen und bewegen öfter den rechten Arm. Auch erbliche Faktoren dürften eine Rolle spielen: «Sie haben häufiger linkshändige Eltern, insbesondere linkshändige Mütter, was auf eine maternale Vererbung hinweisen könnte», sagt Gutwinski. Zwillingsstudien stützen diese Hypothese. Eineiige Zwillinge bevorzugen häufiger die gleiche Hand als zweieiige.

Wenn eine Seite bevorzugt wird, heisst das im Fachjargon Lateralisation. Da die Nervenbahnen, die vom Gehirn in den Körper ziehen, überkreuz verlaufen, übernimmt eine Hirnhemisphäre die jeweils entgegengesetzte Körperhälfte. Die linke Gehirnhälfte steuert die rechte Körperseite – und umgekehrt. Als Linkshänder ist mir, vereinfacht ausgedrückt, die rechte Hirnhälfte näher. «Diese einseitige zerebrale Steuerung ist vermutlich vorteilhaft», erklärt mir Gutwinski. Diese vermindere Duplikationen neuronaler Funktionen, lasse Prozesse schneller und effizienter ablaufen. Und das äussert sich nicht nur im Handgebrauch. Wir präferieren jeweils einen Fuss, ein Auge, ein Ohr.

Beim Menschen unterscheiden Lateralitätsforscher die dominante Hand, die auch Führungshand genannt wird, von der Halte- oder Hilfshand. Die dominante Hand ist geschickter und ausdauernder, wir üben damit feine Tätigkeiten wie Zeichnen und Schreiben aus. Wir berühren, spüren und fühlen mit ihr.

Aber ich habe noch ein seltsames Problem. Ich spiele Tischtennis mit links, Tennis aber mit rechts. Ich tippe auf dem Handy mit links, bediene die Computermaus aber mit rechts. Ich würfle mit links und werfe mit rechts. Bin ich überhaupt Linkshänder?

Die Arbeiten, die am meisten Feinarbeit erfordern, erledigen Linkshänder stets mit links. Andere Tätigkeiten schauen wir von der Rechtshänderwelt ab. Es ist einfacher, die Rechtshänder zu imitieren, weil entsprechende Linkshänderwerkzeuge nicht zur Hand sind. Rechts diktiert den Alltag, selten gibt es Korkenzieher oder Scheren für Menschen wie mich. Nicht anders ist das bei Automaten: Der Geld- oder Kartenschlitz ist meistens rechts angebracht. Ebenso sind die allermeisten Türklinken, Schlösser und Arbeitsplätze für die Welt der Rechtshänder geschaffen.

Dass viele Linkshänder mit rechts werfen, hämmern und Tennis spielen, erklären Wissenschafter damit, dass diese Glieder weniger lateralisiert sind als die Hände. Am stärksten ist die Neigung zu einer Seite in den äussersten Extremitäten ausgeprägt. Für die Füsse gilt das jedoch nicht, weil diese normalerweise keine diffizilen Aufgaben übernehmen müssen. Das erklärt auch, warum die Zwangskorrektur der Schreibhand besonders schwerwiegende Folgen hat.

Umgelernte Linkshänder leiden

Viele Menschen wurden einst mit teils drastischen Methoden zum Umlernen gezwungen. Sie erhielten Schläge oder wurden eingegipst, was massive Schäden im Gehirn auslösen kann. In der Folge können Beeinträchtigungen von Gedächtnis, Feinmotorik und Konzentration auftreten, auch Legasthenie und andere Sprachprobleme. Umgelernte Linkshänder leiden zudem häufig unter Minderwertigkeitskomplexen, Unsicherheit und Verhaltensproblemen. Sie müssen in ihrem Leben mehr Kraft für dieselbe Leistung aufbringen. Eine Rückschulung empfinden deshalb viele als Befreiung.

Sprachen haben die alten Vorurteile konserviert. So bedeutet das lateinische Wort «sinister» gleichermassen links wie unheilvoll und düster. Diese Mehrdeutigkeit hat das französische «gauche» übernommen, wie auch andere romanische Sprachen und das Deutsche. Schlechte Menschen sind link, lassen andere links liegen, haben zwei linke Hände, wohingegen gute Menschen auf dem rechten Weg sind, alles richtig machen, die Rechtschreibung beherrschen und freilich das Herz auf dem rechten Fleck haben, obwohl das da gar nicht sitzt.