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Die Kunst des Liegens – die Geschichte des Liegestuhls

Verweilen in der Horizontalen, sich dem Alltag entziehen, Visionen spinnen: Das geht am besten liegend. Schon viele ­Möbeldesigner ­haben am Liegestuhl herumgetüftelt. Sieben Entwürfe, die Designgeschichte geschrieben haben.
Melissa Müller
Joe Colombo schuf 1969 seinen Tube Chair aus vier PVC-Röhren von unterschiedlichem Durchmesser. Diese sind mit Polyurethanschaum gepolstert und können mithilfe von Klemmen aus Gummi und Metall auf verschiedene Weise kombiniert werden. Eine Ikone der italienischen Designbewegung, von der Konzeptkunst und der Idee des Readymades inspiriert. (Bilder: Jürgen Hans/ Vitra Design Museum, PD)
Der Stuhl Pacific verkörpert den Surfer-Lifestyle. Die Zürcher Industriedesigner Kevin Fries und Jakob Zumbühl entwarfen ihn 2002 während des Studiums. Reisen in Asien inspirierten sie zum Stuhl, der nah am Untergrund ist, mit dem man mitten im Gras der Wiese oder am Strand leicht erhöht sitzen kann, aber zugleich den Komfort eines Sessels hat. Er wurde in China in der Massenproduktion als Billigprodukt hergestellt.
Die Pratone Liegewiese wurde 1971 von Riccardo Rosso, Piero Derossi und Giorgio Ceretti entworfen. Das Kunstobjekt wie auch Liegemöbel ist ein Sinnbild der kulturellen Anti-Design-Revolution. Die hüfthohen Grashalme aus Polyurethan-Schaumstoff sollen Menschen von Zwängen befreien und sie dazu animieren, sich einfach fallen zu lassen.
Die Schaukelliege Dondolo aus dem Jahr 1966 ist schlicht und skulptural. Die Architekten Cesare Leonardi und Franca Stagi experimentierten mit der Formbarkeit des glasfaserverstärkten Polyesters. Dondolo ist der krönende Abschluss dieser Experimente.
Der Adjustable Chair von George Wilson, 1870 patentiert, erlaubt verschiedene Sitzpositionen. Er wurde an der Weltausstellung in Chicago als «bester Sessel der Welt» angepriesen.
Der Schweizer Willy Guhl entwarf 1954 seinen Eternitstuhl. Er möblierte viele Freibäder und Gartenanlagen. Der Stuhl besteht aus einem Eternitband, das zu einer Schlaufe geschlossen ist. Er Stuhl wurde als Designklassiker vom Museum of Modern Art in New York angefordert. Dort blieb er aber nicht, weil er asbesthaltig war. Inzwischen wird der Stuhl asbestfrei produziert.
Der wohl teuerste Sessel der Welt, die Lockheed Lounge, wurde für 2,4 Millionen Pfund versteigert. Der Australier Marc Newson liess sich 1990 von Flugzeugverkleidungen zum Kult-Objekt inspirieren. Madonna räkelte sich darauf im Video «Rain».
7 Bilder

Liegen als Kunst

Man mag sich kaum bewegen bei dieser Hitze. Höchstens auf dem Liegestuhl räkeln wie ein zufriedener Kater, ins gleissende Sonnenlicht blinzeln oder aufs Meer. Ein rechteckiges Stück Stoff, um ein Holz- oder Metallgestell gespannt – kein anderes Möbelstück ist so verbunden mit dem Lebensgefühl des Sommers, mit freiem Himmel, Sand und Meeresbrise. Man denke nur an den morgendlichen Kampf um den Liegestuhl am Strand, wo man ihn zum Ärger anderer Touristen mit einem Handtuch besetzt. Im Liegen entspannen wir uns, es ist die Position, die dem Körper den geringsten Widerstand bietet und ihm am wenigsten Kraft abverlangt.

«Dennoch hat das Liegen bei vielen keinen guten Ruf, oft wird es mit Stillstand, Passivität und Faulheit verwechselt», stellt Bernd Brunner in seinem Buch «Die Kunst des Liegens» fest. Dabei sei die Horizontale von unschätzbarem Wert, «bietet sie doch Momente der Kontemplation, die oft die besten Ideen mit sich bringen». Wenn wir mit offenen Augen auf dem Rücken liegen, geht uns der körperliche Zugriff auf die Dinge um uns verloren, unsere Gedanken fliegen. So sieht das auch der Zürcher Möbeldesigner Kevin Fries, der den azurblauen Liegestuhl Pacific entworfen hat (siehe Bildstrecke). «Im Liegestuhl bist du ganz bei dir. Du kannst ihn mit deinem Körper bespielen, gut zu dir selber schauen und Visionen spinnen.» Fries hält es da mit dem französischen Komponisten Erik Satie, der einmal gesagt hat, der Mensch solle

«mindestens einmal im Tag eine halbe Stunde bewegungslos daliegen, um zur Ruhe zu kommen».

Einst nur für fürstliches Personal gedacht

Die Idee eines Möbels, das Sitzen und Liegen verbindet, ist aber noch gar nicht so alt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren Liegestühle Reichen und Kranken vorbehalten. Nichtstun, geniessen, entspannen, das konnten sich fast nur Aristokraten leisten. Freizeit war ein Begriff, den viele Menschen um 1900 noch gar nicht kannten. Im Zuge der Industrialisierung konnte sich dann auch das Bürgertum auf Liegestühlen ausruhen. «So hielt der Liegestuhl Einzug in den Alltagsgebrauch», sagt Susanne Graner, Sammlungsleiterin des Vitra Design Museums in Weil am Rhein. Frühestes Beispiel der Vitra-Sammlung ist der 1870 patentierte Adjustable Chair von George Wilson, der verschiedene Sitzpositionen erlaubt. Solche Kreationen ermöglichten das schwebende Sitzen, bei dem der Körper in die Halbhorizontale gebracht wurde – damals ein Novum.

Auch die Decks von Ozeanriesen wie der Titanic wurde mit hölzernen Liegestühlen ausgestattet.

In jedem Jahrzehnt haben Designerinnen und Designer neue Visionen vom Liegen entwickelt. Und jeweils mit Werkstoffen aus der Industrie experimentiert, woraus innovative Möbel entstanden. Mal war Kunststoff der letzte Schrei. In der Ölkrise 1973 wechselte man zu Kartonmöbeln. Manche Liegestühle verströmen die farbenfrohe, zwanglose Lebenslust der Pop-Ära der 1960er Jahre. Vertreter des Radical Designs, einer Designströmung, die ihren Höhepunkt Anfang der 1970er Jahre in Italien erreichte, loteten Grenzen aus. Mit einem praktischen Alltagsstuhl haben ihre avantgardistischen Möbel oft nicht mehr viel zu tun. «Manchmal fragt man sich: Wie weit ist diese Liege eine Skulptur, inwiefern ist sie bequem?», sagt Susanne Graner vom Vitra Design Museum. Auf dieser Seite stellen wir kultige Stücke für Sonnenanbeter vor.

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