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Die kühle Stadt der Zukunft ist grün

Sommer mit extremer Hitze dürften zum Normalfall werden. Deshalb beginnen Stadtplaner schon jetzt, den Siedlungsraum umzugestalten – mit Eingriffen, die der Kühlung dienen.
Urs Bader
In einem Stadtquartier der Zukunft in Mailand: Eine begrünte Fassade und ein «vertikaler Wald» sollen mithelfen, das Klima zu verbessern und die Artenvielfalt zu erhalten. (Bild: Massimiliano Sechi/Getty)

In einem Stadtquartier der Zukunft in Mailand: Eine begrünte Fassade und ein «vertikaler Wald» sollen mithelfen, das Klima zu verbessern und die Artenvielfalt zu erhalten. (Bild: Massimiliano Sechi/Getty)

«In der Stadt der Zukunft soll sich ein Netz, gewoben aus Pflanzen und Grünflächen, durch das Siedlungsgebiet spannen.» Das ist die Vision von Florian Brack, der an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil lehrt und forscht. Es geht dabei um die Gestaltung von Städten und Gemeinden, in denen es im Sommer wegen des Klimawandels immer heisser wird. Für viele Menschen unerträglich, für alte und kranke bedrohlich. Mehrere Schweizer Städte haben darauf schon mit Gegenmassnahmen reagiert, andere fangen erst an, sich stadtplanerisch zu wappnen.

Brack, der am ZHAW-Institut für Umwelt und natürliche Ressourcen die Forschungsgruppe Freiraummanagement leitet, sagt: «Die Stadtplaner stehen angesichts des Klimawandels vor komplexen Herausforderungen. Gefragt sind interdisziplinäre Lösungen, die Grün und Grau gemeinsam denken. Nur wenn diese gefunden werden, sind Städte auch künftig noch lebenswert.»

Bäume, wie sie heute auf dem Balkan wachsen

Städte heizen sich in Hitzesommern regelrecht auf – auch, weil Gebäude und geteerte Böden Wärme speichern und sie nachts abgeben. Es gibt mehr Tropennächte (Temperatur nicht unter 20 Grad). Oft sind Städte oder Stadtteile auch zu wenig durchlüftet, da es keine Windschneisen gibt. Schon in der Kleinstadt Sitten ist es im Sommer um sechs Grad wärmer als im Umland. Die Perspektiven sind dramatisch. Gemäss neuen Klimakarten gab es in der Stadt Zürich von 1961 bis 1990 durchschnittlich zwischen 10 und 20 Hitzetage pro Jahr.

Ab 2071 könnte das Thermometer da und dort an über 50 Tagen mehr als 30 Grad anzeigen.

Zur Zunahme extremer Wetterlagen gehört die Zunahme von Starkregen und Stürmen mit Überflutungen und Baumschäden insbesondere auch im Siedlungsgebiet. Die grosse Hitze führt zudem zu Schäden an der Vegetation, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, aber auch für die Städte Folgen haben. So begünstigen ein warmes und trockenes Klima und milde Winter die Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten an Pflanzen, etwa der Kastanienminiermotte oder der Platanennetzwanze. Umgekehrt setzt die früher einsetzende Vegetationsperiode die Pflanzen Spätfrösten aus, die weiter auftreten können. Bäume im städtischen Raum, die bereits durch mehrere Faktoren gestresst sind (kleiner Wurzelraum, Schadstoffeintrag, Streusalz, Trockenheit) können dadurch weiter geschwächt werden und am Ende gar absterben.

Florian Brack von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Florian Brack von der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften.

«Dabei sind Bäume essenziell für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen, insbesondere in Städten», sagt Brack, der sich als Dozent auch mit urbanen Ökosystemen befasst, «weil sie Schatten spenden und dadurch die Aufheizung vermindern, durch Verdunstung das Mikroklima kühlen sowie CO2 binden.» Das Problem: Viele der einheimischen Baumarten sind dem Klimawandel nicht gewachsen, wie auch Studien der Berner Fachhochschule gezeigt haben. Zukunftsbaumarten wurden im kontinentalen Kroatien gefunden, wo heute ein Klima herrscht, wie es für 2060 auch für Bern prognostiziert wird. So könnte die bei uns verbreitete Sommerlinde gelegentlich durch die Silberlinde, die Rosskastanie durch die Zerreiche ersetzt werden. Andere Studien empfehlen den Ginkgo als künftigen Stadtbaum.

Eine begrünte Fassade kann die Temperatur um bis zu 7 Grad senken

Florian Brack ist es wegen der Erhaltung der Artenvielfalt aber wichtig, dass die richtigen Bäume am richtigen Standort gepflanzt werden. Ein möglicher Lösungsansatz: hitze- und trockenheitsresistente Arten im Strassenraum, einheimische Arten in weniger intensiv genutzten Pärken als Lebensraum für die Tierwelt. Aber auch in Pärken sind Bäume mit Bedacht zu pflanzen. Grosse Kronen sind für die Kühlung des Mikroklimas zwar essenziell, sollen aber kein grossräumig geschlossenes Dach bilden, weil sie so die Durchlüftung behindern können und sich die Wärme darunter staut.

Im Park locker verteilte Bäume auf begrünten Flächen stellen aus klimatischer Sicht das Optimum dar.

Um die Aufheizung von Siedlungsräumen einzuschränken, sind möglichst viele Grünzonen zu erhalten, zu vernetzen und neue zu schaffen – auch durch das Aufbrechen von durch Asphalt oder Beton versiegelter Böden. Dabei geht es auch um Biodiversität. Zudem kann hier bei Starkregen viel Wasser absorbiert werden. Der Erhalt der Grünzonen kollidiert möglicherweise mit dem raumplanerischen Postulat des verdichteten Bauens. Dies legt es nahe, auch Fassaden und Dächer zu begrünen.

Studien der ETH Zürich in Singapur haben den günstigen Einfluss von grünen Fassaden auf das Stadtklima gezeigt. «Wir haben festgestellt, dass eine begrünte Fassade die Temperatur bis zu sieben Grad senken kann», erklärte kürzlich Sacha Menz in Radio SRF 1. Die Reflexion werde durch die Pflanzen reduziert, wodurch Hitzeinseln verhindert würden. Menz ist Architekturprofessor und untersucht in Singapur Stadtklima-Phänomene. Die ETH betreibt dort seit 2010 ein Forschungszentrum.

Auch Private sollen ihren Beitrag leisten

Sitten hat in einem Pilotprojekt mehrere kühlende Massnahmen inklusive neuer Wasserflächen schon umgesetzt. Anpassungen in den Raumplanungsinstrumenten bis hin zu neuen Bestimmungen in Quartier- und Zonenplänen und in der Bauordnung sollen die Nachhaltigkeit des eingeschlagenen Wegs sichern. Zudem wurde die Öffentlichkeit für die Thematik sensibilisiert.

Bei raumplanerischen Massnahmen, etwa zur Erhaltung von Frischluftschneisen, fordert Brack, dass über Gemeindegrenzen hinweg zusammengearbeitet wird. Er sieht auch Private in der Pflicht, sich an der grünen Umgestaltung des Siedlungsraums zu beteiligen – etwa durch den Verzicht auf ökologisch nutzlose Schottergärten. Brack ist dafür, dass möglichst viel im Feld experimentiert wird, um rasch viel Erfahrung sammeln zu können. «Grüne Städte sind unsere Hinterlassenschaft an künftige Generationen; die Erhaltung der Artenvielfalt stellt ein immenses Naturkapital sicher. Dazu braucht es mutige neue Lösungen und eine Weitsicht, die Investitionskosten ins Verhältnis setzt zum langfristigen Nutzen und Mehrwert für Natur und Mensch.»

Lebensqualität und Biodiversität erhöhen

Das Label Grünstadt Schweiz zeichnet seit 2016 auf Antrag Städte und Gemeinden aus, die eine innovative und langfristige Grünflächenpolitik verfolgen. Getragen wird es von der Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter. Mitinitiiert und mitentwickelt hat das Projekt auch die Wädenswiler Forschungsgruppe Freiraum-management, zu deren Aufgaben neben der Forschung auch die Beratungstätigkeit gehört. Unterstützt wird Grünstadt Schweiz vom Bundesamt für Umwelt.

Beim Zertifizierungssystem geht es unter anderem darum, die Lebensqualität und die Biodiversität in Städten zu erhöhen. Dafür sollen die Städte und Gemeinden etwa gezielt Altbäume schützen und neue Bäume pflanzen, weil sie die urbanen Lebensräume kühlen und Feinstaub aus der Luft filtern; den Boden möglichst wenig durch Asphalt und Beton versiegeln; in der Bauordnung Dachbegrünung vorschreiben und möglichst vielen Pflanzen- und Tierarten ein Refugium bieten. Die Städte Luzern, Winterthur und Ecublens VD sind bisher schon zertifiziert worden. Im Zertifizierungsprozess sind neben andern Basel, Schaffhausen, Degersheim und Lichtensteig im Kanton St. Gallen. (ub)

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