Die Küche als Hühnerstall

Wenn diese Woche wieder gezügelt wird, werden Albträume wahr. Federvieh als Küchenbewohner, zerbrochene Backofentüren und zertrümmerte Kühlschränke, das alles kommt bei Wohnungsabnahmen vor. Ostschweizer Vermieter erzählen.

Nina Rudnicki
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In anderen Ländern herrschen andere Sitten. Das hat auch ein St. Galler Verwalter bei einer Wohnungsabnahme erfahren. Als er zum vereinbarten Termin in der Mietwohnung erschien, fand er Unglaubliches vor. «Die Küche war nicht wiederzuerkennen», sagt er. Die Mieter der Wohnung, ein chinesisches Ehepaar, hatten in ihrer Heimat in einer ländlichen Provinz gelebt und ihre Bräuche offensichtlich bis nach Winterthur mitgebracht.

Inklusive Schlachten

«Bei den Küchenschränken waren alle Türen herausgerissen und an deren Stelle Gitter eingesetzt», berichtet der Verwalter. Die Tiere hausten in den umgebauten Küchenschränken und wurden auch in der Küche geschlachtet.

Die beiden Chinesen hatten die Küche kurzerhand in einen Hühnerstall umgebaut. Offenbar fanden sie in ihrer neuen Heimat keine andere Möglichkeit, Nutztiere zu halten. «Ich konnte es nicht glauben», sagt der Verwalter. Bevor die Chinesen eingezogen waren, war die Küche nagelneu gewesen.

Jetzt war sie nicht mehr zu gebrauchen und musste komplett erneuert werden.

Überall staubige Kartons

Jedem Vermieter graut es vor solchen Ereignissen, vor allem jetzt, wo der September zu Ende geht und wieder überall in der Schweiz gezügelt wird. In den Wohnungen stapeln sich staubige Kartons, im Treppenhaus stehen auseinandergeschraubte Möbel. Wenn endlich alles im Umzugswagen verstaut ist, muss die Wohnung blitz und blank poliert werden. Erst dann kann die Abnahme folgen.

Türe zerschlagen

Aber nicht nur tierische Zwischenfälle gehören zu den Albträumen der Verwalter, auch demolierfreudige Mieter auf Rachefeldzug sind nicht zu unterschätzen. «Nachdem wir auf eine Nachreinigung bestanden hatten und zum vereinbarten Termin wieder in die Wohnung zurückkamen, hatte der Mieter den Backofen herausgerissen und dessen Türe zerschlagen», berichtet die Angestellte einer Wohnungsverwaltung in St. Gallen, die wie fast alle ihrer Berufskollegen nicht namentlich genannt werden möchte.

«Auch der Kühlschrank war total demoliert und die Innenausstattung zerfetzt.»

Bei dem Fall, der sich erst kürzlich im Raum St. Gallen ereignet hat, war die Küche danach nicht mehr zu gebrauchen. Und da deren Lebensdauer schon abgelaufen war, musste der Vermieter alleine für die gesamten Kosten aufkommen. «Wir haben bei solchen Fällen mietrechtlich keine Chance und müssen den gesamten Betrag übernehmen», sagt die Verwalterin.

Bitte nachreinigen

Doch solche Situationen sind selten und meistens können sich die Parteien ohne Racheakte einigen. «Ein häufigeres Problem ist, dass der Mieter die Wohnung nicht gründlich genug geputzt hat und wir auf einer Nachreinigung bestehen», sagt ein Mitarbeiter einer anderen Immobilienfirma. Das wird verlangt, wenn etwa die Wasserhähne nicht entkalkt oder die Abflüsse nicht entstopft sind. Entweder muss der Mieter jetzt selbst nachreinigen oder die Kosten für eine Putzfirma übernehmen.

Verbrannte Öfen

Manchmal nützt aber selbst das Putzen nichts. Zum Beispiel dann, wenn in einem Backofen Fett und Öl so eingebrannt sind, dass dieser nur noch entsorgt werden kann. «Solche Fälle machen mich wütend, vor allem weil die Geräte noch einige Jahre länger brauchbar gewesen wären», sagt die Angestellte aus St. Gallen.

Manchmal weigern sich Mieter auch, aus der Wohnung auszuziehen. In solchen Fällen muss der Vermieter eine Ausweisung beim Bezirksgericht beantragen.

Das ist aber eher selten. «Es kommt vielleicht ein- bis dreimal pro Jahr vor, dass wir grössere Probleme bei Wohnungsabnahmen haben», sagt der Chef einer St. Galler Verwaltung. «Meistens läuft die Abnahme ohne Zwischenfälle ab oder man kann sich in Streitfällen einigen», bestätigt ein Rorschacher Berufskollege.

Verschwinden und abtauchen

Aber es gibt Fälle, in denen Mieter einfach abhauen. Dem Besitzer bleibt dann nichts anderes übrig, als die Wohnung selbst zu räumen.

Auch die Kosten für die Möbel- und Müllentsorgung muss der Vermieter in einem solchen Fall übernehmen. «Einmal war ein Kühlschrank weg und der ehemalige Mieter setzte sich samt dem Gerät ins Ausland ab», sagt ein weiterer Immobilienspezialist. Meist werden diese Personen nicht mehr gefunden und die Geräte bleiben für immer verschwunden.

Streitende einigen sich

Die Umfrage bei Ostschweizer Immobilienverwaltungen zeigt aber: Die meisten Mieter sind kooperativ und halten ihre Wohnung in gutem Zustand. In Streitfällen können sich die Parteien fast immer einigen und nur selten unterschreibt ein Mieter das Abnahmeprotokoll nicht oder ist mit der Nachreinigung nicht einverstanden. Wenn es schlimmer kommt, kann ein Vermieter mal eine kaputte oder ausgeräumte Küche vorfinden.

Der chinesische Hühnerstall mitten in der Küche bleibt aber zum Glück ein Einzelfall. Jeder Vermieter kann nur die Finger kreuzen und hoffen, nie eine solch tierische Überraschung zu erleben.