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Die Illusion vom Frieden – der Weg zum Zweiten Weltkrieg

Die Absicht der britischen Spitzenpolitiker, ihn zu besänftigen, führte zum Krieg. Denn ein Charakter wie Hitler kam in ihrem Weltbild nicht vor.
Christoph Bopp
Neville Chaberlains Tragödie: Er (2. von rechts) kann 1938 in München Adolf Hitler (links) vom Krieg abbringen und dennoch den Frieden nicht retten. Bild: Keystone

Neville Chaberlains Tragödie: Er (2. von rechts) kann 1938 in München Adolf Hitler (links) vom Krieg abbringen und dennoch den Frieden nicht retten. Bild: Keystone

Menschliches Handeln wird von zwei Kräften beeinflusst. Die eine ist der Eigenantrieb, die andere sind die Umstände. Für die Personen, die fremdes Handeln beurteilen müssen, damit sie darauf reagieren können, ist es wichtiger, die Persönlichkeit des Handelnden zu kennen als die Umstände. Denn die Persönlichkeit ist ursprünglicher. Von ihr hängt zudem ab, wie weit sie sich durch die Umstände überhaupt beeinflussen lässt.

Adolf Hitler war eine bizarre Persönlichkeit. Was nicht heisst, dass er unfähig gewesen wäre, ein Ziel beharrlich zu verfolgen. Im Gegenteil. Es war schon früh in seiner Karriere ersichtlich, dass er sich nicht durch irgendwelche Umstände von einem einmal gewählten Kurs abhalten liess.

Auf der Gegenseite standen Männer, die eher an die Macht der Umstände glaubten. Hitlers Gegner – das betont der Autor Tim Bouverie schon zu Beginn, – waren die englischen Spitzenpolitiker. Grossbritannien war damals die einzige Macht, die Hitler hätte Paroli bieten können. Das englische Empire war zwar ziemlich beschädigt und schuldenbeladen aus dem Ersten Weltkrieg gekommen, aber es hatte nach 1918 flächenmässig seine grösste Ausdehnung erreicht. Dass die USA die Rolle der Weltnummer 1 hätten spielen müssen, war nicht sichtbar. Die Amerikaner hatten sich wieder in die Isolation zurückgezogen. Als sich Präsident Roosevelt zu Beginn des Jahrs 1938 bei den Briten meldete und vage mahnte, man müsse etwas tun, damit die Dinge nicht noch schlimmer würden, gingen die Briten nicht darauf ein. Ob es etwas geändert hätte? Der Präsident kam später auch nicht mehr auf seine Initiative zurück.

Was wir auf keinen Fall wollen, ist ein Krieg

Zwei Tatsachen waren diesen Politikern klar. Sie hatten ein Weltreich, aber bei weitem nicht die Möglichkeiten, es zu verteidigen. Die zweite Tatsache hing von der ersten ab: Würde Grossbritannien in einen Krieg verwickelt, würde das auf jeden Fall die bestehende Ordnung, wirtschaftlich und gesellschaftlich, völlig umgestalten.

Die englischen Politiker waren nicht dumm oder blind. Es gab immer wieder warnende Stimmen, die darauf hinwiesen, was sich in Deutschland anbahnte. Die meisten fanden Nazi-Deutschland abscheulich. Aber deswegen einen Krieg beginnen? Einen Krieg, der nicht nur das Ende des Empire bedeuten würde, sondern noch viel mehr?

Das war die Einstellung in Grossbritannien. Dazu kam das Problem Hitler. Was geht in diesem Mann vor?, fragten sich die nüchtern-sachlichen Engländer. Sie kamen mit einer Persönlichkeit dieser Sorte nicht klar.

Der Weg zum Krieg

30. Januar 1933
Adolf Hitler, Führer der NSDAP, wird zum deutschen Reichskanzler ernannt («Machtergreifung»).

3. Februar 1933
Hitler erklärt vor den Generälen, die Aufrüstung der Wehrmacht habe erste Priorität. Der Vertrag von Versailles setzte Deutschlands Rüstung enge Grenzen. Aber bereits zu Zeiten der Weimarer Republik setzte sich die Reichswehr darüber hinweg. Die Rüstungsindustrie beginnt Kapazitäten aufzubauen.

27./28. Februar 1933
Der Reichstag, das deutsche Parlamentsgebäude, brennt. Das Naziregime nutzt die Situation aus. Der neugewählte Reichstag setzt sich selbst ab («Ermächtigungsgesetz»). Das Deutsche Reich wird eine Diktatur.

3. Oktober 1933
Deutschland tritt aus dem Völkerbund aus.

30. Juni 1934
Hitler beseitigt die Spitze der SA («Röhmputsch», «Nacht der langen Messer»). Der innere Zwist ist damit zugunsten der Reichswehr entschieden. In Grossbritannien werden Vergleiche zwischen dem Naziregime und einer Gangsterbande gemacht.

9. März 1935
Göring erklärt öffentlich, Deutschland habe jetzt eine Luftwaffe (was der Versailler Vertrag verboten hat). Am 16. März 1935 erklärt Deutschland die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht.

2. Oktober 1935
Italien überfällt Abessinien. Der Völkerbund reagiert mit Sanktionen. Die Embargo-Liste enthält zwar Foie grasse, aber nicht Kohle, Eisen, Stahl oder Öl. Abessinien war Völkerbundsmitglied, ein Angriff auf ein Mitglied bedeutete einen Angriff auf alle. Aber Grossbritannien und Frankreich wollten Mussolini nicht «an Hitler verlieren». Der Völkerbund und das System der kollektiven Sicherheit waren am Ende.

28. Mai 1937
Neville Chamberlain wird Premierminister Grossbritanniens.

12. März 1938
Der «Anschluss» Österreichs ans Deutsche Reich.

29. September 1938
Im «Abkommen von München» willigen die europäischen Mächte ein, dass die Tschechoslowakei das Sudetenland an Deutschland abtreten muss.

31. März 1939
Neville Chamberlain gibt vor dem Unterhaus die Garantie ab, dass – sollte Polen angegriffen werden –, England und Frankreich dem Angreifer den Krieg erklären würden.

23. August 1939
Deutschland und die Sowjetunion schliessen einen Nichtangriffspakt ab. In einem geheimen Zusatzprotokoll wird Polen aufgeteilt.

1. September 1939
Deutschland überfällt Polen. Frankreich und Grossbritannien erklären Deutschland zwar den Krieg, die mit Polen verabredete Offensive im Westen findet aber nicht statt.

Die Strategie des «Appeasement», einem Feind «vernünftige Zugeständnisse» zu machen, um einen ernsteren Konflikt zu vermeiden, war keine Erfindung der Zwischenkriegszeit. Und ganz sicher nicht eine von Neville Chamberlain, dem englischen Politiker, dem das Etikett schliesslich anhaften sollte. Und sie ist sicher aggressiveren Strategien vorzuziehen.

Die britischen Strategen übersahen, dass auf der Gegenseite ein Mann stand, der prinzipiell völlig anders dachte. Wenige nur hatten in Grossbritannien sein Buch «Mein Kampf» gelesen (es erschien erst 1938 in einer völlig entschärften und verstümmelten Übersetzung). Und die meisten hielten es für die Ausgeburt einer unreifen-pubertären Fantasie, für «Halbstarken-Literatur».

Hitler schrieb vom Kampf, dem alles untergeordnet sei. Nicht nur Individuen, auch ein Volk, das nicht kämpfe, gehe unter. Und er meinte das völlig wörtlich. Hitler hatte nicht nur politische Ziele, die man «vernünftig» beurteilen konnte, sondern auch andere Beweggründe, und die entzogen sich solchen Überlegungen völlig.

«Ich fürchte, die fundamentale Schwierigkeit liegt darin, dass N. (Chamberlain) glaubt, er sei ein Mann mit der Mission, mit den Diktatoren auszukommen.» Das schrieb Chamberlains Aussenminister Anthony Eden in sein Tagebuch. Chamberain hielt die Egomanen Hitler und Mussolini für eine Art Geschäftsleute, mit denen man über Wünsche und Absichten reden kann. Chamberlain war kein Pazifist. Er befürwortete die britische Aufrüstung, wenn auch nicht bedingungslos. Immerhin war ihm klar: Im nächsten Krieg kämpfen wir nicht irgendwo auf dem Kontinent, sondern um unser Leben.

Chamberlains höchster Triumph und höchste Schande

Die Konferenz von München 1938. Hitler hatte einen lokalen Krieg im Sinn, um die Tschechoslowakei einzunehmen. Chamberlain wollte den Krieg verhindern. Widerwillig hatte Hitler einer Konferenz zugestimmt. Dort wurden ihm die Tschechen ausgeliefert. Ohne Krieg. Ziele erreicht, aber Hitler war wütend. «Chamberlain hat mich um den Einmarsch in Prag gebracht», tobte er. «Er hat uns den Frieden gebracht», hiess es in Grossbritannien. «Was wollt ihr denn noch?»

1939 überstürzten sich die Ereignisse. Hitler bedrohte Polen. Nur kein zweites München mehr. Aber München hatte Hitler gelehrt, dass die demokratischen Mächte nicht zum Kampf bereit waren. Diesmal sollte er sich täuschen.

Buchtipp

Tim Bouverie
Appeasing Hitler
Chamberlain,Churchill and the Road to War
Vintage Verlag London 2019.

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