Revolutionär
Die Idee überlebt den streitbaren Philosophen: Karl Marx bewegt auch heute noch die Gemüter

Am 5. Mai 1818 wurde Karl Marx geboren. 200 Jahre später bewegt er immer noch die Gemüter. Millionen kamen ums Leben, weil sich skrupellose Führer auf seine Lehre beriefen. Dafür kann er nichts. In seinem Denken gibt es aber dunkle Punkte.

christoph bopp
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Vor 200 Jahren: Am 5. Mai 1818 wurde Karl Marx geboren
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Der Revolutionär als Gentleman: Karl Marx in London.
Karl Marx mit seinem Freund und Weggefährten Friedereich Engels in der Druckerei der «Rheinischen Zeitung» in Köln.
Sympathisanten der Fortschrittliche Arbeiter, Schüler und Studenten (FASS) ziehen an der 1. Mai Kundgebung im Jahr 1969 mit Transparenten und Karl Marx-Portraits durch Zürich.
Der deutsche Philosoph Immanuel Kant (undatiertes Porträt). Von Immanuel Kant gibt es das Diktum vom «Geschichtszeichen». Er meinte damit die Französische Revolution und dass es nicht möglich sei, hinter dieses Ereignis moralisch zurückzugehen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – damit war ein Point of no Return markiert in der menschlichen Geschichte. Marx – und viele andere – fragten sich, was aus den hehren Werten geworden war, mit denen das Volk die Ketten der Monarchie abgeschüttelt hatte.
Gestartet war Marx gutbürgerlich. Der Vater war Rechtsanwalt in Trier, angesehen, konvertierter Jude und nicht ganz unbegütert (aufgenommen von John Mayall im Jahr 1875 in London).
Friedrich Engel und Karl Marx, (undatiertes Foto).
Das Karl-Marx-Haus in Trier ist das Geburtshaus des deutschen Ökonomen, Philosophen, Autors und Revolutionaers Karl Marx und heute ein Museum (undatierte Aufnahme um 1930).
Das am 15. Mai enthüllte Karl Marx-Memorial auf dem Highgate Friedhof im Westen von London, Grossbritannien, wurde noch in derselben Nacht mit Farbe beschmiert, jedoch umgehend wieder gereinigt (aufgenommen am 16. Mai 1956).
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, porträtiert von Jakob Schlesinger, 1831. Marx’ Vorbild Hegel hatte den Begriff der «Arbeit» mit viel Grundsätzlichem überladen.

Vor 200 Jahren: Am 5. Mai 1818 wurde Karl Marx geboren

Keystone

«Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.»

11. These über Feuerbach

«. . . alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.»

Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung.

Dass ein toter Philosoph so viele Leute aufregt, ist unüblich. Warum ist das so bei Marx? Wie kann ein trockener Theoretiker solche Emotionen entfachen? Oder ist es gar nicht Marx, sondern sind es seine Fans und Epigonen, die Marxisten? Zu denen sich Marx nach eigener Aussage eben auf keinen Fall zählen lassen wollte?

Es verhält sich mit Marx gleich wie mit anderen Denkern, die eine Bewegung – ob gewollt oder ungewollt – ins Leben gerufen haben. Jesus war nicht für die Gräuel der Inquisition verantwortlich, aber ohne seinen Satz: «Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.» hätte es viele Exzesse wahrscheinlich nicht gegeben. Irgendwie liegt es im Denken drin. Und man kann ihm nachspüren. Nur muss man sich bei Marx hüten, der Frage nachzujagen, ob er recht hatte oder nicht.

Die beiden Eingangszitate geben schon einen Hinweis, mit welchem Hintergrund Marx antrat. Er war Philosoph mit Doktortitel, aber er verstand sich zeitlebens auch als Revolutionär. Allerdings muss man das differenziert betrachten: «Eine so explosive Mischung aus Antikapitalismus und Zerstörung linker Illusionen wie die von Marx ausgeheckte hat man seither nicht wieder erlebt.» (Dietmar Dath: «Karl Marx. 100 Seiten»).

Revolution irreversibel

Von Immanuel Kant gibt es das Diktum vom «Geschichtszeichen». Er meinte damit die Französische Revolution und dass es nicht möglich sei, hinter dieses Ereignis moralisch zurückzugehen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – damit war ein Point of no Return markiert in der menschlichen Geschichte.

Marx – und viele andere – fragten sich, was aus den hehren Werten geworden war, mit denen das Volk die Ketten der Monarchie abgeschüttelt hatte. Diese Welt der Restauration und des Frühindustrialismus, das konnte es einfach nicht sein. Das trotzige Festhalten an diesem Gedanken trieb Marx ins Exil, nach Paris, nach Brüssel und schliesslich nach London. Und es bedeutete wahrscheinlich auch Lebensverhältnisse, die nicht «optimal» waren.

Gestartet war Marx gutbürgerlich. Der Vater war Rechtsanwalt in Trier, angesehen, konvertierter Jude und nicht ganz unbegütert. Auf Rosen gebettet war die Familie Marx später nicht. Aber sie hatte einen guten Humor und Freund Engels, der immer wieder zahlte. Friedrich Engels, das darf in einem Marx-Artikel nicht fehlen, war nicht nur Freund und Sponsor, sondern mindestens ein kongenialer Mitautor. Viele Artikel, die unter dem Label «Marx» segeln, stammen von ihm.

Wie verhält es sich eigentlich mit dem Sozialismus? Oft sagt man: Erst Revolution und was dann kommt, ist Sozialismus. Das stimmt nicht ganz. Sozialismus ist das Gegenmodell dessen, was sich nach der Französischen Revolution einstellte.

Die Sache mit der Freiheit

Freiheit hatte sich zwar eingestellt, aber es war «individuelle Freiheit». Die Bürger waren mehr oder weniger frei, ihren Interessen nachzugehen (in den USA hiess es «pursuit of happyness»). Es war eine Freiheit zum Egoismus. Die Revolution hatte zwar die Standesunterschiede eingeebnet, aber dafür die Bürger unter Konkurrenzdruck gesetzt. Man durfte jetzt reich werden. Was dazu führte, dass andere arm wurden oder es blieben.

Das heisst: Es war im besten Fall eine Gesellschaft des «miteinander» (wenn nicht «gegeneinander») und nicht des «füreinander». Menschen sollten sich als Wesen verstehen, die sich zueinandergesellen, um sich gegenseitig dabei zu helfen, das Leben zu bewältigen. Heute braucht man dafür Worte wie Solidarität oder Gemeinsinn, damals fragte man sich, ob und wie Freiheit und Brüderlichkeit zusammen möglich sein könnten.

Marx’ Vorbild Hegel hatte den Begriff der «Arbeit» mit viel Grundsätzlichem überladen. Der Mensch reproduziert sich (erhält sein Leben in der Natur) durch Arbeit. Nur der Mensch ist ein «arbeitendes Tier». Daher rührt die Faszination von Marx für die Produktion und das Proletariat. Diese Faszination brachte eine Einseitigkeit in sein Denken und damit die dunklen Punkte.

Marx sah es so: Anstatt füreinander zu sorgen, schuften sich die Arbeiter in Fabriken ab. Anstatt füreinander für die allseitige Befriedigung der Bedürfnisse zu «arbeiten», muss der Proletarier mit seinem kargen Lohn sein nacktes Leben erhalten. Die Reproduktionsverhältnisse des Kapitalismus wollen das so. Der Kapitalist besitzt die Produktionsmittel. Der Proletarier muss ins Lohnverhältnis eintreten, um nicht unterzugehen.

Geschichtsdeterminismus

Marx erwartete, dass der Proletarier dieses verkehrte Verhältnis durchschaut. Und er dann nicht anders kann, als diese Verhältnisse zu ändern: Revolution. Vergesellschaftung der Produktionsmittel, so nannte es die Theorie; in der Praxis führte die Abschaffung des Marktes direkt in zentrale staatliche Planwirtschaft. Der dunkle Punkt ist hier, dass Marx es unterliess, die Alternative aufzuzeigen: demokratische Aushandlung, wie die Produktion organisiert werden sollte.

Grund dafür war der Glaube, dass der Verlauf der Geschichte Gesetzen folgt. Zwei Treiber sah Marx am Werk: Klassenkampf, der zur Revolution führt; und den technischen Fortschritt. Marx bewunderte die Bourgeoisie dafür. Der Punkt wäre bald erreicht, wo die gesellschaftlich benötigten Güter innert ganz kurzer Zeit produziert werden könnten. Dann wäre es unnötig, länger zu schuften, um «Waren» herzustellen, nur weil das Kapital nach Profit giert. Der dunkle Punkt ist hier, dass Marx aus der Einsicht in die postulierte historische Gesetzmässigkeit gleich das Paradies folgen liess. Dabei hätte er doch nie gesagt: Der Gedanke ist die Tat.

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