Die Herren nachgeäfft

Paartanz Rock'n'Roll, Tango und Walzer sind Tanzstile. Lindy Hop ist mehr als das – eine Lebensphilosophie. Und diese Philosophie samt ihren akrobatischen Einlagen und wilden Jauchzern boomt. Tanzkurse, Showgruppen und Lindy-Hop-Parties liegen voll im Trend. Michèle Widmer

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Freiheit, Lebenslust, die Lust, Konventionen zu brechen, und natürlich Swing: Das alles ist Lindy Hop. Wer einem Paar beim Lindy Hop tanzen zusieht, spürt und sieht das. Hüftschwingend, lachend und jauchzend wirbeln sich Mann und Frau gegenseitig von einer Seite auf die andere. Wo es dem Zuschauer allein schon vom Zuschauen schwindlig wird, wechseln Lindy Hopper ganz cool in die nächste Schrittfolge. Rock'n' Roll wirkt dagegen zahm wie ein Kätzchen. Wer Lindy Hop tanzt, hat Swing im Blut. Nicht ohne Grund sind die Jazz-Legenden Glen Miller, Louis Armstrong oder Ella Fitzgerald die Helden des Lindy Hop. Ihre Musik und deren tänzerische Interpretation stehen im Vordergrund.

Durch Fehler einzigartig

Aber was genau fasziniert junge Leute heute an einem Tanzstil, der schon mehr als 70 Jahre auf dem Buckel hat? Die Antwort: Improvisation. Harry Graschi, Mitglied der Lindy-Hop-Showgruppe Just4Swing, die in St. Gallen trainiert, zitiert auf diese Frage den Leitspruch des Lindy Hop. «There are no mistakes, there are only variations.» So kreiere ein Tänzer durch rasche Reaktion bei Fehlschritten schnell einmal neue Figuren. Dies mache den Auftritt nicht schlecht, sondern einzigartig, wild und authentisch.

Als Social-Tanz erlernbar

Was bei Showgruppen rasendschnell, hochakrobatisch und vor allem richtig schwierig aussieht, ist für jedermann als Social-Tanz in Kursen erlernbar. Dieselben Schritte kommen hier gemächlicher zu langsamer Musik zum Einsatz und können so problemlos gelernt werden. Manuela Barbitta aus dem thurgauischen Landschlacht bringt Anfängern und Fortgeschrittenen seit sieben Jahren Lindy Hop bei. Unter dem Namen Bounz hat sich die 32jährige in der Tanzschule Robinson in Kreuzlingen eingemietet. «Immer sonntags tanze ich zusammen mit einer buntgemischten Gruppe Lindy Hop», sagt sie. Mit dabei seien Kinder von zehn Jahren sowie 50jährige.

Zwanglos und lässig

Wer das Gelernte auch ausserhalb des Kurses anwenden will, muss nicht lange suchen. Lindy-Hop-Parties finden seit einiger Zeit – vor allem in Zürich – jedes Wochenende statt. Dabei geht es mehr um Geselligkeit, Musik und das Tanzen als um feuchtfröhliche Rauschparties. «An unseren Anlässen wird viel getanzt. Deshalb trinken die meisten Besucher Wasser, um fit zu bleiben», erklärt Christof Suppiger, der unter dem Namen Swingtime regelmässig Lindy-Hop-Parties in Zürich organisiert. Ausgelassen und idyllisch sei die Atmosphäre an solchen Anlässen jeweils. «Die Lindy Hopper sind ein zwangloses und lässiges Volk», fügt er hinzu.

Tanz der Sklaven und Underdogs

Über die Herkunft des Lindy Hop sind verschiedene Meinungen im Umlauf. Sicher ist, dass er in den 1930er-Jahren von den Schwarzen entdeckt und nachträglich durch Charleston, Jazz- und Steptanz geprägt worden ist. Die schwarzen Sklaven haben, arbeitend auf den Feldern, ihre weissen Herren nachgeäfft und so die ersten Lindy-Hop-Figuren entdeckt. Wohl auch deshalb ist Lindy weniger bekannt, als der «weisse» Rock'n'Roll. Seinen witzigen Namen hat der Tanzstil Charles Lindbergh, dem ersten Überquerer des Atlantiks mit einem Non-Stop-Flug von New York nach Paris, zu verdanken. Die Presse berichtete damals mit der Schlagzeile «Lucky Lindy Hops the Atlantic» über das Ereignis. Am Abend nach seiner Ankunft sollen die Bürger New Yorks so ausgelassen getanzt und gefeiert haben, dass ein Journalist gefragt hat, was sie denn da tanzen. Die Antwort lautete: «We do the Hop… the Lindy Hop.»

Seit den 80er-Jahren erlebt der Lindy Hop ein Revival – anfangs in Metropolen wie London und New York, später auch in der Schweiz. Seit einigen Jahren bewegen sich die Zürcher zum Lindy Hop, und nun auch die Ostschweizer.

Die Tanzgruppe Just4Swing aus Bürglen in Lindy-Hop-Posen. (Bild: pd)

Die Tanzgruppe Just4Swing aus Bürglen in Lindy-Hop-Posen. (Bild: pd)

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