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Hammerwerfen: Diese Weltmeisterin denkt nicht ans aufhören

Sie wirft und wirft und wirft: Mägy Duss (59) aus Hochdorf hat sich seit Jahrzehnten dem Hammerwerfen verschrieben. Sie ist mehrfache Weltmeisterin, verdient mit ihrem Sport hat sie aber nie einen Rappen.
Rahel Lüönd
In voller Drehung vor dem Abwurf des Hammers: Mägy Duss beim Trainieren auf der Luzerner Allmend. (Bild: Pius Amrein (2. Juli 2018))

In voller Drehung vor dem Abwurf des Hammers: Mägy Duss beim Trainieren auf der Luzerner Allmend. (Bild: Pius Amrein (2. Juli 2018))

Vor der Luzerner Allmend nimmt der Verkehr zu, Männer mit gelben Leuchtwesten weisen die Parkplätze zu. Hunderte strömen an ein Oldtimertreffen, wo sich ein schicker Wagen an den anderen reiht.

Etwas weiter, im Leichtathletikstadion, versteckt hinter der Fussballarena, geht es weniger glamourös zu und her. Ein paar Kinder und Jugendliche bereiten sich auf ihren Wettkampf vor. Vereinzelt sitzen ihre Eltern auf den sonst leeren Tribünenplätzen.

Ganz hinten in der Ecke streckt auch eine reifere, stämmige Frau mit gräulichen Haaren ihre Arme, schüttelt dann die kräftigen Beine aus. Auch sie bereitet sich auf ihren Einsatz vor, hofft auf die nötige Spritzigkeit ihres nicht mehr ganz so jungen Körpers.

Niemand hat sie begleitet, um zu sehen, wie erfolgreich sie heute ist. Sie schwitzt etwas in der Hitze und atmet schwer. Seit Tagen nagt sie an einer Erkältung. Man erholt sich nicht mehr so schnell wie früher. Trotzdem erhellt ihr Lachen das ganze Gesicht, wenn sie sich vorstellt: Mägy Duss aus Hochdorf.

Vom Kunstturnen zum Hammerwerfen

Die Frau wird am 5. Dezember 60. Sie kann als Senioren-Athletin in verschiedenen Alterskategorien 17 Weltmeister-Titel im Hammerwerfen aufweisen, und noch mal so oft Europameisterin. Ungefähr, so genau weiss sie das nicht mehr.

Als sie noch Müller hiess und so jung war wie die Kinder um sie herum, verbrachte die auf einem Bauernhof in Hochdorf aufgewachsene Margrith ihre Freizeit mit Kunstturnen. Doch sie war nie so filigran wie ihre Kolleginnen und deshalb ganz froh, als man sie mit bald 20 Jahren fragte, ob sie nicht einmal ein Leicht­athletiktraining mitmachen möchte. Schnell fühlte sie sich wohl, insbesondere in den Kraftdisziplinen wie Kugelstossen, Diskus- oder Speerwerfen. Aber so richtig in der Leichtathletik in Fahrt kam sie erst mit dem Hammerwerfen.

Seit die Disziplin 1994 offiziell für Frauen geöffnet wurde, wirft Mägy Duss den Hammer ins Feld. Hundert Mal. Tausend Mal. Und so wirft sie ihn auch heute. In ihrer Kategorie der 55- bis 60-Jährigen ist sie die Einzige am Start, eine Medaille wird es aufgrund der fehlenden Anmeldungen keine geben.

Mägy hat sechs Versuche. «Hopp, Mägy, lass ihn fliegen», ruft Kollege Pino, der zweite Grauhaarige im Stadion, als sie in den Ring steigt. Mägy schwingt den Draht mit der vier Kilogramm schweren Kugel über dem Kopf, dreht sich zweimal um die eigene Achse und schmeisst den Hammer mit voller Wucht aus dem Ring. Beim Aufprall gräbt sich die Kugel in die Erde und wirbelt Dreck in die Luft. Mägy verlässt den Ring mit einem enttäuschten Lächeln. Nicht einmal 34 Meter. Das sind fast 20 Meter weniger als bei ihrem besten Wurf aller Zeiten. 53,67 Meter. Das war im Jahr 2005.

Mägy war mit 23 erstmals Mutter geworden. Ihre aktive Karriere als Leichtathletin wollte sie eigentlich schon an den Nagel hängen, sie mit dem Hammerwerfen überhaupt begann. «Ich helfe euch beim Messen und Zählen», sagte sie im Verein und war mit einem Fuss schon raus aus dem Stadion.

Mägy Duss im «Kugellager» des Leichtathletik-Stadions. (Bild: Pius Amrein)

Mägy Duss im «Kugellager» des Leichtathletik-Stadions. (Bild: Pius Amrein)

Die Sache mit dem Aufhören

Doch dann sah sie eine Frau den Hammer werfen. «Was ist das?», rief sie erstaunt und erfuhr, dass diese spezielle Disziplin nun auch Frauen ausüben durften. «Ich will das auch!», sagte eine innere Stimme instinktiv. Also blieb sie. Das ist mittlerweile bald 30 Jahre her.

Früher, da sagte sie, wenn sie nicht mehr 40 Meter weit werfe, dann höre sie auf. Oder wenn sie nur noch zwei Drehungen schaffe beim Anlauf (die Top-Athleten drehen viermal, Ausnahmekönner sogar fünf). Ihr Trainer hat aber gesagt, mit zwei Drehungen gelinge ihr der Wurf besser. Er hatte recht. Die zweimal drehende Mägy hat nicht aufgehört.

Heute sagt sie, wenn ihre Kolleginnen nicht mehr an die internationalen Wettkämpfe mitkommen, höre sie auf.

Senioren kämpfen für sich

Die Swiss Masters, wie die Leichtathleten ab 30 Jahren genannt werden, sind in der Schweiz eine kleine Szene. In anderen Ländern, den USA oder Deutschland zum Beispiel, zählen sie inzwischen mehr Athleten als die Jungen. Aber eben, in der Schweiz sind es so wenige, dass man sich kennt wie in einer erweiterten Familie. Ausserdem sind die Seniorensportler in ihrer Disziplin oft Einzelgänger, ringen verbissen um die persönlichen Erfolge, die wegen dem alternden Körper immer schwieriger werden.

«Jeder kämpft für sich allein», sagt Mägy Duss, wobei es auch einen Gruppenmehrkampf in den Wurfdis­ziplinen gibt. Hammer, Speer, Diskus, Kugel und ein Wurfgerät, das nur bei den Senioren zum Einsatz kommt. «Zum Glück für mich, denn so kann ich die nicht so berauschenden Weiten im Speerwerfen wieder kompensieren», lacht Mägy.

Sie ist von Grund auf ein geselliger Mensch – sie mag die Reisen und das Drumherum heute fast mehr als die Wettkämpfe. «Wir sind ein kleines Grüppchen, eine kann super organisieren.» Auf den Reisen sei es immer interessant und auch lustig.

Auf Sponsorensuche gehen – nein, danke

Je älter sie wird und je schwieriger die Siege zu erreichen sind, desto wichtiger wird diese Welt, in der sich alles abspielt. Die Welt des Sports und der Athleten, mit denen sie zwischen jedem Durchgang plaudert – und dann fast den Einsatz verpasst. Für das Leben in dieser Welt ist sie auch bereit, die teuren Reisen zu bezahlen. Verdient hat sie mit ihrem Sport nie etwas. Keinen Rappen. «Eine Mitstreiterin», erzählt sie, «hat einmal einen Sponsoringbrief versandt und die Kosten zusammenbekommen.» So etwas würde sie nicht machen. Schliesslich ist es ihr eigenes Hobby, nicht das der andern. Und überhaupt: Das wäre so gar nicht Mägys Art.

«Wir bezahlen sogar die T-Shirts mit dem Schweizer Kreuz selber.» Früher habe sie das schon ein wenig gewurmt, «schliesslich legen wir auch sportliche Ehre ein für die Schweiz». Aber heute nehme sie es gelassen. Es ist, wie es ist.

Für den Hammer war sie mittlerweile in unzähligen Ländern; darunter Australien, Korea, Puerto Rico. «Ich habe dank dem Hammerwerfen viel von der Welt gesehen», sagt die Hochdorferin. Vor dem Sport war sie nicht aus ihrer Heimat herausgerauskommen, von der sie sich allerdings ohnehin kaum trennen kann. Ihr Mann Alois wollte vor vielen Jahren nach Sarnen zügeln. «Nicht mit mir», sagte Mägy.

Als die beiden heute erwachsenen Kinder Sandra und Reto klein waren und sie mit ihrem Mann in Hochdorf das Haus baute, hätte sie sich Auslandferien nicht zu erträumen gewagt. Sie lebte das einfache Leben vieler Hausfrauen: Sie kümmerte sich um Haushalt und Nachwuchs, machte Baureinigungen für das Architekturbüro ihres Mannes, dazwischen arbeitete sie in Heimarbeit für ein Kunststoffunternehmen, für das sie heute noch als Aushilfe tätig ist.

Hexenschuss nach Goldmedaillen

Mägy steigt erneut in den Ring, beginnt zu schwingen, bricht ab. Der Fuss ist abgerutscht. Nochmals von vorn, mit dem Rücken zu den anderen Athleten und den wenigen Zuschauern. Der Kampfrichter setzt eine weitere Marke um die 34-Meter-Linie. Eine junge Frau betritt den Ring, schwingt und dreht sich mit einer eleganten Leichtigkeit, der Hammer fliegt fast 50 Meter weit.

Als Mägy mit etwa 40 Jahren mit dem Hammerwerfen begonnen hat, kamen die Erfolge wie von selbst. Sie flog um die Welt und kam mit reihenweise Goldmedaillen nach Hause. Unter den Seniorinnen gab es noch nicht so viele Hammerwerferinnen, ausserdem hatten die meisten keine ausgereifte Technik.

Ihr langjähriger Trainer Guido Troxler hingegen feilte an Mägys Würfen, bis sie alles aus sich herausholen konnte. Es waren die Jahre, in denen fast alles gelang, die Jahre, in denen sie vier- bis fünfmal pro Woche nach Luzern fuhr fürs Training und beinahe alles dem Sport unterordnete. Mit 47 war sie auf dem Höhepunkt angelangt. «Jetzt schaffst du 55 Meter», sagte der Trainer. «Doch in jenem Jahr», sagt Mägy Duss, «kam der Hexenschuss.» Die Ärzte rieten ihr, die Sprints und Sprünge auszulassen. Ein Schritt, den sie bis heute bereut: «Vielleicht hätte ich mehr auf mich selbst hören sollen, stärker ausprobieren, was geht.» Die Spritzigkeit, die sie seither verloren hat, ist nie wiedergekommen. Dafür neue Gebresten: Ein paar Tage nach unserem Besuch auf der Allmend erlitt sie eine Meniskusquetschung.

Wehmut schwingt mit

Noch immer schaut sie ihrer jüngeren Kollegin wehmütig zu, wenn diese den Hammer weit über 40 Meter schleudert. «Das sollte mir doch auch gelingen», denkt sie. Doch sie habe sich damit abgefunden, dass sie jetzt in anderen Sphären wirft. Mittlerweile ist ihr Mann, der Faustball spielt, öfter als Mägy im hauseigenen Fitnessraum anzutreffen. Doch mit seinem Ehrgeiz motiviert er auch sie immer wieder aufs Neue. Für Alois Duss gehört das Hammerwerfen seit Jahrzehnten zu seiner Frau, genauso wie ihre fröhliche Art und ihr Tatendrang.

Die auch heute noch exotische Disziplin – besonders für Frauen – hat Mägy Duss weit mehr eingebracht als die Goldmedaillen, die daheim in der Schublade lagern. Es hat sie selbstbewusst gemacht und stark, sie setzt sich heute mehr für sich ein und nicht nur für alle andern.

Als ihr Arbeitgeber sie eine Weile nicht als Aushilfe einsetzte und dann zurückwollte, forderte sie eine Lohnerhöhung. «Ich weiss, was ich kann und was ich wert bin», sagt sie selbstbewusst. Das ist ein grosser Schritt für eine wie Mägy, die Tausende von Stunden mit Vereins- und Familienarbeit verbracht hat, jahrelang fremde Fenster geputzt hat, die sauberer als die eigenen waren, Hunderte Ranglisten geschrieben und Buch geführt hat über Erfolge anderer. Manchmal wünschte sie sich, sie hätte auch die eigenen Resultate aufgeschrieben.

«Dir läuft’s, Pino?», ruft Mägy jetzt rüber zum Speerwerfen. «Keine Schmerzen, kann noch atmen – alles gut», antwortet dieser mit einem Augenzwinkern. Mit blau-weiss geringelten Kniesocken und einem gelöcherten Strohhut lebt er das Image des bunten Hundes in der Szene stärker als die natürliche Mägy. Dass sie manchmal etwas belächelt werden, weil sie in ihrem Alter noch immer an den Wettkämpfen teilnehmen, wissen beide. Es seien aber eher die Gleichaltrigen ausserhalb des Stadions, welchen das Ganze komisch anmute. Die jungen Leichtathleten würden zu ihnen hochschauen. «Wenn ich dann erwähne, dass ich mehrfache Welt- und Europameisterin bin, strahlen die Augen», erzählt Mägy lachend, «obwohl, für unsereins ist das ja nicht so bedeutsam.»

Auch ihre zwei Kinder waren und sind stolz auf ihr Mami. Als damals 14-Jähriger wollte Reto sogar auch mal «Hammerluft» schnuppern und machte einige Trainings mit. Er entschied sich dann aber doch für den Handball.

Preisgeld geht an Jugend

Klar, wenn jemand gratuliert und Anteil nimmt an ihrem Erfolg, dann freut sich Mägy. Und in den besten Jahren, als sie mit den Goldmedaillen nach Hause geflogen ist, bereiteten ihr auch die öffentlichen Ehrungen von der Stadt Luzern ein gutes Gefühl.

«In den Anfängen, ich glaube das war in Dänemark, kam ich mit dreimal Gold im Gepäck an die Ehrung der Stadt», erinnert sich die 59-Jährige. «Da überreichten sie mir ein Schild, auf dem 3000 Franken stand, und ich freute mich sehr.» Doch das Preisgeld ist nur symbolisch für die Gewinner: «Das Geld geht an meinen Verein, den LC Luzern, zur Förderung der Jugend», sagt Mägy Duss.

Etwas enttäuscht war sie beim ersten Mal schon, weil sie nicht darauf vorbereitet war. «Aber eigentlich steckt dahinter der richtige Gedanke.»

Mägy steigt noch einmal in den Ring, das letzte Mal für heute. Sie schwingt, dreht, wirft, und lässt die Schultern fallen – diesmal vor Erleichterung. Es ist der beste Wurf heute: 34,49 Meter. Ein Resultat, mit dem sie unter diesen Umständen zufrieden ist. Zufrieden sein muss.

Sie zieht das Wettkampf-Shirt aus und bleibt, um den Männern zuzuschauen. Hier in diese Welt gehört sie hinein, im Stadion fühlt sie sich wohl. Auch wenn die Senioren eine Minderheit sind.

Dieses Jahr wird sie nicht viel erreichen, denn sie muss gegen klar Jüngere antreten. Doch nächstes Jahr, wenn Mägy die 60 überschritten hat, könnte es noch einmal klappen mit einem Weltmeistertitel. Dann ist Mägy selber wieder unter den «Jungen» in der Kategorie der 60- bis 64-Jährigen. Den dort gebräuchlichen 3-Kilo-Hammer hat sie 2018 schon mal 41,11 Meter weit geschleudert. Weil in der Schweiz für die Alterskategorie nicht der exakte Geburtstag zählt, sondern der Jahrgang, war das immerhin ein Schweizer Rekord. Und übrigens: Ab 75 werfen Frauen dann mit einem 2-Kilo-Hammer. Auf Mägy wartet also noch so einiges.

Der Vergleich mit 60-Jährigen ist unzulässig, sei hier der Vollständigkeit halber aber gleichwohl erwähnt: Der aktuelle Hammerwerfen-Weltrekord der Polin Anita Włodarczyk liegt bei 82,98 Metern. Bei den Männer, deren Wurfgerät einschliesslich Griff 7,26 Kilo wiegt, beträgt der Weltrekord 86,74 Meter.

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