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Spuckende Spieler, schadenfreudige Fans und zu viel Nationalstolz: Weshalb die Fussball-WM nervt

In Russland rollt der Ball, die Schweizer Nati ist ungeschlagen, alles gut? Nicht ganz. Es gibt Begleiterscheinungen, wie heulende Fussballer, fiese Schadenfreude und übertriebenes Pathos, die uns nerven.

Ein Fest für boshafte Freude

Als die Deutschen in den letzten Minuten des Spiels gegen Südkorea komplett die Kontrolle verlieren, schalten Zehntausende Schweizer zu deutschen Sendern, obwohl die TV-Bilder die gleichen sind. Der Grund: Man will die deutschen Kommentatoren leiden hören. Der ewige Rivale Deutschland am Boden, ausgeschieden – für manchen Schweizer Fan ist emotional fast mehr wert als das Unentschieden der Nati gegen Costa Rica am gleichen Abend. Schadenfreude beherrscht danach tagelang die Kommentarspalten.

Das Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft bot im Netz wie auch in den Medien Anlass zu Spott. (Bild: Uwe Anspach/KEYSTONE/DPA)

Das Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft bot im Netz wie auch in den Medien Anlass zu Spott. (Bild: Uwe Anspach/KEYSTONE/DPA)

Fussball macht Freude, ja. Fussball lebt aber auch von Aggressionen und Boshaftigkeiten. Selten äussern Menschen ihre niederen Emotionen so unverhohlen wie im Sport. Wenn der Gegner am Boden liegt und in den Rasen heult, ist das dem Fan ein Fest. ­Jedem Kind wird erklärt, dass Schadenfreude fies und unnötig ist. Der Fussball belehrt die Kinder eines besseren. Forscher haben belegt, dass sich Schadenfreude aus Neid und tiefem Selbstwertgefühl speist. Wenn Schweizer Fussballfans sich also tagelang am Ausscheiden Deutschlands ergötzen, fällt das unangenehm auf die Nati und ihre Fans zurück. Katja Fischer de Santi

Das ewige Wehklagen ist ohne Würde

Fast hätten mich die ersten WM-Spiele mit dem Fussball wieder versöhnt. Leider nur fast. Das Ärgernis: Spieler, die ununterbrochen lamentieren, ­zetern, reklamieren, wehklagen, nörgeln, drohen, fluchen, beschimpfen, flehen, schreien. Vom unappetitlichen Spucken sei hier noch nicht einmal die Rede. Kaum muss sich ein Spieler in einem harten Zweikampf ­geschlagen geben, wirft er sich theatralisch auf den Boden und wälzt sich dort, als würde er von dieser Welt abberufen – um ­wenig später wieder fidel über das Feld zu stürmen. Und kaum erdreistet sich der Schiedsrichter, auf seiner Autorität auf dem Feld zu bestehen und mit seiner Pfeife ins Spiel einzugreifen, wird er von einem Rudel von Spielern bedrängt, die es natürlich ganz ­anders – natürlich richtig – sehen.

Neymar windet sich nach einem Tackle im Spiel gegen Serbien am Boden. (Bild: Matthias Schrader/AP)

Neymar windet sich nach einem Tackle im Spiel gegen Serbien am Boden. (Bild: Matthias Schrader/AP)

Das Spiel zu leiten, dafür wird ein Schiedsrichter ja aber aufgeboten und bezahlt – freilich viel schlechter als alle die Stars, die daraus die falschen Schlüsse ziehen ­mögen oder deren zwischenmenschliches Verhalten unter den horrenden Salären leidet. Mag sein, dass die ganze Wehleidigkeit – körperlich, aber auch mental, wie die Fussballer gerne sagen – halt zum grossen Theater gehört, was ein Fussballspiel ja auch ist. Aber diese Wehleidigkeit ist in der Konzentration, wie sie sich an einem ­solchen Turnier zeigt, einfach ­unerträglich. Das nimmt einem Spiel nicht nur viel Dynamik, ­sondern auch jede Würde und beschädigt die Idee des Fairplays.

Der in vielfacher Hinsicht bemerkenswerte Trainer des Nationalteams von Uruguay, Oscar ­Tabárez, soll eine Parole des Revolutionärs Ernesto Che Guevara zum Leitmotiv für sein Leben ­gemacht haben. Tabárez leidet an einer degenerativen Nervenkrankheit: «Wir müssen hart werden, aber ohne die Sanftmut je zu verlieren.» Hin und wieder soll er auch seine Spieler mit diesem Leitspruch konfrontieren – nicht ohne sportlichen Erfolg. Urs Bader

Elf Männer, ein ganzes Volk? Nein!

Die «Schweiz» hat gewonnen, «Historisches Aus für Deutschland, «Brasilien» kämpft sich zurück – nein Leute! Das sind keine Länder, das sind keine Völker, das sind nur Fussballteams. Aber es wird so getan, als würden die elf Mann stellvertretend für eine ganze Nation Schlachten schlagen. Wichtige Schlachten. Grosse, symbolträchtige Schlachten, in denen es nicht nur um Sieg oder Niederlage geht, sondern auch um die Deutungshoheit der Schlacht.

Während der Fussball-Weltmeisterschaft ist der Nationalstolz besonders ausgeprägt. (Bild: Valentin Flauraud/KEY)

Während der Fussball-Weltmeisterschaft ist der Nationalstolz besonders ausgeprägt. (Bild: Valentin Flauraud/KEY)

Hat jeder der Recken genügend einheimische Vorfahren? Sind alle Gesten beim Torjubel vereinbar mit den Werten des Landes, in dessen Trikot er spielt? Und singt er die Nationalhymne mit, bewegt er lautlos die Lippen, oder presst er sie gar stoisch zusammen? Was soll das! Es geht um ein Spiel. Ein Spiel, in welchem 22 erwachsene Männer einem Ball hinterherhecheln. Und dafür ziemlich viel Geld bekommen. Weil sie's halt können. Sie sind «Die Mannschaft», «Die Nati», «Les Bleus». Mal ehrlich: elf Mann, ein ganzes Volk? Auf einem Rasenplatz? In lächerlichen Turnhosen, Stulpen, Gel-Frisuren und Tattoos? Nein. Sie spielen Fussball. Manchmal ganz grossartig, oft so naja, und manchmal auch einfach grottig. Das ist ihr Beruf. Und wir schauen ihnen dabei zu. Weil es Spass macht.

Das ist ok. Aber es ist nicht ok, wenn man versucht, aus diesem Spiel eine höhere Ordnung herauszulesen. Es ist nicht ok, wenn nach der Niederlage des deutschen Teams im Frühstücksfernsehen von Jogi Merkel gefaselt und versucht wird, einen Zusammenhang zwischen WM-Aus, Regierungskrise und überhaupt dem Zustand eines ganzen Landes herbeizudeuten. Es ist Fussball. Ein Team gewinnt, ein anderes verliert, und manchmal trennt man sich unentschieden. So ist das nun mal im Sport. Julia Nehmiz

Mein Land, meine Hupe

Nach Fussballspielen an der WM kann man die Stoppuhr stellen. Nach zehn Minuten geht es los. Das wilde Gehupe auf den Strassen. Sofort bilden sich lange Autocorsos mit vorwiegend getunten Fahrzeugen. Eine Flagge aus dem rechten Fenster, ein Schrei oder ein Jauchzen aus dem linken. Einige ganz unerschrockene liegen auf die Kühlerhaube, um dem Publikum am Strassenrand zu imponieren. Die Schweiz verfällt jeweils in einen kollektiven Ausnahmezustand, ja Rauschzustand. Verkehrsregeln und Nachtruhe scheinen ausser Kraft gesetzt. König Fussball regiert auf den Strassen.

Schweizer Jubel nach dem WM-Spiel zwischen der Schweiz und Costa Rica. (Bild: Benjamin Manser)

Schweizer Jubel nach dem WM-Spiel zwischen der Schweiz und Costa Rica. (Bild: Benjamin Manser)

Der hupende Fussballfan, nicht wenige davon sind Menschen, die sich hauptsächlich über das Statussymbol Auto identifizieren, erhalten alle vier Jahre, oder mit EM alle zwei Jahre, die Möglichkeit, für einmal auszubrechen in die vermeintliche Spasszone. Für Nichtfussballinteressierte Menschen ist das Gehupe unverständlich und fragwürdig. Was wollen die mit den Posen und dem Imponiergehabe eigentlich genau aussagen? Vielleicht geht es den Hupern in Wahrheit weniger um Fussball, sondern viel mehr darum, mit der chicen und polierten Karre einige Runden zu drehen und cool zu wirken. Cool geht aber anders. Philipp Bürkler

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