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«Die Street Parade wird irgendwann wieder verschwinden – die Fasnacht nicht»: Ein Kulturwissenschafter geht der Tradition auf den Grund

Die närrische Zeit erlaubt eine Rebellion gegen die Obrigkeit. Sie zelebriert die fleischliche Sinneslust. Und ziemlich sicher werde die Fasnacht auch die Street Parade überdauern, meint der Kulturwissenschafter Boris Previšić.
Susanne Holz
Hier wird die Wissenschaft kritisch beäugt: Boris Previšić zwischen zwei Fasnachtsfiguren auf dem Balkon des Luzerner Hotel des Alpes. Bild: Nadia Schärli (Luzern, 18. Februar 2019)

Hier wird die Wissenschaft kritisch beäugt: Boris Previšić zwischen zwei Fasnachtsfiguren auf dem Balkon des Luzerner Hotel des Alpes. Bild: Nadia Schärli (Luzern, 18. Februar 2019)

Kommende Woche läutet der Schmutzige Donnerstag die Fasnacht ein. Bis Aschermittwoch darf gefeiert werden – so richtig. Wir möchten dieser wilden Tradition einmal – so richtig – auf den Grund gehen und befragten deshalb einen Kulturwissenschafter.

Jetzt tanzt die Fasnacht wieder durch die Strassen. Ein jahrhundertealter Tanz. Was ist die ureigene Funktion dieses Brauchtums?

Boris Previšić Mongelli: Die ursprüngliche Funktion der Fasnacht bestand darin, sich vor der Fastenzeit nochmals richtig auszutoben. Dazu gehörte üppiges Essen. Der Schmotzige Donnschtig ist eigentlich ein jeudi gras – ein fetter Donnerstag, an dem man ein letztes Mal schlachten konnte. Bis zum mardi gras – dem Güdisdienstag – konnte man sich dann so richtig den Magen vollschlagen.

Kann die heutige Fasnacht diese Funktion noch wahrnehmen?

Soweit ich die heutigen Diäten und Essgewohnheiten überblicke, sind unsere Verdauungssysteme solche Völlerei einerseits und lange Fastenzeiten andererseits schlichtweg nicht mehr gewohnt. Wir haben uns die Möglichkeit des zeitlich unbegrenzten Exzesses global gesichert und das Hungern, das bis in den Zweiten Weltkrieg auch die Schweizer Gesellschaft prägte, «outgesourct» in den «Süden». Darum erfüllt die heutige Fasnacht die beschriebene diätische Funktion sicherlich nicht mehr. Aber das ist ja nur ein Aspekt der Fasnacht.

Aber ist die Fasnacht denn nicht ein rein fleischliches Fest? Karneval kommt doch von «carne vale»?

Das heisst nicht viel mehr als «Fleisch, sei gegrüsst» oder «Fleisch, lebe wohl». Das Fest unter anderem auch der fleischlichen Sinneslust steht ganz unter dem Zeichen der bevorstehenden Fastenzeit, in welcher das Fleisch als Lebensmittel und Lust eben fehlen wird.

Ist die Street Parade eine neue Form von Fasnacht? Werden Veranstaltungen wie sie die Fasnacht ablösen?

Die Street Parade ist nur ein Zeitphänomen und wird irgendwann wieder verschwinden. Die Fasnacht nicht.

Wie lange schon gibt es die Tradition der Fasnacht?

Zuerst einmal müssen wir vielleicht mit dem Vorurteil aufräumen, an das selbst die Wissenschaft für populäre Kulturen bis in die 1980er-Jahre hinein geglaubt hat: nämlich daran, die Fasnacht sei heidnischen Ursprungs und stamme somit aus der Zeit vor der Christianisierung. Zwar sind im Rom des 9. und 10. Jahrhunderts erste Vorläufer des Karnevals anzutreffen. Ritualisiert aber wird das Fest erst im 13. Jahrhundert. Und dies nicht nur in Rom und Venedig, sondern quasi im ganzen Alpenraum und darüber hinaus rheinabwärts im schwäbisch-alemannischen Sprachgebiet bis nach Flandern und Holland. Die Fasnacht steht ganz im Zeichen der Zweiteilung in Teufelsstaat (civitas diaboli) und Gottesstaat (civitas dei), wie wir sie bei Philosoph und Kirchenvater Augustinus (354–430 n. Chr.) während des Übergangs von Spätantike zu Mittelalter vorfinden.

Gibt oder gab es noch andere, ähnliche Rituale wie die Fasnacht? Etwa in anderen Kulturen? Oder zu anderen Zeiten?

Den Gedanken des ewigen Gottesreiches kontrastiert die Vergänglichkeitserfahrung im Hier und Jetzt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden beim Narrenfest auf den Kopf gestellt. Man lässt mit den Masken die Toten wieder auferstehen. Auf all diese Besonderheiten trifft man im Alten Ägypten beispielsweise in Form des Isis-Kults, im Alten Griechenland in den dionysischen Varianten, im Alten Rom während der Saturnalien. Da tauschen Sklaven und Herren ihre Rollen, es kommt zu Gelagen, man macht Umzüge. Die Varianten sind weltweit gross. Doch die Fasnacht macht nur Sinn im christlichen Kalender.

Wie passt Fasnacht noch in unsere Zeit, da viele doch das ganze Jahr über «Party machen»?

Das ist eine wichtige Frage. Aufgrund des heutigen, vorwiegend säkularisierten Lebens, in dem selbst die hohen Feiertage weitgehend kommerzialisiert sind und vielleicht noch am ehesten der Familie gelten und nicht mehr dem kirchlichen Jahresablauf, muss man sich ernsthaft fragen, ob die Fasnacht noch in unsere Zeit passt. Doch Fasnacht bedeutet ja nicht einfach «Party machen».

Können Sie das weiter ausführen? Auf einer kulturwissenschaftlichen Ebene?

Lassen Sie mich dafür ein bisschen ausholen. Die Fasnacht stillt wahrscheinlich zwei Bedürfnisse, welche gerade heute nicht von der Hand zu weisen sind: Erstens kehrt sie jedes Jahr wieder und vermittelt uns das Gefühl von Beständigkeit in einer immer schneller werdenden Zeit. Der Zeitzyklus stellt sich dem Zeitpfeil direkt entgegen. Und das empfinden wir als erholsam – oder wie immer man es nennen möchte. Das ist wichtig im makrostrukturellen Zeitempfinden des Menschen. Auf mikrostruktureller Ebene bietet uns die Fasnacht noch etwas Weiteres: Im genauen und reglementierten Ablauf der Tagwache, von Urknall, Fötzeliregen, Orangenauswerfen, und dann im Umzug der Gesellschaften, Zünfte und Guuggenmusigen am selben Tag und ebenso am Güdis-mäntig, wissen sich alle Teilnehmenden aufgehoben in Ritualen. Die heutige Gesellschaft sehnt sich – etwa als Kompensation zum entfesselten Kapitalismus – nach diesen Ritualen, die ihr den Eindruck zeitlicher Abstimmung vermitteln. Und genau das macht eine Party ja nicht.

Und das zweite Bedürfnis, das die Fasnacht stillt …?

Ja, das zweite Bedürfnis betrifft die Ventilfunktion, die wir heute vielleicht mehr denn je benötigen. Wir müssen doch ab und zu Dampf ablassen können. Und dafür bietet die Fasnacht einen ideal geregelten Rahmen. Sie hatte schon immer diese Ventilfunktion, um gegen die Obrigkeit in einem festgesetzten Zeitfenster zu rebellieren, um gezielt Kritik anzubringen, den nackten König vorzuführen, den Narren zu spielen und der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten.

Gehört zum fasnächtlichen Treiben also zwingend auch die Rebellion?

Im fasnächtlichen Überschwang, wenn man sich austoben und dem Alltag für ein paar Stunden oder sogar Tage einmal entfliehen konnte, schaffte sich das einfache Volk einen Freiraum. Die Ständeordnung konnte auf den Kopf gestellt werden. Doch für ein Herrschaftssystem insgesamt ist die Ventilfunktion zentral: Von Seiten einer weltlichen oder kirchlichen Obrigkeit stellte sich daher immer die Frage, wie viel Raum und Zeit man dieser notwendigen Ventilfunktion geben wollte, ohne das Herrschaftssystem grundsätzlich in Frage zu stellen. Von Seiten der Untertanen stellte sich die Frage gerade anders herum: Wie weit dürfen wir die Grenzen überschreiten, um unsere Rechte einzufordern? Diese Gratwanderung von beiden Seiten führt noch heute regelmässig zu Verboten oder gesellschaftlichen Sanktionen. Denken wir beispielsweise an das Verbot 1939 an der Basler Fasnacht, Hitler oder Mussolini abzubilden. Oder denken wir an das Missverständnis eines einstigen Luzerner Finanzdirektors, den Herrenabend als Podium für die Darstellung des eigenen Sexismus benutzen zu dürfen.

Und dabei möchte man doch gerade während der Fasnacht regellos sein?

Jegliches Zusammenleben bedarf gewisser Regeln. Ich bin mir nicht sicher, ob man diese Frage eindeutig beantworten kann. Denn mit Regeln beschneidet und ermöglicht man individuelle Freiheiten zugleich. Ich glaube, es handelt sich um ein Missverständnis: Grundsätzlich und ursprünglich war es nicht Funktion der Fasnacht, sich gegen Reglementierungen aufzulehnen, sondern gegen festgesetzte Ordnungen, um so den ungerechtfertigten Status privilegierter Personen zu hinterfragen. Doch die Fasnacht verkommt in der Geschichte oftmals zur reinen Machtrepräsentation, wenn sie ihr kritisches Potenzial verliert. So zum Beispiel ab dem Jahr 1499, als die Spitzen der städtischen Verwaltung Roms das Fasnachtsprogramm dem Papst zur Genehmigung vorlegen mussten.

Gut. Jetzt argumentieren Sie mit der Vergangenheit. Aber noch mal: Brauchen wir die Fasnacht heute nicht einmal mehr als Ventil gegen den Regelwahn?

Reglementierungen können den privaten oder den öffentlichen Bereich betreffen. Darum müssen wir differenzieren. Grundsätzlich beobachte ich heute eine sehr enge Verzahnung von öffentlich und privat. Denken wir nur an das World Wide Web, das in fast jedem Kinderzimmer präsent ist. Aus liberaler Sicht stellt sich etwa ernsthaft die Frage, ob es Sinn macht, gewisse Drogen zu verbieten und andere nicht – solange es sich um den Privatkonsum erwachsener und mündiger Personen handelt und der Konsum die öffentliche Sphäre nicht beeinträchtigt. Handkehrum macht es heutzutage einfach keinen Sinn mehr, Dinge wie den Kohlendioxidausstoss als eine Grundfreiheit zu propagieren – da man inzwischen doch sehr genau weiss, welchen Schaden diese Emissionen für uns und vor allem für die zukünftigen Generationen verursachen.

Ist die Fasnacht aber nicht immerhin der letzte Freibrief, sich auch mal daneben zu benehmen?

Das würde ich nicht behaupten. Doch vielleicht ist die Fasnacht der Freibrief, der bereits am längsten in unserer Kultur verankert ist. Obwohl die Fasnacht im christlichen Kalenderjahr integriert ist, werden mit ihr weitere menschliche Urbedürfnisse befriedigt, so der Kontakt mit der Totenwelt. Die Abweichung von der Alltagsnorm können wir also nicht nur als gesellschaftlichen Regelverstoss verstehen, sondern auch als sinnliche Erweiterung unserer Lebenswelt.

Apropos sinnlich: Warum findet die Fasnacht noch vor dem Frühling statt, wenn es immer noch kalt ist?

Die Zeitspanne der Fasnacht füllt das römische Jahr bis zu seinem ursprünglichen Jahresbeginn im März. Auch hier ist wieder die christliche Integration für die Reglementierung des Nichtreglementierten entscheidend.

Die Fasnacht unterliegt also auch genauer Terminierung im Jahreslauf. Wie soll man diesen geregelten Ausbruch finden? Ist ja fast wie Weihnachten und Ostern ...

Ich kenne kaum ein Fest, das geregelter ist als die Fasnacht – auch wenn sie, von aussen besehen, nicht diesen Eindruck vermittelt. Denken wir nur an den Ablauf der Umzüge, an die Maskenordnung oder auch an die Sprachordnung der Schnitzelbänke. Je starrer der Rahmen, sei er nun rituell oder reglementarisch, desto freier kann man sich allerdings auch darin bewegen, weil der Rahmen als solcher ja feststeht und man sich nicht mehr darüber verständigen muss. Die Festlegung des Rahmens passiert übrigens im Lozärner Fasnachtskomitee und in allen Untersektionen, Zünften und Organisationen.

Was unterscheidet eine katholische von einer protestantischen Fasnacht?

In Hermann Burgers (1942–1989) morbidem Roman «Schilten» entflieht der am Schluss völlig vereinsamte Hauptprotagonist und Dorfschullehrer Schildknecht dem stockprotestantischen Hinteraargau, dem Ruedertal, und landet mit seiner eigenen Totenmaske in der Lozärner Fasnacht – zuerst in einer Fressorgie: «Stämmige Serviertöchter in kurzen, gekreppten Papierröcklein tragen, balancieren überschwappende Schlachtplatten herein, dampfende Berge von Sauerkraut, garniert mit Kalbsköpfen, blutigen Wädlis, gefüllten Schweinsfüssen und geringelten Schwänzchen.» Alles andere, was auf den Folgeseiten und bis zum Abschluss des Romans folgt, ist nicht mehr jugendfrei: die Musik, die Masken, das Gelage, das bacchantische Fest.

Hat der Protestantismus dem wilden Fasnachtstreiben einst den Garaus gemacht?

Ja, dem ist so. Man hat aber zuerst einmal die Fastenzeit abgeschafft, womit die Fasnacht schlicht obsolet wurde – ausser die Basler Fasnacht. Sie hielt sich trotz Verboten durch die kirchliche und weltliche Obrigkeit. Und noch heute ist ihr der protestantische Charakter nicht abzusprechen, steht doch das gereimte und rhythmisierte Wort – ganz im Sinne der Reformatoren – im Zentrum. Dass der Morgestraich erst am Montag nach dem katholischen Aschermittwoch beginnt, ist keine Trotzreaktion auf die Fasnacht in Luzern. In Basel beruft man sich auf die ursprüngliche Zählung der vierzig Tage Fastenzeit, in welcher die Sonntage auch mitgezählt wurden. So rückt die Fasnacht näher an Ostern heran.

Zum Abschluss noch eine ganz persönliche Frage: Wie halten Sie selbst es mit der Fasnacht?

Das bleibt ein Geheimnis, worüber ich mich weiterhin ausschweigen werde.

Eine Frage zu Ihrem Namen sei aber noch erlaubt: Dieser scheint aus dem Gebiet Ex-Jugoslawiens zu stammen?

Ja, da liegen Sie richtig. Ich hatte als Vierjähriger nur einen jugoslawischen Pass – weil es die Schweizer Gesetzgebung so wollte. Meine Herkunft war für mich Auslöser für meine Beschäftigung mit Interkulturalität oder mit der literarischen Verarbeitung der postjugoslawischen Kriege. Diese eindeutige Zuordnung verdeckt aber anderes.

Und das wäre?

Mein Grossvater mütterlicherseits, ein Langenegger, ist vor rund hundert Jahren aus dem oberen Emmental ausgewandert. Wahrscheinlich haben seine streng calvinistisch erzogenen Eltern die Sehnsucht nach der Luzernischen Fasnacht nicht mehr ausgehalten. Nur sind sie nicht wie Schildknecht in Hermann Burgers Roman der Versuchung erlegen, sondern haben einen grossen Bogen darum gemacht und sich im Kanton Thurgau niedergelassen. (lacht) Ich wiederum habe das Privileg, mich aus wissenschaftlicher Warte dem Phänomen zu nähern.

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