Die Emotionen der Städte

Städte-Rankings Jedes Jahr im April präsentiert die Mercer-Studie die beste Stadt der Welt. Doch kann man die Qualität einer Stadt so einfach messen? Ein kleines Büchlein äussert Zweifel – und ermuntert zu neuen Zugängen bei der Frage, was eine Stadt lebenswert macht. Beda Hanimann

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Musse in Wien: Wozu verführt dich die Stadt? Wo setzt sich niemand hin? An welchem Ort tankst du auf? Macht die Stadt dich trunken? (Bild: Philipp Krass)

Musse in Wien: Wozu verführt dich die Stadt? Wo setzt sich niemand hin? An welchem Ort tankst du auf? Macht die Stadt dich trunken? (Bild: Philipp Krass)

Ist es der Duft von Lindenblüten in den vorsommerlichen Quartierstrassen? Die tolle Lage am See und die Nähe zu den Bergen? Das kulturelle Angebot oder der Steuerfuss? Die Tatsache, dass wir beim Wocheneinkauf unvermittelt vor einem Klassenkameraden aus vergangenen Zeiten stehen – die Tatsache also, dass Historie und Zeit so direkt spürbar bleiben?

Es gibt viele Gründe, eine Stadt als die liebste und attraktivste und schönste zu bezeichnen. Es gibt sogar, man kann es fast mathematisch sagen, so viele Gründe wie menschliche Bedürfnisse. Die weltweit attraktivste Stadt existiert folgerichtig nicht.

Mittel des Standortmarketings

Trotzdem wird sie mit schöner Regelmässigkeit gekürt. Das berühmteste Städte-Ranking ist die Mercer-Studie, die jedes Jahr im April vorgestellt wird.

Acht Jahre lang gehörte laut Mercer der Stadt Zürich die Krone, 2009 wurde sie von Wien abgelöst, die neuesten Ergebnisse werden wohl am sehnsüchtigsten in diesen beiden Städten erwartet. Denn die Mercer-Rangliste bedeutet Publizität, die Standortmarketing-Abteilungen wissen das zu schätzen. Lange habe es in Zürich zum guten Ton gehört, über die eigene Stadt die Nase zu rümpfen.

Nach der ersten Bewertung durch die Mercer-Studie, die Zürich als lebendige und trendige Stadt qualifizierte, habe sich das geändert, sagt Brigit Wehrli, die Direktorin der Abteilung «Stadtentwicklung Zürich». Die Studie sei seither zu einem wichtigen Mittel des Standortmarketings geworden.

Welche Erschwerniszulage?

Dabei steckt hinter der Mercer-Studie als Kür der besten Stadt der Welt ein kleines Missverständnis, wie man etwas überspitzt sagen könnte.

Mercer ist die weltgrösste Beratungsfirma im Bereich Personalvorsorgeberatung und Human Capital Management. Sie errechnet Saläre für Mitarbeiter, die irgendwo in die Welt hinaus geschickt werden. Es geht letztlich darum, ob der Mitarbeiter an seinem neuen Wirkungsort besser oder schlechter dasteht als in New York, das die Ausgangsbasis bildet. Die Experten sprechen von «Erschwerniszulage».

Dafür werden die Lebensumstände auf 39 Faktoren geprüft und in zehn Kategorien unterteilt. Es geht um die politische Stabilität oder Bankdienstleistungen, um Zensur oder das Angebot internationaler Schulen, um die Gefahr von Naturkatastrophen oder die Leistung des Stromnetzes. Ein breiter Katalog an Kriterien, ohne Zweifel. Aber lässt sich daraus die Lebensqualität ablesen?

Eine Gruppe von Stadtplanern, Designern, Architekten, Juristen und Journalisten aus der Schweiz und Deutschland meldet Zweifel an. Die ökonomisch ausgerichteten, quantifizierbaren Kriterien würden aus dem Kontext genommen und erschienen in der öffentlichen Wahrnehmung als die massgebenden Lebensqualitäten einer Stadt. Zudem gehe manchmal vergessen, «dass die Mercer-Studie gar nicht die Normalbürger, sondern eine international arbeitende Wirtschaftselite bedienen will», sagt der Spezialist für urbane Identität Martin Jann.

Abfall, Licht und Poesie

Sein Statement steht (wie auch jenes von Brigit Wehrli) im postkartenkleinen, querformatigen Büchlein «Meine, deine schönste Stadt der Welt», das im Badener Verlag Lars Müller Publishers herausgekommen ist*. Der Titel lässt schon ahnen, dass hier kein weiteres Rating mit Top-Ten-Listen vorliegt. Die Autoren gingen «weit über quantifizierbare Daten hinaus» und wagten «einen zweiten Blick auf die Frage, was eine Stadt lebenswert macht», wie Jann schreibt.

Sie taten dies mit fünfzig eigenen Kriterien und Fragestellungen, von Abfall über Dichte, Geruch, Klang, Licht bis zu Poesie und Zufriedenheit. Es sind augenzwinkernde Ansätze, ebenso witzig illustriert, mit überraschenden Fragen. Wer lebt vom Abfall? Wie langsam ist die Stosszeit? Woran erkennst du die Jahreszeiten? Bekommen Kinder Wursträdchen? Gibt es heitere Augenblicke bei Regen?

Menschen machen die Städte

Das sind scheinbar kleine Fragen, die den Alltag aber vielleicht weit mehr prägen als Steuerfüsse oder die Nähe von Einkaufszentren. Fragen, die nicht nur nach schnellen Antworten haschen, sondern vor allem auch sensibilisieren wollen. Die dazu führen sollen, dass man eine Stadt nicht einfach toll findet, weil sie international und offiziell gut dasteht, sondern weil man spürt, dass hier etwas übereinstimmt mit den eigenen Bedürfnissen.

Mit diesem Zugang, man spürt es förmlich auch beim Durchblättern der Bilder, beginnen die Städte zu leben und ihr eigenes Gesicht zu entwickeln. «Menschen machen die schönen Städte aus, nicht umgekehrt», schreibt die Politologin Regula Stämpfli, die im zweiten Buchteil zusammen mit anderen Dozenten der Zürcher Hochschule der Künste um eine Einschätzung aus ihrem Blickwinkel gebeten wurde.

Permanenter Vergleich

Das unverwechselbare und emotional wahrgenommene Gesicht einer Stadt ist ein entscheidender Punkt in Zeiten von Globalisierung, Mobilität und Ranking-Normierung, wo die Städte «in einen permanenten Vergleich geraten sind», wie Regina Bittner vom Bauhaus-Kolleg Dessau schreibt. Das gilt gerade für eine Generation, die so viele Städte gesehen hat wie keine andere vor ihr – und die überall irgendwie zugleich Bewohner wie Tourist ist.

* Meine, deine schönste Stadt der Welt. Merkmale urbaner Lebensqualität. Lars Müller Publishers, Baden 2010, Fr. 32.90 www.schoenstestadtderwelt.org

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