Wissenschaft
Die drei Köpfe des Johannes

Oft gelingt es Wissenschaftern, falsche Reliquien zu entlarven. Dagegen ist es nicht möglich, die Echtheit eines Stücks zu beweisen – die Naturwissenschaften können nur vage Hinweise liefern.

Niklaus Salzmann
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Millionen Pilger reisten an, als in Russland im Sommer 2017 die Nikolaus-Reliquien aus Bari gezeigt wurden.

Millionen Pilger reisten an, als in Russland im Sommer 2017 die Nikolaus-Reliquien aus Bari gezeigt wurden.

KEYSTONE

Sind christliche Pilger tausend Jahre lang in die falsche Ortschaft gereist? Stammen die Gebeine, die in der süditalienischen Stadt Bari verehrt werden, gar nicht von Sankt Nikolaus? Mit dieser These gingen türkische Forscher im Herbst 2017 an die Öffentlichkeit.

Sie hatten in der Stadt Demre im Süden der Türkei eine Grabkammer entdeckt – und zwar unterhalb der Kirche, wo Nikolaus ursprünglich bestattet worden war. Darin fänden sich vermutlich die wahren Überreste des heiligen Nikolaus, sagen die Forscher.

Das tönt nach einem harten Schlag für die vermeintlichen Reliquien von Bari. Doch der Fund aus der Türkei taugt bislang nicht als Ersatz. Die Forscher fanden die Hohlräume unter der Kirche mittels Radar, das Grab blieb ungeöffnet. Einen Knochen hat bislang niemand zu Gesicht gekriegt.

Dabei geht es doch bei Reliquien gerade darum, dass durch sie die Heiligen vergangener Zeiten sicht- und greifbar werden. Als die italienischen Knochen im Sommer 2017 vorübergehend in Russland gezeigt wurden, lockten sie in zwei Monaten fast zweieinhalb Millionen Besucher an. Die Schlange in Moskau sei zeitweise drei Kilometer lang gewesen.

Das Alter des Knochens passt

Welche Knochen nun tatsächlich von Nikolaus stammen, ist eine komplizierte Frage. Bari und Demre sind nicht die einzigen Ortschaften, an denen angeblich Knochenfragmente des beliebten Heiligen lagern. Eine Kirche in Venedig bewahrt deren Hunderte auf. Immerhin kam ein Anatomieprofessor einst zum Schluss, dass sich die Stücke aus Venedig und jene aus Bari ergänzten und vom gleichen Skelett stammten.

Ein weiteres Fragment, das Nikolaus zugeordnet wird, gehört einer Kirche in einem Vorort Chicagos. Es handelt sich um ein Stück eines Beckenknochens – und jene Partie fehlt unter den Knochen in Bari. Im vergangenen Jahr haben Wissenschafter um Tom Higham von der Universität Oxford mit der C-14-Methode das Alter dieses Fragments bestimmt. Und siehe da: Es stammt aus dem vierten Jahrhundert, passend zu Nikolaus, der ungefähr 350 nach Christus gestorben ist.

Dieses Stück eines Beckenknochens stammt aus dem vierten Jahrhundert, was zu Nikolaus passen würde.

Dieses Stück eines Beckenknochens stammt aus dem vierten Jahrhundert, was zu Nikolaus passen würde.

Keystone/HO

Diese Übereinstimmung ist keineswegs selbstverständlich. Ein Gegenbeispiel ist die wohl berühmteste Reliquie der Welt: das Grabtuch von Turin, in das Jesus nach seinem Tod eingewickelt worden sei. Es wurde vor dreissig Jahren von der ETH Zürich und zwei weiteren Labors mit der C-14-Methode untersucht. Alle drei kamen zum Ergebnis, dass das Tuch aus dem Mittelalter stammt. Es soll irgendwann zwischen 1260 und 1390 entstanden sein.

Längst kursieren in gläubigen Kreisen Erklärungen, weshalb diese Laborergebnisse falsch sein könnten. Die Wissenschafter hätten ein Stück vom Rand untersucht, mit dem das Grabtuch nachträglich ausgebessert worden sei, heisst es oft. Oder die chemische Zusammensetzung des Tuches sei durch ein Konservierungsmittel oder einen Brand verändert worden, was die C-14-Datierung verfälschte.

Totentuch von Jesus oder mittelalterliche Fälschung? Das Turiner Grabtuch bleibt umstritten.

Totentuch von Jesus oder mittelalterliche Fälschung? Das Turiner Grabtuch bleibt umstritten.

Keystone/HO

Die C-14-Methode wurde in der Zwischenzeit verfeinert. Doch noch immer widersprechen ihre Resultate oft der überlieferten Geschichte der Objekte. «Bei vielen Reliquien, die wir untersuchen, stellt sich heraus, dass sie aus einer späteren Epoche stammen, als ihnen historisch nachgesagt wird», sagte Tom Higham von der Universität Oxford vor einem Jahr laut Medienmitteilung.

Oft gelingt es den Wissenschaftern also, falsche Reliquien zu entlarven. Dagegen ist es nicht möglich, die Echtheit eines Stücks zu beweisen – die Naturwissenschaften können nur vage Hinweise liefern. Entsprechend gering ist das Interesse der kirchlichen Besitzer, beliebte Reliquien für Untersuchungen zur Verfügung zu stellen.

Anders ist es bei Objekten, die neu entdeckt werden und sich erst den Ruf einer Reliquie schaffen müssen. So förderten im Jahr 2010 Archäologen auf einer Insel in Bulgarien einen Sarkophag aus Marmor zutage, der sechs menschliche Knochen enthielt, die laut den Findern von Johannes dem Täufer stammen könnten.

Einen davon, einen Mittelhandknochen, untersuchte Tom Higham in Oxford mit der C-14-Methode. Er staunte selber über das Ergebnis: Der Knochen stammte tatsächlich von einem Menschen, der im frühen ersten Jahrhundert gelebt hatte. Forschern der Universität Kopenhagen gelang es gar, DNA aus drei Knochen zu rekonstruieren. Diese deutete auf einen Mann aus dem Nahen Osten hin. Das alles würde auf den heiligen Johannes zutreffen.

Heiliger mit drei Köpfen

Bleibt ein Problem: Der Mittelhandknochen stammt von einer rechten Hand – und die rechte Hand von Johannes dem Täufer liegt als Reliquie bereits seit Jahrzehnten in einem Kloster in Montenegro. Derartige Körper-Vermehrungen sind für Heilige allerdings nicht ungewöhnlich. Köpfe von Johannes dem Täufer gibt es mindestens drei: einen in Rom, einen in Amiens in Frankreich und einen in der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Endgültige Klarheit können weder die C-14-Methode noch genetische Untersuchungen geben. Doch immerhin sind ihre Ergebnisse einigermassen neutral. Andernfalls geht bei derart bedeutungsträchtigen Gegenständen das Wissen rasch in Glauben über. So bei den Spekulationen um das Bildnis, das auf dem Turiner Grabtuch zu sehen ist.

Eine Gruppe Wissenschafter, die das wertvolle Stück Stoff im Jahr 1978 während fünf Tagen untersuchen durfte, schrieb in ihrem Bericht: «Wie das Bildnis entstanden ist, bleibt ein Mysterium.» Der christliche Reliquienforscher Michael Hesemann berichtet auf seiner Website über diese Untersuchungen, zieht aber seinen eigenen Schluss: «Es muss kurzfristig durch eine starke Strahlung entstanden sein.» Das passt perfekt zur religiösen Vorstellung, wonach der Körper von Jesus Christus zu leuchten begonnen hatte.

Die Kirche selber gibt sich zurückhaltend und äussert sich nicht zur Echtheit des Grabtuchs. Das haben derartige Objekte auch gar nicht nötig. Ihre Wirkung auf Gläubige entfalten sie ohnehin. Und auch vermarkten lassen sie sich bestens. Auf Plattformen wie Ebay werden Stücke des Heiligen Kreuzes inklusive Authentizitätszertifikat für vierstellige Beträge verkauft.

Und auch Wissenschafter machen sich die Aura von Reliquien zunutze. Die Universität Oxford veröffentlichte ihre Pressemeldung zur Datierung des Nikolaus-Beckenknochens letztes Jahr am 5. Dezember. Kein schlechter Zeitpunkt, um Publizität für die Hochschule zu erlangen.