«Die Dosis macht das Gift»

Als ehemaliger CEO der Schweizer Raiffeisenbanken hat Felix Walker einen vertieften Einblick ins Geschäft mit dem Geld. In einer kinderreichen Bauernfamilie aufgewachsen, hat er nicht nur die Sonnenseite des Lebens erfahren

Drucken
Teilen
Felix Walker: "Früher oder später präsentieren sich die maroden Kredite wieder besser." (Bild: Reto Martin)

Felix Walker: "Früher oder später präsentieren sich die maroden Kredite wieder besser." (Bild: Reto Martin)

Ein beschauliches Einfamilienhaus-Quartier auf dem St. Galler Rosenberg. In den Gärten sind überall Herbstaufräumarbeiten im Gang; junge Gärtner stutzen Stauden und Hecken, pflanzen und rechen. Wer hier wohnt, stellt etwas vor, aber nicht zur Schau. Das Heim von Felix Walker und seiner Familie fügt sich unauffällig in die Reihe seiner Nachbarn ein.

Herr Walker, hatten Sie in Ihrem Leben je Angst vor Armut?

Felix Walker (denkt eine Weile nach): Nein, Armut habe ich glücklicherweise nicht erlebt, auch Hunger nicht. Doch als Bub einer kinderreichen Walliser Bauernfamilie weiss ich, dass meine Eltern rechnen mussten, insbesondere, als die Kosten für die Ausbildung der neun Geschwister langsam zu Buche schlugen. Vor allem unsere Mutter bestand darauf, dass aus allen etwas Rechtes werden sollte, und so besuchte ich das Kollegium in Brig. Weiter kommt mir in den Sinn, dass ich als HSG-Student mit den 300 Franken der Eltern auch die Miete von 60 Franken für ein kleines Zimmer bezahlen musste, das ich aus Spargründen während des Militärdienstes jeweils aufgab. Je länger der Monat fortgeschritten war, umso sehnlicher erwartete ich die monatliche Postüberweisung. Wenn der Geldbeutel beinahe leer war, ernährten wir Studenten uns eben von Bier oder halfen uns innerhalb der Verbindung mit ein paar Franken aus.

In den meisten Familien ist ein Elternteil für die Finanzen zuständig. Wer übernahm bei Walkers das Zepter?

Walker: Mutter war unsere Finanzchefin, und sie lehrte uns auch den Umgang mit Geld. Sie verwaltete alle Einnahmen und Ausgaben. Taschengeld gab es keines, bis wir in die Ausbildung kamen. Und alles wurde bar bezahlt. Ich erinnere mich, wie sie uns Buben 50 Rappen für den Schreiner in die Hand drückte, der uns den Kopf schor. Göttibatzen und andere Zustüpfe wanderten zuerst ins Kässeli und später aufs Sparbüchlein der Bank.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Lohn?

Walker: Gewiss. Mein Vater hatte damals ein altes Bauernhaus gekauft, mein ältester Bruder half bei der Renovation, und ich kleiner Bub durfte ihm für 20 Rappen die Stunde zur Hand gehen. Und ich weiss noch ganz genau, dass dieser Bruder mit 22 Jahren eine Stelle beim Kanton antrat und dass sein Lohn von einigen hundert Franken für die Eltern eine hochwillkommene Entlastung des Budgets war.

Die Welt des Geldes hat Felix Walker schon als Bub fasziniert, wohl auch, weil die Mutter als gebürtige Italienerin «das Handeln im Blut hatte». Nach Matura in St. Gallen und Wirtschaftsstudium an der HSG fügte sich ein Stein zum andern. So schloss der Walliser mit einer Dissertation über die wirtschaftlichen Stärken seines Heimatkantons ab und kam zum Schluss, dass dieser mit einer verstärkten Nutzung der Wasserkraft im Energiebereich einiges Potenzial zu bieten hätte. Er erhielt daraufhin ein Stellenangebot bei der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg AG (EGL), wurde deren Finanzchef und wechselte schliesslich zum Schweizer Verband der Raiffeisenbanken.

Als Vorsitzender der Geschäftsleitung dieser Bank hatten Sie nun tagtäglich mit Geld zu tun. Heutzutage machen Finanzinstitute weltweit mit schöner Regelmässigkeit negative Schlagzeilen. Wurden die ethischen Prinzipien damals höher gehalten?

Walker: Als ich Ende der Siebzigerjahre als Direktor einstieg, herrschte in der Branche eine andere Unternehmensphilosophie als heute. Uns war bewusst, dass eine Bank als Verwalter fremden Geldes eine bedeutende Verantwortung zu tragen hat, ja, dass es geradezu eine Herausforderung war, mit dem anvertrauten Gut sorgsam umzugehen. Heute ist vielerorts Gewinnmaximierung oberstes Gebot, und der Zweck – sprich die Profitgier – heiligt alle Mittel. Seien es nun unverständlich und ungerechtfertigt hohe Managerlöhne oder die Inkompetenz, mit der gewisse Bereiche geführt werden, ohne Rücksicht auf Verluste wie etwa im Investmentbereich. Der Gewinn wird beinahe verabsolutiert. Über die Folgen lesen wir mittlerweile täglich in der Zeitung, sei es in den USA oder bei uns. Ein Kulturwandel in den Chefetagen ist dringend notwendig, um das angeschlagene Vertrauen und die Glaubwürdigkeit unseres Finanzplatzes wieder herzustellen.

Haben Sie in diesem Zusammenhang ein Leitmotiv, das Sie ab und zu gerne zitieren?

Walker: Ja. Er ist zwar altbekannt, aber meines Erachtens heute gültiger denn je: Geld und Geist – der Titel des berühmten Gotthelf-Buches. Wir alle sind auf Geld angewiesen, doch sein Wert hängt davon ab, wie wir mit ihm umgehen, damit der Sinn nicht verlorengeht. Es ist wie in der Medizin: Die Dosis macht das Gift! Die Funktion des Zahlungsmittels hat sich im Laufe der Jahrhunderte geändert, aber Geld gibt zweifellos Sicherheit und Macht, verleiht Einfluss und gilt mehr denn je als Statussymbol. Wer genügend davon hat, leistet sich einen Gegenwert – und zeigt es auch. Während meiner Bankkarriere habe ich übrigens feststellen müssen, dass Arme mit dem Geld nicht etwa mehr Probleme haben als Reiche. Während die ersteren sich Sorgen machen müssen, ob es für den Lebensbedarf ausreicht, neigen letztere dazu, einem masslosem Wachstum nachzueifern, und haben einen Drang, es überzubewerten. Denn sein Grenznutzen nimmt mit zusätzlichen Nullen nicht zu.

Sie sind Vater dreier Kinder. Heute scheint es wichtiger denn je, dass Jugendliche so früh wie möglich den Umgang mit Geld lernen. Wie sind Sie und Ihre Frau dieses Thema angegangen?

Walker: Heutzutage ist es für die Jungen ungemein schwieriger als in meiner Jugend, das rechte Mass zu finden, das Umfeld bietet zu grosse Verlockungen. Die meisten jungen Frauen und Männer verfügen über eigenes Geld und haben die Möglichkeit, es mehr oder weniger sinnvoll auszugeben. Diese Sorglosigkeit ist bis zu einem gewissen Masse nachvollziehbar. Denn sie wachsen in einem Land auf, in der unser Sozialsystem als Auffangbecken betrachtet wird nach der Devise «Mir kann nichts geschehen, egal, was ich auch tue». Zudem merken sie, dass auch Erwachsene ihre Vorbildfunktion und Verantwortung nicht immer wahrnehmen– wie übrigens auch gewisse Politiker nicht. Im Elternhaus wird auch hierfür der Boden gelegt. Meine Frau und ich haben unseren Kindern Grenzen gesetzt, aber auch Vertrauen geschenkt, wollten nicht immer wissen, wofür sie ihr Geld ausgaben. Es ist ein Glücksgefühl, wenn die in die Jahre gekommenen Eltern feststellen, dass sie im Notfall auf die erwachsenen Kinder zählen könnten. Dann kann die Erziehung nicht grundlegend falsch gewesen sein.

Auch wir Erwachsenen stellen oft Vergleiche an: Der Nachbar hat ein grösseres Haus, fährt einen schnelleren Wagen, kann sich exklusive Ferien leisten. Dieses Verhalten muss sich früher oder später auf unsere Kinder übertragen…

Walker: Wir vergleichen uns ständig mit den Bessergestellten, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Es wundert deshalb nicht, dass die Ansprüche – auch jene der Kinder – dementsprechend wachsen, unabhängig davon, ob man nun finanziell in der Lage ist, sie zu erfüllen oder nicht.

Oft hört man die spöttische Bemerkung, dass hinter dieser Haltung eine Frau steht, die ihren Mann antreibt. Stammtischgeplauder oder Tatsache?

Walker (schmunzelt): Im Laufe meiner Karriere habe ich tatsächlich hie und da erlebt, dass Frauen ihre Männer dazu angetrieben haben, Schritt für Schritt die Karriereleiter zu erklimmen und damit zu mehr Lohn und Ansehen zu gelangen. Nicht wenige Männer bekamen Magengeschwüre, weil sie den Anspruch nicht aushielten…

Wofür würden Sie niemals Geld ausgeben?

Walker: Ich würde nie einige 10 000 Franken für einen Golfclub-Beitritt ausgeben. Mir ist ohne Handicap sehr wohl…

Interview: Sybil Jacoby

Aktuelle Nachrichten