Interview

Die Corona-Epidemie hat einen Rattenschwanz: Für die Spitäler kommt eine zweite Krise

Den Universitätsspitälern droht ein finanzielles Loch. Der Direktor in Genf hat aber nicht für alle ausgebliebenen Behandlungen eine Erklärung.

Sabine Kuster
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Das Universitätsspital Genf wurde zeitweise zu einem kompletten Covid-Spital.

Das Universitätsspital Genf wurde zeitweise zu einem kompletten Covid-Spital.

Bild: Martial Trezzini/Keystone (Genf, 9. April 2020)

Die Coronakrise war in der Schweiz für die meisten unsichtbar: die Restaurants menschenleer, die Strassen kaum belebt. Der Ort der Krise waren die Intensivstationen der Spitäler – und besonders die fünf Universitätsspitäler, wo die schwersten Fälle behandelt wurden. Diese zogen gestern Bilanz – nach der ersten Welle und wahrscheinlich vor der zweiten, angesichts der über 137 gemeldeten Neuinfektionen.

Die Spitaldirektionen bezeichneten die Coronapandemie als eine der grössten Herausforderungen für das Schweizer Gesundheitssystem seit Jahrzehnten. Die Universitätsspitäler in Genf, Lausanne, Basel, Bern und Zürich hatten für die erste Welle die Intensivstationen von total 237 Betten auf 395 ausgebaut und hatten noch 144 in der Hinterhand. Schon in der fünften Woche der Pandemie hätte laut Uwe E. Jocham, Direktionspräsident der Insel Gruppe Bern, die normale Bettenkapazität nicht mehr ausgereicht. Von den 395 Betten wurden zum Glück dann nie alle gebraucht.

«In unserer Existenz bedroht»

Obwohl es dem Virus sehr nahe war, infizierte sich das Spitalpersonal nicht häufiger als der Durchschnitt der jeweiligen Region und zudem meistens ausserhalb des Spitals. Finanziell aber sind die Universitätsspitäler stark betroffen. «Wir sind nicht in zehn Jahren in unserer Existenz bedroht, sondern morgen», so Jocham. Die Unispitäler waren schon vorher defizitär, nun kommen Ausgaben für die Coronainfrastruktur von 66 Millionen Franken hinzu und ein Ertragsausfall von 290 Millionen wegen der Behandlungen, die von März bis Juni nicht gemacht wurden.

Überflüssig seien die nicht gewesen, wehrte sich Katja Bruni von der Direktion des Unispitals Zürich. «Universitätsspitäler sind nicht für überflüssige Operationen bekannt. Mit weniger Geld fehlen uns zuerst die Mittel für die Forschung.» Das sieht auch Bertrand Levrat so, der Generaldirektor des Genfer Unispitals HUG. Sein Spital war am stärksten betroffen, an einem Spitzentag Ende März wurden 53 neue Coronafälle aufgenommen.

Was wird in Ihrem Spital anders sein, wenn eine zweite Welle kommt?

Bertrand Levrat, Direktor des Genfer Universitätsspitals HUG

Bertrand Levrat, Direktor des Genfer Universitätsspitals HUG

Bertrand Levrat: Wir erhöhen wieder die Bettenzahl, aber ohne erneut den übrigen Spitalbetrieb anzuhalten.

Aktuell läuft es normal?

Nun ja, wir haben wieder acht neue Coronapatienten. Und wir haben noch 80 Patienten aus der ersten Welle. Aber niemand ist auf der Intensivstation. Der Druck ist stark gesunken.

Ihre Region hatte nebst dem Kanton Tessin am meisten Fälle. War die Intensivstation einmal voll?

Auf dem Höhepunkt waren 68 Betten belegt. Wir hätten bis 110 Plätze aufstocken können, wir haben dafür auch Personal ausgebildet. Aber das wäre eine extrem schwierige Situation gewesen. Man muss bedenken, dass unsere Intensivstation normalerweise nur 30 Betten umfasst.

Was hat Sie als Spitaldirektor besonders überrascht?

Alles. Speziell war die Reaktionsgeschwindigkeit des ganzen Spitals. Wir wurden abgesehen von den separaten Klinken wie der Maternité ein komplettes Covid-Spital. Alle sonstigen Behandlungen und Notfälle haben wir an Privatspitäler der Umgebung ausgelagert, wo unsere Chirurgen auch operiert haben. Wir wussten ausserdem noch nicht, wie ansteckend das Virus ist. Trotzdem sind alle gekommen, von den Ärzten bis zur Reinigungskraft.

Hat sich die Zusammenarbeit mit den anderen Spitälern intensiviert?

Ja. Wir teilen uns das Material auch sonst mit dem CHUV in Lausanne. Aber in der Krise, wenn man nur noch Ausrüstung für drei Tage hat, ist Zusammenarbeit existenziell.

Hat auch der Transfer von Know-how stattgefunden?

Ja, total. Momentan gibt es bei der Forschung zwar wieder etwas Konkurrenz, aber das stimuliert auch. Als wir zum Beispiel Anfang April über 500 Patienten hatten, mussten wir die Sauerstoffversorgung so stark hochfahren wie noch nie. Der Druck in den Rohren stieg dermassen, dass das System zu kollabieren drohte. Das habe ich meinen Kollegen in den anderen Universitätsspitälern sofort mitgeteilt.

Die Romandie war der Deutschschweiz voraus.

Ja, die Deutschschweiz konnte beobachten, was hier passiert und sich vorbereiten. Für mich am HUG war es ein Rennen gegen die Zeit.

Waren Sie mit der Strategie des Bundesrates einverstanden?

Generell gesehen ist es bemerkenswert, was geschehen ist. Wir hatten das Glück, einen Alain Berset zu haben. Im Nachhinein ist man immer klüger, aber der Bundesrat hat einige sehr mutige und effektive Entscheidungen getroffen.

Können Sie das entstandene Defizit Ihres Spitals von 110 Millionen Franken wieder aufholen?

Das wird schwierig. All die ambulanten Untersuche, die während der Krise nicht stattfanden, kommen nicht zurück. Das sind eine Million Untersuche pro Jahr, jetzt fehlen drei Monate.

Hat es also etwas Luft im Spitalapparat, Behandlungen, auf die man verzichten kann?

Ich denke nicht. Für manches haben wir keine Erklärung, anderes erklärt sich dadurch, dass die leichteren Notfälle nicht erschienen sind, zum Beispiel Eltern, die zwei Tage länger gewartet haben und deren Kind es dann besser ging. Also war auch das Verhalten der Bevölkerung anders.

Es gab auch weniger Herzinfarkte. Haben Sie nun dafür übermässig viele Fälle?

Ich bin Direktor und meine Erklärung ist, dass es weniger Direktoren gab, die den Angestellten das Leben schwergemacht haben.

Sie machen einen Witz?

Nun ja, vielleicht stimmt es ja. Wir haben nun jedenfalls keine Überzahl an Herzinfarkten. Aber vielleicht muss ich dafür in acht Monaten das Personal in der Maternité aufstocken.

Was möchten Sie in Ihrem Spital ändern?

Die Universitätsspitäler sind das Rückgrat der medizinischen Versorgung der Schweiz. Aber sie sind unterfinanziert. Je mehr wir arbeiten, je mehr Geld verlieren wir. Das muss sich ändern.