Die Bibel der Bahnfans

Eisenbahn Der ehemalige SBB-Pressechef Hans Wägli listet in einem Buch Zahlen und Fakten zum Schweizer Schienennetz auf. Die Daten von Betriebseröffnungen, die Länge von Tunnels und Brücken und die Streckenprofile aller Linien erzählen aber auch ein faszinierendes Stück Bahngeschichte. Beda Hanimann

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Mehr als blosse Ortsveränderung: Bahnfahren ist für viele auch Erlebnis, Spass, Hobby – und entsprechend ist ihre Kenntnis der Materie. (Bild: Tonia Bergamin)

Mehr als blosse Ortsveränderung: Bahnfahren ist für viele auch Erlebnis, Spass, Hobby – und entsprechend ist ihre Kenntnis der Materie. (Bild: Tonia Bergamin)

Der Schweizer weiss Bescheid über seine Bahn (die Schweizerin ist in diesem Fall nur bedingt mitgemeint). Er weiss, welche Seite des Zuges zwischen St. Gallen und Luzern die spannendere ist. Er weiss, wohin das Züglein auf dem Nebengeleise des Aarauer Bahnhofs fährt. Er weiss, nach welchem Tunnel er bereit sein muss für das grosse Staunen – wenn erstmals der Genfersee in seiner ganzen Pracht unter ihm liegt. Kurz: Die Schweiz und die Bahn, das ist eine enge Liaison.

Ein Netz dieser Dichte haben wenige Länder, der Fahrplan ist fast so dicht wie eine Schweizer Militärwolldecke. Und die Bahn, heisst es, sei hierzulande ein staatstragendes Element.

Der Herr der Weichen

Das sagt auch Hans G. Wägli. Der Berner ist seit drei Jahren pensioniert, sein Berufsleben stand im Zeichen der Eisenbahn. Er war Stationsvorstand, wurde SBB-Bibliothekar, schliesslich SBB-Pressechef. Und er dürfte der profundeste aller Schweizer Bahnkenner sein.

Es heisst von ihm, er kenne jede Weiche zwischen Thayngen und Chiasso, zwischen La Plaine und Scuol-Tarasp. Sein Wissen hat er zusammengetragen in einem Buch über das Schienennetz und die Eisenbahnen der Schweiz. 1980 kam es erstmals heraus, 1998 zum zweiten Mal, jetzt ist die dritte Auflage da – von Fans mit Ungeduld erwartet: Das zweibändige Werk ist Kult und wird als Bibel der Bahnfans bezeichnet. Was den Köchen im Land der «Pauli», das ist ihnen der «Wägli».

Wissensfülle ohne viele Worte

Der Hauptband umfasst rund 180 Seiten, der kleinere Atlas zum Mitnehmen 200. Geschwätzig sind sie beide nicht, die Texte beschränken sich auf ein Minimum. Und trotzdem vermitteln sie eine unendliche Wissensfülle, in Form von Zahlen, Tabellen, Grafiken und Fotos. Da sind sämtliche Betriebseröffnungen und -schliessungen minutiös aufgelistet, eine Orgie von teilweise längst verschwundenen Abkürzungen wie SGAE, SCB, LFB, EST oder RdB.

Jeder Tunnel von mehr als sieben Metern Länge und jede Brücke sind tabellarisch erfasst, die Daten der Elektrifizierung aller Linien nachgetragen. Im Atlas sind die Profile aller Strecken (inklusive Linien im grenznahen Ausland) aufgezeichnet mit Steigungen, Tunnels, Brücken, Distanzen, Spurbreiten, Stromsystemen, Verzweigungen, Bahnhöfen und Zahnradabschnitten.

Zahlen erzählen Geschichte

Eine wunderbare Spielerei ist das, ob zu Hause auf Kopfreise oder vor Ort am lebenden Objekt sozusagen. Ein heiteres Spiel für Spezialisten, die «Wäglianer», die Wägli selbst auch die «Eisenbahnnarren-Gemeinde» nennt. Und gleichzeitig steckt viel mehr in diesen Büchern. Beim Blättern setzt sich der Koloss aus Zahlen, Tabellen, Daten und Grafiken allmählich in Bewegung. Und beginnt Geschichten und Geschichte zu erzählen.

Kleine Teilstücke sind es, die da irgendwann tief im 19. Jahrhundert irgendwo in Betrieb genommen wurden, Zürich–Baden am 9. August 1844, Basel–Liestal am 19. Dezember 1854 oder Bussigny–Yverdon am 7. Mai 1855. Lauter Mosaiksteinchen, die nachvollziehbar machen, wie da allmählich das menschliche Mammutunternehmen Eisenbahn entstand.

Wie Dutzende von lokalen Unternehmungen und Hunderte von Zukunftsgläubigen sich dem neuen Transportmittel verschrieben – kaum ahnend, dass daraus innerhalb eines Jahrhunderts ein System der Fortbewegung würde, welches die Gesellschaft veränderte. Höchst spannend dabei auch zu verfolgen, wie Bahnunternehmen entstanden, wieder verschwanden, fusionierten, in grösseren aufgingen.

Der Lokführer-Traum

All das, es ist richtig, braucht man nicht zu wissen, wenn man einen Zug besteigt. Dass das Interesse daran dennoch so gross ist, zeigt: Bahnfahren ist für viele mehr als nur eine Ortsveränderung von A nach B. Es ist immer noch etwas dazu: auch Selbstzweck, auch Erlebnis, Spass. Es ist, wenn man will, Hobby.

Und darin mag die Faszination Bahn ein Stück weit begründet sein: Dass der Bahnfahrer sich nicht, wie der Autofahrer, mühsam mit Karte, GPS oder der Hoffnung

auf taugliche Beschilderung selber um die richtige Abzweigung kümmern muss – sondern kann, wenn er will. Und dass so viele das wollen? Vielleicht, weil in jedem Bahnfahrer noch ein Rest Lokführer-Traum weiterlebt.

Hans G. Wägli: Schienennetz Schweiz und Bahnprofil Schweiz CH+. Zweisprachig deutsch/französisch, Buch und Broschüre in Schuber. AS Verlag, Zürich 2010. Fr. 148.–