Firma sucht Passagiere für Flug ins Ungewisse: «Die besten Dinge passieren ungeplant»

Reisen soll wieder überraschender werden, findet die Firma Bbacksoon. Und bietet erstmals einen Flug ins Ungewisse an: Erst bei der Landung erfahren die Passagiere das Ziel. 

Melissa Müller
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Losziehen und entdecken, ohne gross zu planen. (Bild: Getty)

Losziehen und entdecken, ohne gross zu planen. (Bild: Getty)

Die Firma Bbacksoon bietet Überraschungsreisen an. Jetzt setzt sie noch einen drauf: Sie sucht 70 Abenteuerlustige, die in ein Flugzeug einsteigen, ohne zu wissen, wohin die Reise geht. Am 3. Mai 2019 chartern sie einen Flug ins Ungewisse. Bereits am Flughafen Altenrhein soll es ganz anders als gewohnt losgehen: Auf der Destinationstafel blinkt das Wort «Surprise» auf. Nur der Pilot und seine Crew kennen die Destination. Auch auf dem Ticket steht kein Zielort. Geschäftsführer Christoph Anrig sagt:

«Die Passagiere sollen raten
und ein Kribbeln spüren.»

Seit zwei Jahren organisiert er mit seiner Firma Spontantrips: Ihre Kunden erfahren erst kurz vor der Abreise, wohin es geht. Sie können aber wählen, ob es beispielsweise eine Städtereise, Wellness oder eine komplette Überraschung sein soll.

Zwei Freunde wollen weg – und finden keinen Termin

«Die besten Dinge im Leben passieren ungeplant», sagt Roland Laux, der die Geschäftsidee von Bbacksoon entwickelt hat. Auslöser war, dass er mit seinem besten Freund eine Städtereise unternehmen wollte. Die beiden fanden aber über Monate keinen gemeinsamen Termin. «Wir sind ja total fremdbestimmt», stellten die Familienväter um die 50 ernüchtert fest. Und dachten daran, wie sie früher mit Interrail quer durch Europa gereist waren. Ohne Plan, aber mit einem Kribbeln im Bauch.

«Es müsste eine Firma geben, die Spontantrips für viel beschäftigte Leute wie uns organisiert», überlegte Roland Laux – und gründete Bbacksoon. «Jetzt organisieren wir Ausbrüche aus dem durchgetakteten Alltag», sagt der Manager, der für Nestlé in Chile und in den USA tätig war. 2002 gründete Laux in St. Gallen die Innovationsfirma Unico-first. Unter anderem entwickelte er eine Schokolade aus kalt gepresstem Kakao, deren Patent er an Yello-Musiker Dieter Meier verkaufte.

Jetzt setzt der Geschäftsmann seine Hoffnung auf Bbacksoon. Das Start-up arbeitet mit dem Dornbirner Unternehmen «Travel connect» zusammen. Seit 2016 hätten 1000 Kunden bei Bbacksoon Kurzferien gebucht:

«Wir sind zuversichtlich, dass wir 2019 erstmals schwarze Zahlen schreiben können.»

Der Anfang verlief jedoch etwas harzig: Zwar fänden die meisten Leute die Idee eines Spontantrips auf Anhieb sympathisch und interessant – aber es brauche Zeit und Vertrauen, bis die Kunden tatsächlich auf den Zug aufspringen und eine Überraschungsreise buchen. «Das haben wir etwas unterschätzt», sagt Anrig.

Das Team für Spontantrips: Christoph Anrig, Roland Laux, Irene Montefusco, Karin Märki. (Bild: Hanspeter Schiess)

Das Team für Spontantrips: Christoph Anrig, Roland Laux, Irene Montefusco, Karin Märki. (Bild: Hanspeter Schiess)

Was ist der Unterschied zu einer «Last-Minute»-Reise? «Last Minute kann frustrierend sein. Denn oft sind die Schnäppchen schon weg und das Hotel lässt nicht selten zu wünschen übrig», sagt Christoph Anrig. «Bei uns kann man komplett zurücklehnen und loslassen, weil wir die Planung übernehmen. Ausserdem wählen wir handverlesene charmante Hotels aus, die hohen Ansprüchen gerecht werden.»

Raus aus dem Hamsterrad

Die Wände der Firma sind mit Post-its und Fotos beklebt, es herrscht eine bunte, kreative Atmosphäre. «We plan your spontaneity», steht da. «Oft fällt es uns im immer komplexer werdenden Alltag schwer, im Moment zu sein und vom Planen loszulassen», sagt Christoph Anrig. Das Reisen habe seinen Zauber eingebüsst, seit man jeden Ort im Internet besichtigen kann. Diesen Zauber will Bbacksoon zurückerobern. «Raus aus dem Hamsterrad», ist auch das Motto der vier Mitarbeiter: Einmal im Monat bekommt jeder und jede einen Tag frei, plus 100 Franken in die Hand gedrückt. «Natürlich ohne Ankündigung», sagt Christoph Anrig. «Daheim den Haushalt machen zählt nicht.»

Einmal schickte das Team Roland Laux ins Toggenburg mit der Anleitung, neben der Thur zu parkieren. Zuerst fluchte der Geschäftsmann innerlich. Denn er stand vor einer schwierigen Verhandlung, hatte schlaflose Nächte hinter sich. Ohne Plan machte er nun aber genau das, worauf er in diesem Moment Lust hatte und nicht, was vorgesehen war. Er setzte sich auf einen Stein, betrachtete den Fluss und lauschte dem Vogelgezwitscher. Dann kam ein Fischer auf ihn zu und plauderte mit ihm. «Zuerst dachte ich, das hätten meine Arbeitskollegen inszeniert», sagt Laux lachend. Dem war aber nicht so. «Nachdem ich den Kopf frei kriegte, wusste ich die Lösung für mein Problem.»

Noch einen Zacken frecher

Die Kreativität kehre zurück, wenn man sich Auszeiten gönne, sich ein paar Stunden oder Tage ausklinkt und das Planen loslässt. Die Welt drehe sich auch ohne einen weiter. «Mit dem Angebot des Flugs ins Ungewisse wollen wir noch einen Zacken frecher werden», sagt Laux. Zehn Personen hätten die viertägige Reise in eine europäische Stadt für 1400 Franken (inklusive Flug und Vier-Sterne-Hotel) bereits gebucht. «Wir brauchen bis Ende Januar aber weitere 50 Anmeldungen, um die Reise durchführen zu können», sagt Christoph Anrig. Allein schon das Chartern des Flugzeugs koste weit über 45 000 Franken. Was sollen die Spontan­touristen in den Koffer packen: Sandalen oder Moon Boots? Shorts oder Winterjacke? «Das verraten wir nicht», sagt Roland Laux schmunzelnd. «Die Überraschung ist ‹part of the game›.»