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Die begrenzte Macht des Wortes

«Sie sind verhaftet» – mit diesen Worten endete am 9. Februar 1945 die militärische Karriere des Hauptmanns Alexander Solschenizyn, und an eben diesem Tag begann die tragische Irrfahrt des Häftlings Sch 212 durch den gigantischen sowjetischen Gefängnisarchipel.
Alexander Solschenizyn nach seiner Ankunft in der Schweiz am 15. Februar 1974 während eines Zwischenhalts im Bahnhof von Basel. (Bild: ky)

Alexander Solschenizyn nach seiner Ankunft in der Schweiz am 15. Februar 1974 während eines Zwischenhalts im Bahnhof von Basel. (Bild: ky)

«Sie sind verhaftet» – mit diesen Worten endete am 9. Februar 1945 die militärische Karriere des Hauptmanns Alexander Solschenizyn, und an eben diesem Tag begann die tragische Irrfahrt des Häftlings Sch 212 durch den gigantischen sowjetischen Gefängnisarchipel. Während der acht Jahre, die Solschenizyn in verschiedenen Lagern verbrachte, erfuhr er die Grausamkeit der kommunistischen Strafmaschinerie am eigenen Leib. Über Nacht berühmt wurde Solschenizyn im Jahr 1962, als die grösste russische Literaturzeitschrift «Novyj Mir» seine Lagererzählung «Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch» mit dem persönlichen Segen des Parteichefs Nikita Chrustschow abdruckte.

Solschenizyn gelang in diesem Prosastück eine aufwühlende Darstellung des brutalen Alltags im Gulag. Der Autor enthielt sich in diesem nüchternen Prosatext jeder moralischen Anklage und zeichnete ein einfühlsames Psychogramm seines Helden. Die Toleranz des sowjetischen Kulturbetriebs endete jedoch mit der Etablierung der neuen Parteilinie unter Breschnew. 1967 richtete Solschenizyn einen offenen Brief an den Schriftstellerverband und verurteilte die Entstellung der russischen Literatur durch die Zensur. Der unerschrockene Kampf des aufrechten Schriftstellers gegen das kommunistische Unrechtsregime hatte längst auch im westlichen Ausland Wellen geschlagen und wurde 1970 mit der Verleihung des Nobelpreises gewürdigt.

Angst vor Ausbürgerung

Letztlich war es nur die prominente Stellung Solschenizyns, die ihn vor einer erneuten Verhaftung bewahrte. Solschenizyn verstand sich indes immer als Patriot, der sein russisches Vaterland vor der sowjetischen Herrschaft verteidigen wollte. Deshalb weigerte er sich auch, zur Verleihung des Nobelpreises nach Stockholm zu reisen. Wie neuere Archivfunde beweisen, fürchtete er zu Recht, während seines Auslandaufenthalts ausgebürgert zu werden. Solschenizyns moralische Rigidität ging soweit, dass er sogar seinem Leidensgenossen Joseph Brodsky vorwarf, den Dienst an der russischen Kultur vorschnell gegen ein bequemes Exil im Westen eingetauscht zu haben.

1973 erschien in Paris Solschenizyns «Archipel Gulag». Nach der Publikation des «Iwan Denissowitsch» hatte der Autor zahlreiche Briefe und Erlebnisberichte von ehemaligen Gulaghäftlingen erhalten, die er zu einer umfassenden Dokumentation des stalinistischen Strafsystems ausarbeiten wollte. Programmatisch trug der «Archipel Gulag» den Untertitel «Versuch einer künstlerischen Untersuchung». Genau der literarische Aspekt dieses Werks wurde im Westen während des kalten Kriegs unterschlagen: Man reduzierte Solschenizyn auf den Ankläger gegen den unmenschlichen Kommunismus und gab sich der Illusion hin, er stehe für Demokratie und freie Marktwirtschaft ein.

Die Veröffentlichung des «Archipel Gulag» im Ausland brachte für das Politbüro das Fass zum Überlaufen. Der damalige KGB-Chef Andropov plädierte für eine neue Verbannung nach Sibirien; in letzter Minute kam jedoch von Willy Brandt das Angebot, den prominenten Autor in Deutschland aufzunehmen. Danach überstürzten sich die Dinge: Am 13. Februar 1974 wurde Solschenizyn in ein Flugzeug nach Köln gesetzt und war zunächst Gast bei Heinrich Böll. Wenig später zog Solschenizyn mit seiner Familie nach Zürich, wo ihm der damalige Stadtpräsident Sigmund Widmer ein Haus angeboten hatte. Allerdings verlegte er bereits 1976 seinen Wohnsitz nach Cavendish im amerikanischen Bundesstaat Vermont. Der konservative Senator Jesse Helms hatte Solschenizyn kurz nach der Ankunft in der Schweiz die amerikanische Ehrenbürgerschaft verliehen. Ausserdem wollte Solschenizyn seine drei Söhne mit der Weltsprache Englisch aufwachsen lassen.

Strafe für Gottlosigkeit

In der Abgeschiedenheit der Wälder in Vermont, die ihn an die herbe russische Natur erinnerten, arbeitete Solschenizyn unentwegt an seinem Opus magnum, dem Revolutionsepos «Das Rote Rad». Er wollte nach dem Vorbild von Tolstois «Krieg und Frieden» die unmittelbare Vorgeschichte der kommunistischen Machtergreifung in einem analytischen Epochengemälde aufzeigen. Im Zentrum von Solschenizyns historiosophischem Erkenntnisinteresse stand dabei die bürgerliche Februarrevolution des Jahres 1917, die seiner Ansicht nach am Anfang des russischen Verhängnisses im 20. Jahrhundert stand. Der Sturz der heiligen Zarenherrschaft war die Ursünde des russischen Volks, das laut Solschenizyn für seine Gottlosigkeit mit Unfreiheit und Staatsterror gestraft wurde. Der Oktoberumsturz der Bolschewiken galt dem Nobelpreisträger deshalb nur noch als Manifestation des Bösen, das sich auf den Trümmern der Autokratie bequem ausbreiten konnte.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sah Solschenizyn seine grosse Chance gekommen. Bereits 1989 hatten einige mutige Literaturzeitschriften erste Texte von Solschenizyn ohne offizielle Erlaubnis in Russland publiziert; Anfang der Neunzigerjahre erschienen seine Schriften in Massenausgaben. 1990 meldete sich Solschenizyn mit einem eigenen politischen Entwurf zu Wort und regte in seiner Schrift «Wie sollen wir Russland umgestalten» die Einsetzung eines autoritär regierenden «Rats der Weisen» an.

Skepsis gegenüber Demokratie

Mit dieser Broschüre, die in einer Auflage von 27 Millionen in Russland verteilt wurde, verstärkte sich die Entfremdung zwischen Solschenizyn und seinem amerikanischen Publikum: Die tiefe Skepsis gegenüber der Demokratie, den Massenmedien und dem Wirtschaftswachstum, gepaart mit einer deutlich christlich-nationalen Emphase, erschien vielen westlichen Kommentatoren als reaktionär. Es war deshalb nur konsequent, dass sich Solschenizyn im Jahr 1994 zur Rückkehr nach Russland entschloss. Er durchquerte in einer sorgfältig inszenierten Reise das ganze Land von Magadan im Fernen Osten bis Moskau, wo er seinen neuen Wohnsitz nahm. Zunächst erhielt er in den Medien viel Aufmerksamkeit; allerdings wurde seine eigene Talkshow im Fernsehen nach einem halben Jahr Laufzeit abgesetzt, weil er seine Gesprächspartner kaum zu Wort kommen liess. Trotzdem blieb Solschenizyn in den Printmedien präsent. Seine zum Teil anachronistisch anmutenden Stellungnahmen zum politischen Tagesgeschehen wurden allerdings kaum mehr wahrgenommen.

Dieselbe konservative Grundhaltung äusserte sich auch in der Edition eines «Russischen Wörterbuchs der sprachlichen Erweiterung», das archaisches Wortmaterial neu beleben wollte. Bevor sich Solschenizyn 1998 mit der apokalyptischen Schrift «Russland im Zusammenbruch» explizit aus der politischen Diskussion verabschiedete, war sein öffentlicher Einfluss zusehends geschwunden. Schon 1995 hatte ein grosser russischer Verlag den Editionsplan einer 24bändigen Solschenizyn-Ausgabe wegen mangelnder Nachfrage aufgegeben.

2001 überraschte Solschenizyn sein Publikum mit einem umfangreichen Geschichtswerk zum Verhältnis der Russen und Juden im Zarenreich und in der Sowjetunion. Allerdings hagelte es schon nach dem Erscheinen des ersten Bandes Kritik: Man warf Solschenizyn vor, er verharmlose den russischen Antisemitismus – in der Tat trug die Untersuchung den programmatisch-optimistischen Titel «200 Jahre gemeinsam».

Ausserdem zeigte sich auch hier wieder Solschenizyns gewohntes Denken in Kausalketten, das bereits die historische Darstellung im «Roten Rad» dominiert hatte: So führte er das Massaker der Nazis an den Kiewer Juden im Jahr 1941 auf die Ermordung des Ministerpräsidenten Stolypin durch einen jüdischen Terroristen im Jahr 1911 zurück.

Gemeinsamkeiten mit Putin

In seinem letzten Lebensjahrzehnt war Solschenizyn vor allem mit der Abfassung seiner Memoiren aus der Exilzeit beschäftigt. Hier kam eine mehrfache Ernüchterung zum Ausdruck: die Desillusionierung über die Oberflächlichkeit und Profitgier der westlichen Kultur, die Enttäuschung über die innere Zerstrittenheit der russischen Emigration und die bittere Einsicht in die begrenzten Wirkungsmöglichkeiten des schriftstellerischen Wortes am Ende des 20. Jahrhunderts.

Einige Hoffnungen setzte Solschenizyn pikanterweise auf Putin. Er empfing den ehemaligen KGB-Offizier zweimal bei sich zu Hause und nahm im vergangenen Jahr sogar einen mit 150 000 Euro dotierten Staatspreis aus den Händen des russischen Präsidenten entgegen. Das ungleiche Paar teilte die Vision einer nationalen Wiedergeburt Russlands als neuer Grossmacht. Überdies kämpften beide gegen den Verfall der traditionellen russischen Werte und stemmten sich gegen die drohende Verwestlichung ihres Vaterlandes.

Trotz aller Reserven, die man gegenüber Solschenizyns Ansichten haben mag, bildet sein literarisches und politisches Werk ein zentrales Element der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die Auflösung des kommunistischen Gewaltregimes seinen Anfang beim mutigen Protest dieses einzelnen Schriftstellers genommen hat.

Ulrich Schmid ist a.o. Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen

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