Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Diamanten aus dem Seeland: Der Traum der Alchemisten ist wahr geworden

Natürliche Diamanten bekommen Konkurrenz aus dem Labor. Die Maschinen produzieren Druck und Temperatur wie tief im Erdinnern.
Niklaus Salzmann
Die Firmengründer Frank Ziemer (links) und Robert Chodelka können alle vier Tage einen Diamanten aus jeder Presse holen. (Bild: Chris Iseli)

Die Firmengründer Frank Ziemer (links) und Robert Chodelka können alle vier Tage einen Diamanten aus jeder Presse holen. (Bild: Chris Iseli)

Nichts deutet darauf hin, dass in diesem unscheinbaren Industriegebäude in der Agglomeration von Biel ein äusserst wertvolles Gut hergestellt wird. Weder sind die Fenster vergittert noch sind Überwachungskameras oder patrouillierende Sicherheitsleute zu sehen. Das Endprodukt verkörpert Luxus und Reichtum, doch in der Produktion ist Diskretion gefragt. Der Name der Firma ist nicht angeschrieben am Gebäude. Doch die Adresse stimmt, hier in der Gemeinde Port befinden sich die Räumlichkeiten von Ziemer Swiss Diamond Art. In diesen werden die Träume der Alchemisten wahr: Graues Grafit – das Material von Bleistiftminen – verwandelt sich in Edelsteine.

Der CEO, der amerikanische Materialwissenschafter Robert Chodelka, holt den Journalisten persönlich am Empfang ab und führt ihn eine schlichte Treppe hinunter in die Produktionsstätte. Vier Leute arbeiten hier, ein eingeschworenes kleines Team. In einem kargen Raum mit weissem Kunststoffboden steht eine Reihe von Maschinen, jede ungefähr so gross wie ein Wäschetrockner. 88 Stunden muss die Maschine laufen, um einen Diamanten heranwachsen zu lassen. «Alle vier Tage ist Weihnachten», witzelt Chodelka. Und wie bei einer Bescherung weiss er im Voraus nie genau, was zum Vorschein kommt. «Jedes Exemplar ist anders», sagt er und zieht deshalb auch gerne den Vergleich zu einem Gärtner: «Einen Diamanten zu züchten, ist fast, wie Rosen zu züchten.»

Erst durch das Schleifen wird der Rohdiamant (links) zum funkelnden Edelstein. (Bild: Chris Iseli)

Erst durch das Schleifen wird der Rohdiamant (links) zum funkelnden Edelstein. (Bild: Chris Iseli)

Heiss wie ein Hochofen, aber klein wie ein Daumen

Ungefähr einen Zentimeter gross und ein halbes Gramm schwer – genau genommen 2,9 Karat – ist ein Rohdiamant, wenn er aus der Maschine kommt. Und ziemlich matt, erst durch den Schliff beginnt er zu funkeln. Robert Chodelka holt eine Kartonschachtel aus einem Aktenschrank, entnimmt ihr ein Plastikschächtelchen nach dem andern, jedes mit einem in Watte eingebetteten Diamanten. Ein gelber, zwei identische grünliche, ein bläulicher und ein besonders seltener leuchtend roter, jeder ein paar Millimeter gross.

Die Technik, um Diamanten zu pressen, ist seit den Fünfzigern bekannt. Doch damit Steine von hoher Qualität herzustellen, ist noch immer eine Herausforderung. Da wäre mal die Temperatur: Auf 1500 Grad Celsius wird der Grafit erhitzt. Das ist heiss wie im Hochofen eines Stahlwerks. Statt in einem mehrere Stockwerke hohen Ofen wird die Hitze aber in einer Keramikhülse von der Grösse eines Daumens mittels elektrischem Strom erzeugt.

Eine Mitarbeiterin aus dem Team von Chodelka, die Hände in Gummihandschuhen, steht an einer Schleifmaschine neben einem Stapel dieser Keramikteile, um jedes in die exakt richtige Form zu bringen. Um einen Diamanten zu züchten, muss dann jeweils ein bereits vorhandenes, salzkorngrosses Diamantstückchen gemeinsam mit dem Grafit und einem Metall in eine solche Keramikhülse gegeben werden. Rundherum wird eine Kugel aus Metallsegmenten aufgebaut (Details darf der Fotograf für die Zeitung nicht festhalten, die Konkurrenz lauert). Schliesslich wird in der Apparatur Öl in die Zwischenräume der Metallkugel gepresst, um einen Druck aufzubauen. Einen sehr grossen: 55 000 Bar, das entspricht dem Gewicht eines Lastwagens auf der Fläche eines Fingernagels.

Sechs Steinchen für eine sechsstellige Summe

Solche Drücke und Temperaturen sind in vulkanischen Zonen tief im Erdinnern zu finden. In der Apparatur laufen denn auch dieselben Prozesse ab wie in der Erde: Die Kohlestoffatome werden zusammengepresst, bis sie sich zu einem äussert stabilen Kristall formieren. Dabei gibt es laut Chodelka über 500 Variablen zu kontrollieren, die Übersicht hat nur der Computer. Kleinste Details in der Kristallstruktur entscheiden über den Farbton eines Diamanten und bestimmen damit auch seinen Wert für die Schmuckindustrie mit – Rot ist zum Beispiel selten und teuer, Gelb dagegen häufig und weniger gefragt. Indem Chodelka und sein Team fein dosiert Stickstoff oder Bor zugeben, können sie die Farben beeinflussen.

Nur der kleinere Teil der Diamanten, die im Labor bei Biel produziert werden, wird zu klassischen Schmuckstücken verarbeitet. (Bild: Chris Iseli)

Nur der kleinere Teil der Diamanten, die im Labor bei Biel produziert werden, wird zu klassischen Schmuckstücken verarbeitet. (Bild: Chris Iseli)

Die sechs Steinchen, die Robert Chodelka vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hat, könnte er für insgesamt eine sechsstellige Summe verkaufen. Und dies, obwohl Diamanten aus dem Labor für Schmuck weniger beliebt sind als natürliche. Chemisch und physikalisch sind sie aber identisch. «Wenn wir unseren Job gut machen, ist mit der Lupe kein Unterschied sichtbar», sagt Chodelka.

Noch werden weit mehr Diamanten aus Minen geholt als in Labors produziert. Doch die Akzeptanz für die synthetischen steigt. Auf der Website des Diamantenmuseums von Kapstadt versucht man, die hohen Preise für natürliche Diamanten – das zweitwichtigste Exportgut Südafrikas – mit unsichtbaren Werten zu rechtfertigen: «Die ausserordentliche Schönheit und der Charakter eines natürlichen Diamanten liegen in der Tatsache, dass er vor Milliarden Jahren entstanden ist.»

De Beers, der mit Abstand grösste Diamantenhändler der Welt, ging letztes Jahr in die Offensive. Nachdem man sich zuvor stets abschätzig über synthetische Diamanten geäussert hatte, lancierte die Firma plötzlich ihre eigene Marke für Labordiamanten. Doch sie bietet diese nicht für die marktüblichen Preise an, die bei ungefähr zwei Dritteln der Preise für natürliche Diamanten liegen. Sondern für einen Bruchteil davon. Die Botschaft ist klar: Die Diamanten aus dem Labor sollen als billige Kopien wahrgenommen werden, die natürlichen dagegen – das Hauptgeschäft von De Beers – als einzigartig.

Doch Labors wie dasjenige in Port bei Biel haben auch ihre Trümpfe. Zum Beispiel sind ihre Diamanten garantiert sauber. Diejenigen aus Minen werden dagegen in den Köpfen vieler Menschen noch immer mit Bürgerkriegen, Schmuggel, Korruption, mit sozialer Ausbeutung und Umweltzerstörung in Verbindung gebracht. Zwar bemühen sich die Akteure seit 2003 darum, mittels Herkunftszertifikaten den Handel mit Diamanten aus Konfliktgebieten zu unterbinden. Doch wer zu hundert Prozent sichergehen will, dass der Verlobungsring frei von Blutspuren und Kinderarbeit ist, wählt einen Labordiamanten.

Beliebt sind synthetische Diamanten auch für industrielle Anwendungen. Sie sind ja nicht nur schön anzusehen, sondern haben auch aussergewöhnliche Materialeigenschaften. Unter anderem sind sie extrem hart, was sie für allerlei Werkzeuge interessant macht.

Robert Chodelka nimmt ein Skalpell aus seinem Kartonkistchen. «Vorsicht, nicht die Klinge berühren», warnt er. Diese, transparent wie Glas, ist so scharf, wie nur Diamant geschliffen werden kann. Ihre Schnitte sind extrem sauber und verheilen deshalb besonders gut. Zum Einsatz kommen solche Skalpelle zum Beispiel in der Augenchirurgie. Die Firma von Robert Chodelka ging denn auch aus der Medizintechnik hervor – er hat sie gemeinsam mit Frank Ziemer gegründet, der in den oberen Stockwerken desselben Gebäudes Geräte für die Augenmedizin produziert.

In der Mikrowelle werden Gase zu Edelsteinen

In den elf Jahren seit der Gründung ist das Geschäft von Ziemer Swiss Diamond Art kräftig gewachsen. Im vergangenen Jahr konnte Chodelka zusätzlich zu den Pressen einen Apparat in Betrieb nehmen, der mit einer anderen Methode Diamanten züchtet: eine Art Mikrowellengerät, das an einen Computer angeschlossen ist. Es steht in einem separaten Raum, bei dessen Türen Klebematten am Boden angebracht sind, die den Staub von den Füssen der Besucher einfangen. An den Wänden stehen Flaschen mit Gasen wie Stickstoff, Wasserstoff und Methan, die an die Apparatur angeschlossen werden können. In der Mikrowelle entsteht daraus ein Gemenge, in welchem dünne Diamantplättchen zu über drei Millimeter dicken Scheiben anwachsen. Das funktioniert sogar mit mehreren auf einmal.

Der Markt wächst, inzwischen gibt es weltweit mehrere Dutzend Diamantenlabors. Viele stehen in China, aber auch in der Schweiz ist Ziemer nicht alleine. So hat sich ein Spin-off der ETH Lausanne auf besonders reine Diamanten für industrielle Anwendungen spezialisiert, und mindestens zwei Firmen bieten Diamantenbestattungen an: Sie pressen die Asche von Verstorbenen zu funkelnden Steinen.

Die Schweiz eignet sich doppelt als Standort für Diamantenlabors. Sie bietet mit der Uhren- und Feinmechanikindustrie – gerade in der Region Biel – einen Absatzmarkt. Und sie bietet hohe Sicherheit. Als Chodelka den Journalisten zum Ausgang führt, lässt er die Kartonschachtel offen auf dem Tisch stehen. Auf Nachfrage versichert er dann doch, dass er sie noch versorgen werde – in den Safe.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.