Deutsche Städte verbieten «Gärten des Grauens»

Viele Gartenbesitzer schütten Schottersteine auf ihr Areal, damit keine unerwünschten Pflanzen wachsen können. Grünflächen mutieren dadurch zu toten Zonen. In Deutschland sind diese bereits ein Politikum. 

Andrea Söldi
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Pflanzen ragen aus einem Vorgarten mit grauen und schwarzen Kieselsteinen. Bremen sagt jetzt den Schottergärten den Kampf an und will grosse Steinflächen verbieten. (Bild: Keystone)

Pflanzen ragen aus einem Vorgarten mit grauen und schwarzen Kieselsteinen. Bremen sagt jetzt den Schottergärten den Kampf an und will grosse Steinflächen verbieten. (Bild: Keystone)

Rasenmähen, Laubrechen und Jäten sind nicht jedermanns Lieblingsbeschäftigungen. Manche Grundstückseigentümer setzen deshalb auf eine Gartengestaltung, die möglichst wenig Arbeit verspricht. In gewissen Einfamilienhausquartieren trifft man auf Umschwung, der gänzlich mit grauen Schottersteinen überdeckt ist. Dazwischen einige geometrisch zurechtgestutzte Koniferen, Deko-Objekte aus dem Gartenbaucenter oder grüne Flecken aus Kunstrasen.

«Schottergärten sind vom ökologischen Standpunkt aus äusserst problematisch», sagt Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. «Damit gehen Grünflächen im Siedlungsgebiet verloren, und es kommt zu einer Versiegelung und Verarmung der Böden.» Die Organisation hat eine Studie dazu publiziert. Schottergärten würden die Lebensräume für Pflanzen und Tiere reduzieren, sagt Rodewald, und im Sommer die Hitze speichern, während eine pflanzenreiche Umgebung eine kühlende Wirkung hätte. «Dies ist besonders mit der Klimaerwärmung zunehmend unerwünscht.»

Nicht jeder Stein ist böse

Während die grösseren Städte die Bevölkerung vermehrt sensibilisieren, seien Land- und Agglomerationsgemeinden meist noch kaum aktiv in dieser Sache, beobachtet Rodewald. «Vorschriften für die Gartengestaltung zu erlassen, ist sowieso schwierig.» Man könne höchstens eine Grünflächenziffer festschreiben. Ob Schottergärten aber zu den Grünflächen gezählt würden, sei Ermessenssache. Denn die verschiedenen Arten von Gärten können nicht trennscharf definiert werden. Unter einem Schottergarten versteht man gemeinhin eine Fläche, die mit möglichst billigen, häufig importierten Steinen zugeschüttet wird, um jegliches Pflanzenwachstum zu verhindern. Meist wird die Humusschicht abgetragen, und unter die Schottersteine kommt ein Vlies, das Triebe am Aufspriessen hindern soll. Damit hält man gleichzeitig Bodenlebewesen von der Oberfläche zurück. Regenwürmer zum Beispiel – nützliche, bodenlockernde Tierchen – ertrinken bei Nässe.

Ritzen und Nischen für Eidechsen

Die Absicht dahinter ist eine diametral andere als etwa bei einem Steingarten oder einer Ruderalfläche: Dort geht es darum, nährstoffarme Flecken zu schaffen, um eine spezifische Vegetation zu fördern. Wenn sie fachgerecht angelegt sind, können Trockenmauern Pflanzen und Kleintieren wertvolle Lebensräume bieten. Die Ritzen zwischen den Steinen dienen als Nischen für Eidechsen, Ringelnattern und Wildbienen.

Es gibt aber durchaus Gemeinden, die um wertvollen ökologischen Grünraum bemüht sind. Vorreiterin ist die norddeutsche Stadt Xanten: Dort hat die Bauverwaltung Weisungen erlassen, die Schottergärten konsequent verbieten. Kürzlich schritt die Behörde bei einem Bauprojekt ein, bei dem die Versiegelung statt Begrünung des Vorgartens vorgesehen war. Auch in Bremen und Dortmund wurden Schottergärten verboten. 

Hier floriert die Tristesse

In Deutschland ist das Thema bereits ein Politikum. Fotos von besonders missglückter Gartengestaltung publiziert eine Facebookseite namens «Gärten des Grauens» – flankiert von Kommentaren wie «herrlich florierende Tristesse» oder «Suizidalgärten».

Auch Rolf Struffenegger vom Unternehmerverband Jardin Suisse beobachtet den Trend kritisch. «Oft scheinen sich Nachbarn gegenseitig zu inspirieren», sagt der erfahrene Gartenbauer. «Wenn in einem neuen Quartier jemand beginnt, greift die Unsitte schnell um sich.» Dass man mit Steinwüsten gar nie jäten müsse, sei aber ein Mythos. «Nach einiger Zeit spriessen meist trotzdem unerwünschte Pflänzchen.» Obwohl dies verboten sei, würden sie viele mit Herbiziden bekämpfen. Kunden, die etwas Pflegeleichtes wünschen, empfiehlt er Staudenmischungen oder Bodendeckerpflanzen.