Der Weg zum Widerstand

Barbara Beuys zeichnet in ihrem Buch über Sophie Scholl ein Heldinnenleben voller Widersprüche nach – bewegend gerade im zähen Ringen um den richtigen Weg unter der NS-Diktatur.

Bettina Kugler
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Sophie Scholl in einer Aufnahme um 1940/41. (Bild: Privatbesitz Susanne Zeller-Hirzel, Stuttgart Aufnahme Beatrice Boeninger)

Sophie Scholl in einer Aufnahme um 1940/41. (Bild: Privatbesitz Susanne Zeller-Hirzel, Stuttgart Aufnahme Beatrice Boeninger)

«Freiheit» ist ihr letztes Wort, mit zitternder Hand in Grossbuchstaben auf die Rückseite ihrer Anklageakte geschrieben. Am 23. Februar 1943, punkt 17 Uhr, wird Sophie Scholl in den Vollstreckungsraum des Gefängnisses von München-Stadelheim geführt; die «Fallschwertmaschine» ist dem Protokoll zufolge «verwendungsfähig aufgestellt». Sechs Sekunden, dann hat sie es hinter sich, auch das wird sorgfältig protokolliert.

Mag Sophie Scholl in den nur fünf Tagen seit ihrer Verhaftung entsetzliche Todesängste durchlitten haben: ihre Aussagen im Verhör sind gefasst und reflektiert, vermeiden jede Spur, die weitere Mitwisser zu Fall bringen könnte. «Ohne eine Träne zu vergiessen», feiert sie schliesslich mit dem Gefängnispfarrer das Abendmahl, «ruhig und gefasst» ist sie auf ihrem letzten Weg. In ihrem Mantel die «Brödle», die ihr die Mutter Lina Scholl noch aus Ulm nach Stadelheim geschickt hat.

Mit 21 Jahren stirbt Sophie Scholl, nach einer missglückten Flugblattaktion der Widerstandsgruppe «Die weisse Rose» zusammen mit ihrem Bruder Hans und dessen Kommilitonen Christoph Probst zum Tod verurteilt, in einem Schauprozess. Erst Jahrzehnte später wird das Wort auf dem Aktendeckel, ihre letzte Botschaft, entdeckt: einer jener Funde, die zum Mythos der jungen Widerstandskämpferin gehören.

Frühe Legendenbildung

Die Verklärung Sophie Scholls setzt vergleichsweise früh ein. Schon 1952 veröffentlicht die älteste Schwester Inge Aicher-Scholl ihr Buch «Die weisse Rose» im Gedenken an ihre hingerichtete Geschwister – es prägte für Jahrzehnte das Bild des studentischen Widerstands. Die anfängliche glühende Begeisterung sämtlicher Scholl-Geschwister für den Nationalsozialismus, speziell für dessen Jugendorganisationen – gegen den Widerstand ihrer Eltern übrigens,

die sich von Anfang an entschieden gegen Hitler aussprachen –, hat Inge Aicher-Scholl nie verschwiegen. Allerdings stellte sie das leidenschaftliche Engagement der jungen Scholls für Hitlerjugend und BDM («Bund deutscher Mädel») lediglich als Episode dar.

Wie tiefgreifend die Infizierung vom braunen Gedankengut tatsächlich war, lässt sich nun anhand des ab 1933 geführten Tagebuchs von Inge Scholl nachlesen: mit grossem Unbehagen, obwohl Barbara Beuys nicht müde

wird, die Scholls in das zeitliche Umfeld zu stellen und ihre Motive ohne Selbstgerechtigkeit zu prüfen.

Mit ihrer neuen Sophie-Scholl-Biographie legt die Historikerin eine ungewöhnliche Heldinnen-Darstellung vor: Akribisch liest sie die bislang nicht zugänglichen Quellen aus dem Privatarchiv der 1998 verstorbenen Inge Aicher-Scholl.

Nicht um den Mythos zu stärken oder zu zerstören – vielmehr geht es ihr jenseits von Legenden um den von Zweifeln und inneren Kämpfen begleiteten Prozess, der Sophie Scholl allmählich in den Widerstand trieb.

Trotz nur weniger Fotos wird Sophie Scholl in dem glänzend geschriebenen Buch als äusserst farbige, schillernde Persönlichkeit kenntlich: als die junge Frau, die noch bis 1941 an BDM-Abenden teilnimmt und sich gegen das stumpfsinnige Lagerleben beim Reichsarbeitsdienst

mit kalten Duschen stählt, die sich wie Inge Scholl von Otl Aicher in den Bann des Renouveau Catholique ziehen lässt und sich in lange Gespräche über die Lehren von Augustinus und Thomas von Aquin hineinsteigern kann; die Skifahren geht, französische Lyrik liebt oder als begabte Illustratorin im Freundeskreis für die Zeitschrift «Windlicht» eingespannt wird.

Innere Kämpfe

Erhellend erscheint auch der familiäre Hintergrund, angefangen bei den Eltern: Mutter Lina Scholl heiratete mit 35 Jahren einen zehn Jahre jüngeren Mann; sie lebte einen lebenszugewandten Protestantismus, während Robert Scholl, liberal im Denken, mit Glaubensdingen wenig anzufangen wusste. Prägend für Sophie Scholls enge Naturverbundenheit erweisen sich die Kindheitsjahre im Städtchen Forchtenberg am Kocher.

Mädchenhaft sieht Sophie Scholl noch auf den letzten Fotografien aus, trotz Kurzhaarschnitt, den sie zeitweilig trug; dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits ein unglaubliches Pensum an anspruchsvoller Lektüre, harter körperlicher (Zwangs-)Arbeit, an inneren Kämpfen um den wahren Glauben, ihre Rolle in einer Liebesbeziehung und die Sache der Gedankenfreiheit hinter sich hat, legt Barbara Beuys so gründlich wie eindrücklich offen.

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