Der Vatikan und das Geld

Enthüllungsbuch Gianluigi Nuzzi deckte in seinem Buch Vatikan AG diverse Finanz- und Politskandale innerhalb der katholischen Kirche auf. Jetzt erscheint das Werk des Italieners auf Deutsch.

Drucken
Teilen
Schrieb das Buch seines Lebens: Der italienische Autor und Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi. (Bild: pd)

Schrieb das Buch seines Lebens: Der italienische Autor und Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi. (Bild: pd)

Während die Öffentlichkeit nach dem Bekanntwerden diverser Missbrauchs- fälle auf eine verbindliche Reaktion des Papstes wartet, dokumentiert ein Buch ungeheuerliche Machenschaften aus dem Machtzentrum des Vatikans. Es geht um Geldwäsche, Verbindungen zur Mafia und politische Einflussnahme. Die Geschichte des Buches ist genauso unglaublich wie sein explosiver Inhalt.

Brisantes in Tessiner Keller

Der italienische Investigativjournalist Gianluigi Nuzzi verfolgt die Polit- und Finanzskandale Italiens seit über 16 Jahren. Im Frühjahr 2008 erhielt er Zugang zu einem spektakulären Geheimarchiv. Einer der wichtigsten Mitarbeiter im Vatikan, Renato Dardozzi, hatte während seiner 20jährigen Amtszeit interne Berichte, Schreiben, Kontoauszüge und Überweisungen gesammelt – über 4000 Dokumente insgesamt.

Sie sollten, so hatte es der Monsignore vor seinem Tod 2003 verfügt, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. «Alle sollen erfahren», so Dardozzi, «was hier geschehen ist.» Das brisante Material lagerte im Keller eines alten Bauernhauses im Tessin. Von dort brachte es Nuzzi in zwei Koffern nach Italien und begann mit der Auswertung. Das Ergebnis steckt in den rund 350 Seiten des nun auf Deutsch erschienenen Buches «Vatikan AG».

Das Buch ist mit mehr als 250 000 verkauften Exemplaren das meistverkaufte Sachbuch des Jahres 2009 in Italien. Dennoch wurde es von den italienischen Medien totgeschwiegen.

Machenschaften gingen weiter

Der Autor und der Verlag versprechen mit «Vatikan AG» nicht weniger als «die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche». Nuzzi, Reporter der Zeitschrift «Panorama», sagt: «Als ich die Papiere sah, habe ich gleich erkannt, dass daraus mehr zu machen war als ein Artikel.» Nuzzi verfolgte unter anderem den spektakulären Zusammenbruch der Ambrosiano-Bank. Dieser hatte die undurchsichtigen Finanzgeschäfte des Vatikans schon 1982 erschüttert. Damals schien es, als seien Busse und Besserung in Sicht. «Aber die Dokumente belegten, dass die Machenschaften noch besser getarnt weitergingen», sagt Nuzzi.

Das im Tessin entdeckte Archiv aus dem Nachlass von Monsignore Renato Dardozzi, bis Ende der 90er-Jahre eine führende Figur in der Verwaltung der Kirchenfinanzen, erlaubte dem Reporter einen genauen Einblick in diese Geschäfte. «Ich habe mich sehr einsam gefühlt vor der Masse der Dokumente», sagt Nuzzi offen. «Es war ein grosses Leiden, sich mit dem Material zu befassen.» Nuzzi legt Wert auf die Feststellung, kein Buch gegen die katholische Kirche verfasst zu haben. Die Kirche sei von Menschen gemacht – «da sind sicher auch Helden dabei».

Als Journalist habe er immer versucht, das Berufliche und das Private auseinanderzuhalten: Wesentlich seien die Fakten.

An den Fakten aus Dardozzis Dokumenten hangelt sich der Autor durch die Finanzwelt des Vatikans. Er versucht, das Undurchschaubare verständlich zu machen. Er fordert die Leserinnen und Leser auf, sich intensiv auf die vielfältigen Akteure und Verzweigungen einzulassen. Aber ein Glossar, zahlreiche Anmerkungen und im Faksimile dokumentierte Papiere helfen ihnen dabei.

Viele Leser reagierten verblüfft und fassungslos.

Buch provoziert Entlassung

Verstrickungen mit der Mafia, Geldwäsche, Stiftungen, die nur in zynischen Namen existieren, und Rechtshilfeersuchen, die an den Mauern des Vatikans abprallen – Papst Johannes Paul II. wurde auf die Fortsetzung der Missstände aufmerksam gemacht, sagt Nuzzi, aber er habe nichts getan: Es wurde eher noch schlimmer.

Wie im aktuellen Missbrauchsskandal kommen die Fakten erst Jahre später ans Licht: «Das ist ein Mass für die Macht, die die Kirche in der Welt ausübt. Der gegenwärtige Papst wirkt schwächer als sein Vorgänger, erklärt aber zumindest deutlich, dass fehlbare Kleriker sich auch der weltlichen Justiz stellen müssten», so Nuzzi.

Wird aus dem Reden ein Handeln? Nachdem das italienische Original von «Vatikan AG» im Mai 2009 herauskam, wurde Angelo Caloia nach 20 Jahren an der Spitze der Vatikanbank IOR aus dem Amt entlassen. Doch die Verstrickungen der Kirchenbanker sind kompliziert.

Die wahren Bilanzen des Kirchenstaats, auch das stellt Nuzzi dar, blieben in der Vergangenheit stets im Verborgenen. Detailliert werden die Einnahmen aus der Vatikandruckerei und die Erlöse aus dem Verkauf der Museumstickets aufgeschlüsselt, über die Gewinne der eigenen Bank dringt nichts nach draussen. Nuzzis Buch macht zumindest klar, dass dieses Institut hinter neun Meter dicken Mauern einige Milliarden Euro an Kundengeldern und eigenen Mitteln verwaltet. (phr/dpa)

Gianluigi Nuzzi, Die Vatikan AG, Ecowin, Salzburg 2010, Fr. 38.90.

Aktuelle Nachrichten