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Sterbebegleitung in der Zentralschweiz:
«Der Tod ist ein Zwischenland»

Sterben wird gern totgeschwiegen. Auch fehlen häufig Zeit und Ort, um in Würde diese Erde zu verlassen. Ein solcher Raum soll mit dem Hospiz Zentralschweiz geschaffen werden. Ein Gespräch über den Mensch und den Tod.
Interview: Susanne Holz
Sibylle Jean-Petit-Matile und Andreas Haas möchten dem Tod die Kälte nehmen. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 16. Januar 2019))

Sibylle Jean-Petit-Matile und Andreas Haas möchten dem Tod die Kälte nehmen. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 16. Januar 2019))

Geburt und Tod. Das eine feiern wir, das andere verdrängen wir. Wo es doch so wichtig wäre, Menschen liebevoll aus dem Leben zu begleiten. In unserem Interview reden Sibylle Jean-Petit-Matile (58), Ärztin, und Andreas Haas (55), Pfarrer, über Sterben und Begleiten in den Tod.

Gemeinsam für das kommende Hospiz Zentralschweiz

Zu den Personen

Sibylle Jean-Petit-Matile (58) ist Ärztin in Meggen und wird im Hospiz Zentralschweiz als Ärztin arbeiten. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung der Stiftung Hospiz Zentralschweiz.

Andreas Haas (55) ist reformierter Pfarrer in Zug. Er ist seit Juli 2015 im Stiftungsrat der Stiftung Hospiz Zentralschweiz. Seit September 2018 präsidiert er den Stiftungsrat. (sh)

Sie beide werden im Hospiz Zentralschweiz tätig sein. Welche Herausforderungen warten auf Sie?

Andreas Haas: In einem Hospiz ist man täglich mit den wesentlichen Fragen zu Leben und Tod konfrontiert. Wenn der Tod naht, fragt sich der Mensch: Was hat das Leben für einen Sinn? Für einen Seelsorger sind solche Fragen eine Herausforderung. Er muss nach möglichen Antworten suchen und auch zugeben können, dass er manches auch nicht weiss. Der Seelsorger flüchtet aber nie, das ist schon eine grosse Hilfe.

Sibylle Jean-Petit-Matile: Wir möchten einen würdevollen Umgang mit dem Sterben bieten – und zwar den Patienten wie den Angehörigen. Überhaupt gehö­ren Patient und Angehöriger zusammen wie Mutter und Kind.

Manche Sterbende sollen ja nach ihrer Mutter rufen. Kehrt man am Ende des Lebens wieder an den Anfang zurück?

Andreas Haas: Das Ankommen im Leben und das Sich verabschieden aus dem Leben haben viel gemeinsam. Bei beidem sind wir Menschen auf palliative Begleitung angewiesen, wir müssen «ummantelt» werden – palliativ kommt vom Lateinischen «Pallium» = Mantel. Ein Kleinkind ist vollumfänglich auf Schutz und Unterstützung angewiesen.

Ebenso sind Menschen auf Schutz und Unterstützung angewiesen, deren Kräfte schwinden.

Dass Menschen, die dem Tod nahe sind, liebe Menschen wahrnehmen, die sie gleichsam abholen kommen, ist ein recht häufiges Erleben.

Welche Ängste haben Sterbende?

Sibylle Jean-Petit-Matile: Schwierig ist der Zeitpunkt des Klarwerdens darüber, dass man nicht mehr gesund wird. Das kann zu Aggression und Depression führen. Das bessert wieder, wenn man sich mit dem nahen Tod versöhnt hat.

Andreas Haas: Oft klammern Angehörige mehr als Sterbende und sind aufgebrachter. Viele Menschen sterben sogar ruhig und zuversichtlich.

Aber viele Sterbende haben doch sicher Angst vor dem Tod?

Andreas Haas: Es ist wichtig, auf die Sterbenden einzugehen. Soll man den Tod ansprechen? Nur wenn gewünscht – man kann das spüren. Bei manchen Menschen kommen ganz konservative Ängste hoch, wie die Angst vor der Hölle. Solche Ängste muss der Seelsorger ernst nehmen, an den jeweiligen Glauben anknüpfen und dem Sterbenden die Angst nehmen. Manchmal ist es wichtig, einen Sterbenden wie ein kleines Kind in den Arm zu nehmen und ihm die Hand zu halten. Andere möchten vielleicht keinen Körperkontakt – um das herauszufinden, kann man seine Hand unter die Hand des Sterbenden legen.

Sibylle Jean-Petit-Matile: Menschen nehmen vieles wahr, über den Tod hinaus. Und das ist nicht nur eine Glaubensfrage. Der Tod ist ein Zwischenland.

Wohin geht die Energie? Energie geht nie verloren.

Sterbende haben auch eine intensivere Wahrnehmung. Und als Letztes verliert der Mensch sein Gehör. Es ist mehr zwischen Himmel und Erde, als wir meinen. Wie gross dieses Mehr ist, an das man glauben möchte, das ist jedem selbst überlassen.

Andreas Haas: Die Buddhisten sind der Überzeugung, es brauche mehrere Tage, bis sich die Seele aus dem Körper verabschiedet. Und auch bei uns wurden Tote früher drei Tage lang aufgebahrt.

(Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 16. Januar 2019))

(Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 16. Januar 2019))

Wie wichtig sind die Angehörigen für den Sterbenden?

Andreas Haas: Sehr wichtig. Wie Sibylle vorhin schon gesagt hat, gehören Patient und Angehöriger oft zusammen wie Mutter und Kind. Im Hospiz Zentralschweiz möchten wir die Angehörigen auch über den Tod des Patienten hinaus begleiten, wenn nötig. Manche Angehörige brauchen spezielle Unterstützung, beispielsweise die Zuweisung zu einer Therapie, sollte sich eine Depression ­abzeichnen.

Wie kann man untröstlichen Angehörigen helfen? Gibt es hier eine «emotionale Erste Hilfe»?

Andreas Haas: Unsere Seele braucht Zeit. Weil Menschen bei uns oft rasch wieder funktionieren müssen, wird Trauer verdrängt oder mit Beruhigungsmitteln abgewürgt. Trauer ist ein Ausdruck des Lebens, der sich zeigen will. Dasein, zuhören, Zeit schenken, gemeinsam schweigen – das kann eine «emotionale Erste Hilfe» sein. Zeit und nochmals Zeit lassen ist hilfreich und lässt die Seele mit dem, was geschehen ist, mitkommen. Die Trauerzeiten, welche die katholische Kirche kennt (Gedenken nach einer Woche, nach 30 Tagen, nach einem Jahr), geben der Trauer Raum und helfen, dass diese sich verwandeln kann. Seelsorgegespräche oder Trauer-Cafés sind Angebote, die einen in der Trauer unterstützen können.

Man muss nicht alles alleine tragen.

Es kommt vor, dass Menschen nicht mehr aus der Trauer hinausfinden, gleichsam darin gefangen bleiben. Das ist nicht oft der Fall, doch ist dann psychologische Unterstützung notwendig. Wie viel Zeit jemand braucht, um mit einem Verlust leben zu können, ist aber keine vorgegebene Grösse. Die Seele braucht ihre je eigene Zeit.

Welche Eigenschaften sollte man haben, um Sterbende zu begleiten?

Andreas Haas: Grundsätzlich kann jeder einen Menschen, auch einen Sterbenden, begleiten. Die Bereitschaft, sich mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, ist dafür eine hilfreiche und wichtige Voraussetzung.

Für Menschen, die als Freiwillige regelmässig Sterbebegleitungen machen möchten, bietet etwa die Caritas Kurse in Sterbebegleitung an.

Leider trauen sich viele Männer nicht zu, Sterbende zu begleiten. Vielleicht fällt es ihnen schwerer, sich mit der eigenen Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Womöglich wären entsprechende Kurse nur für Männer ein hilfreicher Einstieg.

Wie ist das Sterben im Hospiz im Vergleich zum Spital?

Sibylle Jean-Petit-Matile: Im Spital ganz sicher anonymer. Sterbende werden in leere Zimmer gestellt. Und nach ihrem Tod fährt man sie in den Kühlraum.

Ist es richtig, dass manche Menschen auch lieber alleine sterben?

Sibylle Jean-Petit-Matile: Ja. Nicht selten kommt es vor, dass ein Mensch gerade dann aus dem Leben geht, wenn der ­Begleitende kurz den Raum verlässt. Im Hospiz Zentralschweiz möchten wir auch aus diesem Grund die Angehörigen in den Alltag einbinden. Sie sollen sich frei bewegen können von Küche bis zu Bibliothek.

Andreas Haas: Manchmal muss man Sterbenden eine Gelegenheit geben, ­alleine zu gehen. Man darf nicht klammern. Verharrt man wie eine Sphinx am Bett des Sterbenden, fehlt diesem womöglich die passende Lücke, um still zu gehen. Ich finde dieses Bild schön:

Menschen sind wie Wellen. Sie kommen aus dem Meer und sie gehen wieder ins Meer. Das Meer aber bleibt.

Merkt man es als Begleitender, wenn der Tod schon ganz nahe ist?

Sibylle Jean-Petit-Matile: Das kommt sehr auf die Verfassung des Patienten an. Was für Krankheiten hat er, wie ist der Flüssigkeitsstatus? Wird die Atmung unregelmässig, dann ist der Tod nicht mehr weit. Manchmal erblassen auch Füsse und Hände. Doch so wie jede Geburt individuell ist, so ist auch jedes Sterben individuell.

Fragen sich manche Sterbende auch: Was habe ich falsch gemacht? Was habe ich verpasst? Sind sie deshalb verzweifelt oder wütend?

Andreas Haas: Oft ziehen Menschen auf dem Weg zum Tod eine Lebensbilanz. Dabei können auch Ereignisse und Verhaltensweisen in Erinnerung kommen, die man vom Lebensende her gesehen ungeschehen machen möchte oder in deren Zusammenhang man sich schuldig fühlt und vielleicht Versöhnung wünscht.

Wie hilft man hier am besten?

Andreas Haas: Seelsorgende können vielleicht noch dazu beitragen, eine versöhnende Begegnung oder gar Aussprache zu ermöglichen. Oder sie können Gespräche und Rituale anbieten, die dem Sterbenden ermöglichen, sich oder anderen Menschen zu vergeben oder um Vergebung zu bitten. Ein Leben ist nie perfekt. Und in den Augen Gottes sind wir auch als Menschen, die Fehler machen, geliebt. Wut eines Menschen, der auf den Tod zugeht, ist wahrscheinlich das Gefühl, das für die Angehörigen am schwierigsten auszuhalten ist. Doch auch die Wut gehört zum Leben. Seelsorgende können hier mit ihrer Haltung viel beitragen, die Wut aushalten zu können. Denn Seelsorge ist im Wesentlichen eine Haltung, weniger ein Tun und schon gar nicht ein Geben von Tipps und Ratschlägen. Die seelsorgliche Haltung wird mit dem Begriff «liebendes Verstehen», den Roberto Assagioli, der Begründer der Psychosynthese, geprägt hat, gut umschrieben.

Das liebevolle Verstehen umfasst einerseits ein Verstehen des Menschen in seinen Zusammenhängen und seiner Begrenztheit, andererseits eine bedingungslose Liebe, die den Menschen voll annimmt.

Liebevolles Verstehen ist die Fähigkeit, über das Vordergründige, das Anscheinende hinauszugehen und hinter dem Offensichtlichen und Vordergründigen des Gegenübers den wahren Kern zu sehen.

Naht der Tod, kann generell Spiritualität wichtig werden. Wie definieren Sie diese?

Andreas Haas: Spiritualität ist ein relativ neues Modewort. Eine allgemein anerkannte Definition gibt es nicht. Für mich ist Spiritualität ein Ausdruck des Menschseins – wie Körper oder Geist es sind. Sie ermöglicht das Verbundensein mit dem Göttlichen, mit den Mitmenschen, mit der Natur und mit sich selbst.

Gibt es auf dieser Welt verschiedene Rituale des Abschiednehmens?

Andreas Haas: Die Rituale rund um Tod und Trauer sind abhängig von Zeit und Kultur. Noch vor 50 Jahren war es in unseren Gegenden üblich, dass der Sarg in einem Leichenzug durch die Stadt oder das Dorf auf den Friedhof geleitet wurde. Heute bekommen die Menschen kaum mehr mit, wenn jemand in ihrem Quartier gestorben ist. In Nepal beispielsweise ist dies ganz anders. Krankheit und Tod betreffen nach der Lebenserfahrung der Menschen dort immer die ganze Gemeinschaft. Alle, die können, nehmen an den Ritualen zur Verabschiedung eines Toten teil. Diese Rituale der Verabschiedung können in Nepal mehrere Tage dauern.

Das Hospiz Zentralschweiz

Das Hospiz Zentralschweiz Im Februar 2017 hat das Hospiz Zentralschweiz den Pflegeheimstatus im Kanton Luzern erhalten, das heisst, die Kosten der Pflege werden über die Krankenkasse gedeckt. Im September 2018 erfolgte der offizielle Spatenstich und Baustart an der Gasshofstrasse 18. Kommenden Dezember wird die Eröffnung sein. Schwerkranke Menschen in der letzten Lebensphase sollen im Hospiz Zentralschweiz einen Ort der Ruhe finden, an dem körperlich-seelische, aber auch soziale und spirituelle Leiden gelindert werden. In der Sicherheit einer kompetenten, spezialisierten Palliative Care, kombiniert mit einer Wohnlichkeit, die einem Zuhause so nah wie möglich kommt, sollen Betroffene ihr Leben zu Ende leben können. Ihre Angehörigen werden mit einbezogen. Das Hospiz Zentralschweiz wird über acht Tagesplätze und zwölf stationäre Betten verfügen sowie über eine palliative Beratungspraxis. Gerechnet wird mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von rund 30 Tagen. Im Hospiz wird es auch einen Raum der Stille, eine Bibliothek und zwei ­Gästezimmer für Angehörige geben. Der Mensch steht im Zentrum. Der Vollzug des assistierten Suizids ist im Hospiz ausgeschlossen. (sh) www.hospiz-zentralschweiz.ch

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