Normalität
Der Terror schleicht in unseren Alltag – warum wir dennoch nicht damit umgehen können

Immer wieder werden europäische Metropolen zum Ziel von Terroranschlägen. Richtig gewöhnen kann man sich trotzdem nicht daran: Warum wir schlecht mit Dingen umgehen können, von denen wir nicht wollen, dass sie «normal» sind

Christoph Bopp
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Wachsame und bewaffnete Sicherheitskräfte an allen belebten Orten – die Angst vor dem Terror hat den Alltag erreicht.

Wachsame und bewaffnete Sicherheitskräfte an allen belebten Orten – die Angst vor dem Terror hat den Alltag erreicht.

Keystone

Im Bahnhof von Brüssel erschiesst ein Soldat einen Mann, der offenbar einen Koffer mit gefährlichem Inhalt zur Explosion bringen wollte (was irgendwie nicht richtig funktioniert hat) und mit dem Ruf «Allahu akbar!» (Allah ist gross) auch ein islamistisch-fanatisches Motiv andeutete. Also wieder Terror.

Die Leute stellen sich dann Fragen wie: Hört das denn nie auf? Ist das noch normal? Ein bisschen früher hat in gewissen Medien eine etwas skurrile Debatte stattgefunden: Sollen wir überhaupt noch berichten (und den Terroristen eine Bühne bieten) oder nicht besser das Ganze beschweigen? Das würde bedeuten: Gehört der Terror jetzt zum Alltag, zur Normalität, die wir akzeptieren müssen? Wie wir akzeptiert haben, dass es böse Menschen gibt, die hin und wieder etwas Böses tun, und wir deswegen eine Polizei brauchen?

explosion brüssel
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Einsatzkräfte der belgischen Armee.

explosion brüssel

AP/Keystone

Einige Zeitungen haben einen komischen Kompromiss gefunden: Sie wollten schweigen und nicht schweigen zugleich, indem sie leere Seiten publizierten. Das würde dann heissen: Es ist zwar nicht normal, dauernd der Terror, aber auch nicht mehr völlig anormal. Oder – das Diktum war besonders im Nachklang der Finanzkrise ab 2007 populär: Ist das Nicht-Normale jetzt das Normale? Ist jetzt normal, dass nichts mehr normal ist?

Man mag das als Wortklauberei abtun. Aber dahinter verbirgt sich ein Phänomen mit Erklärungspotenzial.

«Norm» und «normal»

Der Reihe nach. Der Gedanke ist naheliegend: Normal ist, was einer Norm entspricht. Das ist – mindestens heute – leider falsch. «Norma» war im Lateinischen der rechte Winkel der Baumeister. Im Mittelalter wurde die Bedeutung erweitert zu «Regel» bis hin zu Regelsystemen wie Ordensregeln. Eine «Norm» ist eine Regel, gegen die man nicht verstossen darf, sonst wird man bestraft. Normen schreiben ein Verhalten vor oder verbieten eines.

«Normalität» gibt es erst, seit es Statistik gibt. Spätestens seit den 1840er-Jahren, als der französische Mathematiker Adolphe Quetelet die Brustumfänge französischer Rekruten vermass, steht der Ausdruck «Normalverteilung» für diese stetige Wahrscheinlichkeitsverteilung, die der deutsche Mathematiker Friedrich Gauss entdeckt hat und die seither mit Begriffen wie «Gauss-Kurve» oder «Glockenkurve» einhergeht. Quetelet hatte nämlich gefunden, dass sich die Werte, von links nach rechts aufgetragen, in der Mitte häuften. Kleine Werte ganz links waren genauso selten wie extrem grosse auf der rechten, die meisten Werte fanden sich in der Mitte. Das ergibt diese charakteristische auf- und absteigende Glockenkurve.

«Normativität» ist also eine moralisch-rechtliche Grösse. «Normal» eine statistisch gewonnene Grösse, wenn das Verhalten vieler Individuen beobachtet und vermessen wird. «Normalität» gibt es erst, seit es Daten gibt. Natürlich kann das «Normale», das, was die Leute im Durchschnitt so tun, die «Norm» verändern. Dafür gibt es viele Beispiele, unsere Einstellung zum Schwangerschaftsabbruch ist eines.

Der Glaube ans «Normale» beruht auf einem bestimmten Bild der Gesellschaft. Es ist von der physikalischen Statistik abgeleitet. Die Gesellschaft ist eine Art Flasche, in der sich die Individuen wie Atome bewegen. In ihrer Gesamtheit produzieren sie «das Normale», einen statistischen Wert, der sich berechnen lässt. Natürlich steht hier die Kinetische Gastheorie Pate. Für das Soziale hat sich das «Normale» ergeben als Ergebnis von vielen Befragungen, Erhebungen, Steuererklärungen und dergleichen. Wir haben nämlich schon dauernd «Daten» geliefert, bevor uns unsere Smartphones und Sensoren diese Arbeit wahrscheinlich abnehmen.

Anschlagsversuch: Brüssel kehrte rasch zur Normalität zurück

Oussama Z.s Plan, im Brüsseler Zentralbahnhof einen mit Nägeln und kleineren Gasflaschen gefüllten Rollkoffer zur Explosion zu bringen, ging gewaltig schief. Ausser ihm selbst kam bei der von den Behörden als terroristisch eingestuften Aktion niemand zu Schaden. Oussama Z. stammte aus dem Problembezirk Molenbeek, der als Islamisten-Hochburg gilt. Die Behörden waren gestern bestrebt, möglichst rasch für Normalität zu sorgen. Bereits am Morgen rollten die Züge wieder wie gewohnt durch den Bahnhof. Auch wurde die Terrorwarnstufe, die seit eineinhalb Jahren auf Stufe drei von vier liegt, nicht zusätzlich erhöht. Premierminister Charles Michel gab sich entschlossen: «Wir lassen uns vom Terrorismus nicht einschüchtern.» Er lobte auch das Verhalten des Soldaten «angesichts einer extrem gefährlichen Notsituation». Seit März 2016 patrouilliert in Brüssel das Militär auf öffentlichen Plätzen oder in sensiblen Einrichtungen wie U-Bahn-Stationen oder Bahnhöfen. Bei Touristen sorgt der Anblick der Schwerbewaffneten regelmässig für Beklemmung; Einheimische haben sich jedoch längst daran gewöhnt. (rhe)

Die Statistik sagt: Tut etwas!

Das Normale ist einerseits das «Erwartbare», das Gewohnte, manche nennen es «Alltag». Es ist das Land, in dem es keine «Schwarzen Schwäne» gibt, obwohl sie hin und wieder auftauchen. Damit ist gemeint, was sich ganz links und rechts im Flachen der Glockenkurve verbirgt. Etwas sehr Seltenes und trotzdem Relevantes. Die Glocke definiert, was «normal» ist. Rechts und links davon ist «a(b)normal».

Das «Normale» lieben wir aus zwei Gründen. Der eine ist, dass wir Überraschungen – richtige Überraschungen – nicht gern haben. Der andere wiegt schwerer. Die Wahrscheinlichkeitsverteilung sei «stetig», sagte Gauss. Das heisst konkret, dass die Differenz zwischen «normal» und «anormal» mathematisch minimal klein sein kann, sozial aber ziemlich gross. Je nachdem, was gerade «normal» ist. Wir leben also, als gesellschaftliche Atome, in dauernder «Denormalisierungsangst». Wir – oder alles um uns herum – könnten einfach so ins «Abnormale» abrutschen, ohne dass wir es merken. Dann wäre «normal» auf einmal nicht mehr normal. Das «Normale» hat sich unbemerkt nach rechts oder links bewegt. Deshalb impliziert «normal» immer auch «Handlungsbedarf». Denn «abnormal» heisst: Jetzt müssen wir schleunigst etwas tun. Dabei wurde nur ein statistischer Wert unter- oder überschritten – manchmal recht willkürlich festgelegt.

Der Diskursforscher Jürgen Link hat angeregt, «die «German Angst» als besonders ausgeprägte Denormalisierungsangst zu verstehen. Angesichts dessen, was die Deutschen im 20. Jahrhundert durchgemacht haben, würde dies einiges erklären. Mit seiner «Theorie des Normalismus» («Normale Krisen?», 2014) schlägt er zudem ein Denkschema vor, in dem sich all die Krisen, die sich seit einiger Zeit ablösen und häufen, besser verstehen lassen.

Die Statistik hat auch unsere Vorstellung von Kausalität nicht unberührt gelassen. Alle machen uns weis, dass Terrorismus sich rationalen Gründen entzieht. Was haben wir denen getan? Die Frage ist hilflos. Aber insgeheim liebäugeln wir immer noch mit Gründen: Soziale Degradierung, Teilnahme des eigenen Landes an militärischen Massnahmen gegen Muslime und dergleichen. Aber das hilft nichts gegen die Angst, es könnte bei uns «normal» werden, was in anderen Ländern längst die Regel ist. Dass wir überall mit Wut und Zorn rechnen müssen.