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Wieso wurde der Mensch sesshaft und gründete Staaten? Anthropologe liefert in neuem Buch Antworten

Ohne Kulturpflanzen, deren Aussaat und Ernte geregelt verläuft, würde es keine Staaten geben, sagt der Anthropologe James C. Scott.
Christoph Bopp
Weizen war für den Staat geeignet, als gut besteuerbares Korn. Bild: Getty Images

Weizen war für den Staat geeignet, als gut besteuerbares Korn. Bild: Getty Images

«. . . heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.»

Klingt gut, oder? Tun und Lassen, wie es einem gerade gefällt. So träumten Marx und Engels vom Sozialismus/Kommunismus. Dort landen wir, wenn die Geschichte wirklich so läuft, wie Marx das bei Hegel abgeguckt hat. Wahrscheinlich wird sie es nicht tun. Aber der Traum ist nicht ganz ohne Substanz. Wovon lebt ein auf diese Art glücklicher Mensch? Von dem, was einfach so rumliegt. Er lebt als Jäger und Sammler und im Schlaraffenland.

Wie bitte? Das tun doch die Wilden im Wald? Die Menschen, denen die Segnungen der Zivilisation noch nicht zuteilgeworden sind? Die Theorie, die dahinter steckt: Aus dem wilden Zustand hat sich der Mensch herausgearbeitet, bis er schliesslich dankbar bei den Segnungen der Kultur angelangt ist. «Wild» war der umherstreifende Sammler, der hoffte, dass ihm auch hin und wieder das Jagdglück hold wäre. Zivilisiert ist der sesshafte disziplinierte Staatsbürger.

In letzter Zeit wurde diese Entwicklung vom Wilden zum Bürger immer kritischer gesehen. Das, was «neolithische Revolution» genannt wird, Sesshaftigkeit und Pflanzen, müsse man eher als Weiche sehen, an der die Menschheit falsch abgebogen sei. Der Entschluss, Bauer zu werden, habe sich nicht ausgezahlt. Das Leben ist beschwerlicher, die Arbeit hart und dauert länger als im Wald, die Ernährung ist einseitig und das Leben ist dauernd von Epidemien bedroht.

Elend oder Segen der Agrarrevolution?

Archäologische Zeugnisse, die für diese Sichtweise sprechen, gibt es in Fülle. Die «Wilden» lebten besser und gesünder. Das war vor allem in Europa der Fall, wo die Bauern einwanderten, während die ursprüngliche Kultur erstaunlich lange parallel existierte.

Warum kam es dann, wie es kam? Die Kulturpflanzen waren entscheidend, das meint der Anthropologe James C. Scott. Der Übergang zum Leben in «speziesübergreifenden Siedlungen», wie er die Dörfer und Städte nennt, wo Menschen dicht an dicht und an ihren Tieren leben, das braucht eine Erklärung. Denn freiwillig macht das niemand. Die Menschen mussten dazu gezwungen werden. Zuerst einmal zur Arbeit und immer wieder drohten Kriegs- und Frondienste.

Und ohne Heere von Sklaven hätte das Modell sowieso nicht lange überlebt. Damit es funktionierte, brauchte man Kulturpflanzen, die bestimmte Anforderungen erfüllen mussten. Die Anforderungen stammten vom Steuereintreiber. Die Pflanzen mussten sichtbar sein und zum gleichen Zeitpunkt reifen, damit der Steuereinnehmer die Ernte taxieren konnte. Das erfüllen Gerste, Weizen, Reis und Mais. Knollen oder Hülsenfrüchtestaaten gäbe es nicht, sagt Scott. Denn Knollen kann man im Boden verstecken und Hülsenfrüchte wachsen und reifen einen ganzen Sommer lang.

Der Klimawandel habe die Menschen zur Konzentration gezwungen, sagt Scott. Von 10 800 bis 9600 trieb eine extreme Abkühlung die Menschen in die Siedlungen. Das Überleben wurde schwierig. Viele Nahrungsquellen versiegten, bepflanzbares Land musste bewässert werden. Wenigstens in den mesopotamischen Schwemmlandschaften, wo die ersten Städte entstanden, war das so.

Einmal «erfunden» blieben die Staaten fragile Konstrukte. Immer wieder kam es zum Kollaps. Stadtmauern dienten nicht nur zur Sicherheit vor Überfällen, sondern mindestens in gleichem Mass dazu, die Bevölkerung an der Flucht zu hindern.

Und was ist mit Zivilisation? Richtig, der Stadtstaat brauchte die Schrift. Sie diente aber vor allem der Buchhaltung. Bis Lesetexte geschrieben wurden, dauerte es Jahrhunderte. Technik war noch rudimentär und kam vor allem der Elite zugute. Und Religion praktizierten die Priester – mit nicht ganz lauteren Motiven.

Die Epoche der Zivilisation – ein Wimpernschlag; vom Ackerbau zur Atombombe – die letzten Minuten in der Geschichte der Menschheit. Hoffentlich nur in rückblickender Betrachtung.

Buchtipp

James C. Scott
Die Mühlen der Zivilisation
Eine Tiefengeschichte der frühestesn Staaten.
Suhrkamp Frankfurt a/M
2019
327 S.
Fr. 46.90.

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