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Eindringlinge bedrohen unsere Flora: Bund will Neophythen bekämpfen – und dringt in Privatgärten vor

Eindringlinge bedrängen unsere einheimische Flora. Nun will der Bund den Kampf gegen Neophyten verstärken und sieht auch Vernichtungsaktionen in Privatgärten vor.
Bruno Knellwolf
Der Japanische Staudenknöterich (Reynoutria japonica) kam 1823 als Zier- und Futterpflanze nach Europa. (Bild: Wikimedia)Der Japanische Staudenknöterich (Reynoutria japonica) kam 1823 als Zier- und Futterpflanze nach Europa. (Bild: Wikimedia)
Der Essigbaum (Rhus typhina) stammt aus Nordamerika. Als Zierstrauch kultiviert und oft verwildert. (Bild: Getty)Der Essigbaum (Rhus typhina) stammt aus Nordamerika. Als Zierstrauch kultiviert und oft verwildert. (Bild: Getty)
Goldruten (Solidago) sind in allen Landesteilen häufig bis sehr häufig. Als Zierpflanze aus Nordamerika eingeführt. (Bild: Getty)Goldruten (Solidago) sind in allen Landesteilen häufig bis sehr häufig. Als Zierpflanze aus Nordamerika eingeführt. (Bild: Getty)
Der Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum) wurde im Jahr 1980 in der Schweiz «eingebürgert». (Bild: Wikimedia)Der Riesenbärenklau (Heracleum mantegazzianum) wurde im Jahr 1980 in der Schweiz «eingebürgert». (Bild: Wikimedia)
Schön, aber trotzdem ein Neophyt: der Sommerflieder, auch Schmetterlingsbaum genannt. (Bild: Getty)Schön, aber trotzdem ein Neophyt: der Sommerflieder, auch Schmetterlingsbaum genannt. (Bild: Getty)
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Neophyten: Der Staat blickt in unsere Gärten

Kann ein Sommerflieder im Garten Sünde sein? Schmetterlinge und Hummeln laben sich zu Hunderten an seinem Nektar. Das schon, sagt Hanspeter Schumacher, Leiter des Botanischen Gartens St. Gallen.

«Aber der Sommerflieder bietet den Raupen nichts.»

Deshalb sei diese chinesische Zierpflanze zwar schön anzuschauen, nützt Flora und Fauna aber wenig. Denn die Schmetterlinge stehen am Ende ihres Lebenszyklus, wenn sie um den Sommerflieder schwirren – die Raupen sind für die Population entscheidend. «Eine einheimische Brennnessel bietet rund zwanzig verschiedenen Schmetterlingsraupen Nahrung und dient somit der Vermehrung», sagt Schumacher.

Der im Jahr 1896 aus China als Zierpflanze eingeführte Sommerflieder breitete sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg in den zerbombten Städten Europas aus. Er liebt steinige Böden und vermehrt sich bei uns vor allem in Kiesgruben und den Bächen entlang. Wie der Sommerflieder vermehren sich auch andere invasive gebietsfremde Pflanzen und Tiere immer schneller und verdrängen die einheimischen Arten. Oder verursachen Allergien wie zum Beispiel die invasive Pflanze Ambrosia.

Grund für Rückgang der Biodiversität

Neophyten verursachen in Europa einen wirtschaftlichen Schaden von rund 20 Milliarden Euro pro Jahr unter anderem für die Überwachung und Bekämpfung. Schumacher sagt:

«Neophyten sind der zweitwichtigste Grund, dass die Biodiversität in der Schweiz zurückgeht»

Lebensraumverlust, Globalisierung und Klimawandel sind weitere Ursachen.

Nun will der Bundesrat somit künftig bei den Bekämpfungsmassnahmen von Neophyten auch die privaten Gartenbesitzer in die Pflicht nehmen. Denn diese pflanzen noch zu oft fremde Arten an, die ihnen im Gartencenter verkauft worden sind. «Es ist ein Widerspruch, wenn man Pflanzen an einem Ort ausreisst und an einem anderen wieder verkauft», sagt der Botaniker. So wie zum Beispiel der beliebte Kirschlorbeer.

Ausbreitung verhindern

Das aktuelle Umweltschutzgesetz verunmöglicht es, dass alle Grundstücksbesitzer in die behördlichen Massnahmen eingebunden werden. «Dies kann dazu führen, dass Arten, die auf öffentlichen Plätzen bekämpft werden, sich von privaten Grundstücken aus wieder ausbreiten und dadurch den Erfolg von Bekämpfungsmassnahmen zunichtemachen», erklärt Rebekka Reichlin vom Bundesamt für Umwelt. Das will der Bundesrat mit der Anpassung des Umweltschutzgesetzes verhindern. Die Vernehmlassung dazu läuft bis zum 4. September.

Mit dem revidierten Gesetz könnten die Kantone künftig auch Private zur Bekämpfung zwingen. Hausbesitzer wären dann zum Beispiel direkt dazu verpflichtet dafür zu sorgen, dass sich Samen invasiver Pflanzen nicht weiter verbreiten können. Daraus können dem Gartenbesitzer Kosten erwachsen, wenn zum Beispiel ein Gärtner ran muss. Das Bafu erwartet deshalb einen Aufwand für die privaten Grundeigentümer von jährlich 25 Millionen Franken. «Wer bisher auf freiwilliger Basis dafür gesorgt hat, dass sich invasive Neophyten auf seinem Grundstück nicht stark ausbreiten, wird davon weniger betroffen sein als andere, die bislang nichts unternommen haben», erklärt Reichlin. Diese Kosten würden im Erfolgsfall jedoch stetig abnehmen. Aber:

«Je länger mit der Bekämpfung zugewartet wird, umso mehr kosten die Bekämpfungsmassnahmen.»

Stellt sich die Frage, wer die Exoten überwacht. «Die Vorlage hat nicht zum Ziel, dass in privaten Gärten keine gebietsfremden Arten mehr wachsen. Es geht darum zu verhindern, dass die Schäden durch invasive Arten weiter zunehmen», erklärt das Bafu. Die Betonung liegt dabei auf invasiven Arten, dem Oleander im Topf wird niemand zuleibe rücken.

Den Amerikanischen Ochsenfrosch einfangen

«Für Arten, bei welchen eine Melde- und Bekämpfungspflicht besteht, kann es erforderlich sein, dass die Gemeinde oder der Kanton Zutritt auf ein privates Gelände benötigt», erklärt das Bafu. Etwa dann, wenn sich eine invasive Tierart angesiedelt hat, die der Hausbesitzer nicht selber einfangen kann. In der Erläuterung zur Revision des Umweltschutzgesetzes wird als Beispiel der Amerikanische Ochsenfrosch genannt. Wie genau die verpflichtenden Bekämpfungsmassnahmen bei Privaten im Umweltschutzgesetz umgesetzt würden, werde erst später auf Verordnungsebene konkretisiert, erklärt das Bafu.

40 Arten auf der Schwarzen Liste

Die schlimmsten invasiven Pflanzenarten werden von Info Flora auf einer Schwarzen Liste geführt. «In der Schweiz sind es zurzeit 40 Arten», sagt Hanspeter Schumacher. 15 davon sind verboten. Zu den gefährlichsten gehören gemäss dem Leiter des Botanischen Gartens der Japanische Staudenknöterich, der Essigbaum, die Goldrute und der Riesenbärenklau. Schumacher hält die vom Bundesrat geplante Vernichtungspflicht bei Privaten für richtig. An die Eigenverantwortung mag er nicht mehr glauben, an Empfehlungen hielten sich nur wenige. Zudem würde er die Liste verlängern, mit den Arten, die nicht mehr gehandelt werden dürfen. Schumacher gibt gleich noch ein paar Tipps, welche einheimischen Pflanzen in einen Garten passen: Liguster, Gemeiner und Wolliger Schneeball, Pfaffenhut, Wildrosen, Haselnuss, Efeu an den Mauern und eine Magerwiese im Hang.


Nachgefragt bei Landi Schweiz und dem Gartencenter Roth Uttwil

In vielen Gärten ist der Kirschlorbeer zu finden. Eine Pflanze, die auf der Schwarzen Liste von Info Flora als invasiver Neophyt aufgeführt ist. Allerdings ist sie nach der Freisetzungsverordnung nicht verboten. Wir haben bei der Landi nach dem Umgang mit Neophyten nachgefragt.

Der Kirschlorbeer ist ein invasiver Neophyt. Wird er in Ihrem Gartencenter verkauft?

Landi Schweiz: Ja, in unseren Landi-Läden kann der Kirschlorbeer gekauft werden. Ebenso auch ähnliche Pflanzen, die nicht als Neophyten gelten.

Gartencenter Roth: Der Kirschlorbeer ist ein Neophyt mit invasivem Potenzial. Beim Umgang mit diesen Pflanzen dürfen weder Menschen, Tiere noch Umwelt gefährdet werden. Die Nachfrage nach Kirschlorbeeren nimmt zwar ab, ist (leider) aber nach wie vor gross, weshalb wir ihn aktuell noch verkaufen.

Warum wird er weiterhin verkauft?

Landi Schweiz: Wir möchten unseren Kunden stets ein breites Sortiment anbieten und es ihnen auch überlassen, welche Pflanzen sie bei sich anbauen wollen.

Gartencenter Roth: Wie bereits erwähnt besteht die Nachfrage weiterhin. Im Beratungsgespräch weisen wir jedoch auf die Problematik hin und präsentieren den Kunden stets Ersatzpflanzen – diese gibt es ja mittlerweilen sehr zahlreich.

Werden auch andere invasive gebietsfremde Pflanzen angeboten?

Landi Schweiz: Ja, wir verkaufen weitere Pflanzen mit invasivem Potenzial. Deren Anzahl wurde in der Vergangenheit aber stetig reduziert. Wir bieten auch eine Vielzahl an einheimischen Beetpflanzen sowie Sichtschutzpflanzen an.

Gartencenter Roth: Immer weniger.

Wie werden die Kunden informiert?

Landi Schweiz: An den Pflanzen mit invasivem Potenzial befindet sich ein Etikett mit der entsprechenden Kennzeichnung und mit einem Hinweis zur Pflege sowie zur korrekten Entsorgung. Zudem gibt unser geschultes Personal gerne Auskunft.

Gartencenter Roth: Für den Verkauf von invasiven Neophyten besteht seit einigen Jahren eine Informationspflicht – und das ist gut so. Deshalb verfügt jede Pflanze mit invasivem Potenzial im Privatverkauf auf dem Etikett über ein rotes Feld mit folgendem Text: «ACHTUNG Unkontrolliert kann diese Pflanze die Natur gefährden. Darf nur unter Kontrolle im Siedlungsgebiet wachsen. Bestände pflegen: zurückschneiden, Früchte und Samen entfernen. Nicht selber kompostieren; Schnittgut über Grünabfuhr oder Kehrichtabfuhr entsorgen. Art. 5 Freisetzungsverordnung/www.neophyten-schweiz.ch». Somit ist jedem Kunden die Information einfach zugänglich – auch im Falle einer nicht gewünschten persönlichen Beratung. (Kn.)

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