Kommentar

Das rassistische Grundrauschen der Schweiz

Was gehen uns die weltweiten Proteste gegen Rassismus in der Schweiz an? Mehr als wir glauben. Denn wir alle sind Teil des «rassistischen Grundrauschens», das unsere Gesellschaft spaltet und das die einen verursachen und nur die anderen hören.

Katja Fischer De Santi
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Sie sind auf den Strassen in Minneapolis und Washington, aber auch in Basel und Genf. Sie demonstrieren gegen Rassismus, Polizeigewalt und Racial Profiling. Gute Sache, da posten wir gerne auch ein paar schwarze Kacheln auf Social Media, geben uns solidarisch. Aber geht uns das in der Schweiz wirklich was an? Wir sind ja keine Rassisten. Wir Schweizer sind die Guten. Unsere Gesetze verbieten Diskriminierung in jeglicher Form. Rassistisch, das sind die anderen.

Leider Nein. «Rassendiskriminierung ist kein abstraktes Konzept, sondern eine von den Personen, die davor geschützt werden sollten, auch in der Schweiz alltäglich erlebte Realität», schreibt die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus. 352 Fälle von Diskriminierung meldeten die Beratungsstellen 2019 – so viele wie nie und mit Sicherheit nur die Spitze des Eisbergs. Schwarze werden besonders häufig Opfer von Angriffen und Beleidigungen. Auch hierzulande gibt es Polizeigewalt, sterben Menschen in Ausschaffungshaft, wird Racial Profiling angewandt, aber was den Menschen mit Migrationshintergrund das Leben in der Schweiz tagtäglich schwermacht, ist perfider und leiser.

Es ist der gesellschaftlich tief verankerte Alltagsrassismus. Als «rassistisches Grundrauschen» hat es die deutsche Autorin Alice Hasters kürzlich in einem Interview bezeichnet. Weisse, privilegierte Menschen würde es nicht hören, weil sie es mitverursachten, auch jene, die alles Fremdenfeindliche weit von sich wiesen.

Im Unterschied zum ideologisch geprägten Rassismus von Rechtsextremen wird der Alltagsrassismus kaum thematisiert.

Es ist Normalität, wenn Menschen afrikanischer Herkunft der Zutritt zu Diskotheken verweigert wird, wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund keine Lehrstellen finden, wenn eine kosovarische Familie bei der Wohnungssuche meist Absagen erhält und das N-Wort (nicht nur in Kinderbüchern) unkommentiert stehen bleibt.

In der Schweiz leben mehr als zwei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Viertel unserer Bevölkerung weiss, was es bedeutet, aufgrund seines Namens, seiner Hautfarbe, seines Akzents, seiner Herkunft diskriminiert zu werden. Trotzdem werden ihre Rassismuserfahrungen kaum thematisiert – darin liegt die Wurzel des Problems. Denn Rassismus nährt sich vom Schweigen und Wegschauen und von der Angst der Betroffenen, deutlich Stellung dagegen zu beziehen. Der gewaltsame Tod von George Floyd, die anhaltenden Proteste gegen Rassismus in den USA haben Menschen mit Rassismuserfahrungen auch hierzulande Mut gemacht. Sie werden lauter. Damit wir, die Privilegierten, anfangen zuzuhören, statt darauf zu beharren, dass wir dieses rassistische Grundrauschen nicht hören und es darum auch nicht existiert.

Sich mit Rassismus auseinanderzusetzen, ist schmerzhaft. Ihn zu ignorieren, abzustreiten, ist einfacher, als sich einzugestehen, dass man mit seinem Verhalten andere Menschen bewusst oder unbewusst abwertet. Darum erklären wir lieber wortreich, dass eine Bezeichnung wie etwa Mohrenkopf nicht rassistisch gemeint sei, statt zu fragen, was das Wort beim Betroffenen auslöst. Darum erklären wir, dass wir es nur gut gemeint hätten, wenn wir Schwarze in holprigem Englisch statt auf Mundart ansprechen.

«White Fragility», weisse Verletzlichkeit, nennt Robin Diangelo, Soziologin und Autorin des gleichnamigen Buches, den Zustand, dass schon geringe Auseinandersetzungen über den eigenen Rassismus oder Privilegien für viele weisse Menschen nicht zu ertragen sind und sie übermässig emotional reagieren. Statt das eigene Verhalten zu reflektieren, wird das Gegenüber bestraft, das den Rassismus benennt. Auf dieser Grundlage kann kein Dialog entstehen.

Wir müssen lernen, über Rassismus zu reden. Aber zuerst müssen wir lernen zuzuhören. Denn es geht nicht um Schuld, sondern um Verantwortung.