Der Schuhwerker

Kurt Reither ist seinem Leisten treu geblieben. Der Schuhmachermeister fertigt zwar keine eigenen Schuhe mehr, dazu ist die Billigkonkurrenz zu gross. Doch er setzt in seinem Reparaturbetrieb in St. Gallen für Liebhaber soliden Lederschuhwerks sein altes handwerkliches Können ein. Sybil Jacoby

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Am liebsten wäre er Zuckerbäcker geworden. Wen wundert's, schliesslich kann Kurt Reithers Heimatstadt Wien auf eine lange kulinarische Tradition der k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn zurückblicken, in dem die Kunst der Mehl- und Süssspeisenzubereitung auf höchstem Niveau zelebriert wurde und noch heute wird. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

«Ich war aber von meiner Konstitution her – mager und bleich – nicht für einen stehenden Beruf wie Konditor geeignet», sagt der 64-Jährige in seinem blauen Berufskittel und blickt verschmitzt lächelnd hinter seinen grossen Brillengläsern hervor, «bleich bin ich immer noch»…

Da er gerne mit Hammer und Nägeln hantierte, riet der Berufsberater dem Vierzehnjährigen, sich entweder zum Schreiner oder Schuhmacher ausbilden zu lassen.

«Leder ist ein wunderbares Material, Schuhmacher ein kreativer Beruf, und so begann ich 1960 eine Lehre bei Schendel im 15. Bezirk. Seinem Gesellen habe ich viel zu verdanken», sagt er und zieht aus einer Ecke einen handgeschmiedeten Hammer mit rundem, plattem Kopf hervor, wiegt ihn in der Hand. «Ich habe ihn dem Gesellen am Ende meiner Ausbildung abgeluchst.

Er ist für mich Sinnbild unserer Handwerkskunst, liegt gut in der Hand und ist so ausgewogen geschmiedet, dass er selbst auf der schmalen Seite nicht umkippt. Ich brauche ihn noch heute zum Nageln, Klopfen, Hämmern und Treiben.»

Auf kleinstem Platz

Nicht nur der Hammer, auch anderes Werkzeug in der kleinen Werkstatt hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert: Da hängen Eisen, Zangen aller Art, Messer, Raspel, Wetzstahle, Ahlen, da stehen altertümlich anmutende aber zweckdienliche Hardo-Bandschleif- und Adler-Nähmaschinen aus den Siebzigern.

Es sind Occasionen seines Vorgängers Wegmüller aus der Werkstatt neben dem St. Galler Rathaus, wo er dreissig Jahre lang gewirkt hat. Da ertönt dieses typisch sägende Geräusch der Schleifmaschine beim Anpassen des Absatzes. Da riecht es nach Leder, Leim und Schuhfett, da hängen Stiefel in Reih und Glied, mit Nummern versehen, da sind schwarze, braune, ältere und neuere Halbschuhe im Regal aufgereiht.

Vorwitzig lugt ein Paar geschnürter High-Heels aus kobaltblauem Leder mit extrem dünnem Absatz hervor. Das Geheimnis ihrer Stabilität enthüllt der Meister später: In Absätzen von Pumps wird ein dünnes Spannröhrli eingeführt, erst darauf wird als Schlussteil der Absatzfleck gehämmert. «Ich hatte das Glück, während der Sechzigerjahre, als Stöckelschuhe Mode waren, in die Lehre zu gehen. Davon kann ich heute profitieren.

» Kaum bekannt ist auch die Tatsache, dass moderne Absätze oft aus stark gepresstem und eingefärbtem Karton bestehen statt wie früher aus Lederschichten.

Eine Frage des Anspruchs

Kurt Reither mag eben keine halben Sachen, schon gar nicht bei der Fussbekleidung; vor zehn Jahren hat er die letzten Schuhe angefertigt, heute tut er es höchstens für sich selbst. Nach dem Umzug in den verwinkelten Raum an der Rosenbergstrasse fehlt es ihm auch an Platz.

«Es ist längst keine typische Werkstatt mehr, zur manuellen Schuhherstellung würde ich mehr Werkzeug benötigen, auch mehr Leisten.» Das häufige Klingeln an der Tür beweist, dass viele Ostschweizer dennoch seine Dienste gerne in Anspruch nehmen und für Reparaturen etwas mehr auf den Tresen legen als andernorts.

Ein aufwendiger Vorgang

Diese Leisten, die hölzernen Nachbildungen des linken und rechten Fusses, dienen als Passform des späteren Schuhs.

Anhand dieser Formen erstellt der Handwerker ein Schnittmuster für das Schuhoberteil und schneidet die Oberleder- und Futterlederteile zu. Danach näht, nagelt oder klebt er Lederteile und Sohle zusammen, zuletzt wird der Absatz aufgesetzt. Schliesslich schleift er Absatz und Sohle ab und poliert den Schuh.

Wurden einst alle Schuhe von Hand gefertigt, ist mit der Einführung der maschinellen Produktion ab 1870 diese Herstellung selten geworden.

Dank neuer Fabrikationsmöglichkeiten überschwemmt günstige geklebte Massenware statt teurerem genähtem Schuhwerk den Markt.

Ein Namensvetter von Kurt Reither allerdings, die 1885 gegründete Wiener Schuhmanufaktur Ludwig Reiter – «leider keine Verwandten von mir» –, stellt noch heute elegante und teure Massschuhe her, rahmengenäht in Handarbeit.

So verkünden sie auf ihrer Website, denn Kenner Reither mit «th» weiss, dass selbst diese handgefertigten Modelle bis zu einem gewissen Grad Konfektionsware sind. Dem Preis zuliebe.

Wechselnde Anforderungen

Die Schuhmode ist kurzlebig, die Arbeit nach Mass ist den Schuhmachern ausgegangen, heute arbeiten sie meistens in Reparaturbetrieben. Dort hat die Materialvielfalt stark zugenommen. Dominierten früher Leder und Gummi, sind es heute verschiedene Arten von Kunststoffen.

Das erfordert gute Kenntnisse der Materialeigenschaften und passenden Klebstoffe und -techniken. Zudem müssen sie Näharbeiten an Sohle und Schaft durchführen.

Kurt Reither betrachtet anspruchsvolle Reparaturen als Herausforderung. «Wenn ein bequemes Paar Bergschuhe als unreparierbar gilt wie dieser Markenschuh eines jungen Mannes, setze ich alles daran, ihn wieder herzurichten», sagt er. Dann packt ihn der Ehrgeiz.

Er schabt die zerfetzte, geschäumte Untersohle sorgfältig ab, gibt dem Schuh einen neuen Rahmen und eine dickere Sohle, flickt das Oberleder. Damit der Besitzer darin weitere zehn Jahre lang auf Reithers Rappen unterwegs sein kann.

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