Der Schrift- Gelehrte

Typographie In St. Gallen findet ab heute der internationale Tÿpo-Kongress statt. Mitschuld daran ist Jost Hochuli. Ein Besuch beim Doyen der St. Galler Typographie. Peter Surber

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Hochuli-Bücher: Thomas-Mann-Ausgabe, Vadian-Buch, Buchgestaltung in St. Gallen, ABC eines Typografen.

Hochuli-Bücher: Thomas-Mann-Ausgabe, Vadian-Buch, Buchgestaltung in St. Gallen, ABC eines Typografen.

Die Bembo ist eine noch heute gebräuchliche Schrift. Dabei ist ihr Vorbild erstmals 1495 in Venedig verwendet worden. Von der Renaissance zur digitalen Gegenwart ist es ein Gewaltssprung – aber die Bembo hat ihn mitgemacht. Auch andere bekannte Schriften wie Garamond, Bodoni oder Baskerville sind Jahrhunderte alt. «Architektur, Möbel oder Kleider änderten ihre Gestalt», schreibt Jost Hochuli in seinem heute erscheinenden «ABC eines Typographen» – «Schriften aber können Zeiten überdauern. Das ist, wenn man es bedenkt, doch etwas Merkwürdiges.»

Willkommen bei Allegra

Wir stehen in Jost Hochulis Atelier im St. Galler Waldgut, ein akkurat ordentlicher Arbeitsraum mit Schreibtischen, Stehpult, Schubladenmöbeln, Büchern, Schriften, Ausblick in den Wald. Und reden über dieses merkwürdige Kulturgut Schrift, das die Jahrhunderte leichthin überdauert und sich ebenso virtuos zugleich immer weiterentwickelt hat. Und weiterentwickeln wird. Hochuli, Jahrgang 1933, ist das beste Beispiel dafür: Er hat eine eigene Schrift geschaffen.

Rund 5000 Schriften sind heute digitalisiert. Warum noch eine mehr? «Es braucht sie nicht, meine neue Schrift», sagt Hochuli nüchtern. «Niemand hat auf sie gewartet. Wir kämen generell auch mit weniger als der Hälfte aller Schriften aus.» Und dann das schlichte «Aber»: «Das, was ich als eine gute serifenlose Schrift anschaue, wollte ich verwirklichen.»

Ihr Name: Allegra. Was charakterisiert die Neue, wie sie handgezeichnet auf dem Schreibtisch liegt? Serifenlos heisst: Die Schrift hat keine «Füsschen», jene aus dem Schreiben mit der Breitfeder entstandenen feinen Endstriche, wie sie etwa diese Zeitungsschrift aufweist. Ob mit oder ohne Serifen: Das teilt die Schriftwelt in zwei Grossfamilien, für manche eine Glaubensfrage, für Hochuli seit jeher keine Frage, wie alle seine Publikationen zeigen. Und dann erläutert er die Bestandteile einer Schrift, auf dem Papier mit feinen Linien vorgespurt: Oberlänge, Versallinie, Mittellängenkante, Kurvenführung bei gerundeten Buchstaben, Standlinie, untere Rundungen, Unterlängen.

350 Zeichen

Die Millimeterarbeit mit Bleistift hat bei Hochuli mehr als zwei Jahrzehnte gedauert, vom ersten Projekt einer eigenen, damals «Vadiana» genannten Schrift über eine «Regula» bis zur jetzt realisierten Allegra. Dabei hört die Arbeit nicht bei den 26 Buchstaben auf: Insgesamt müssen etwa 350 einzelne Zeichen gestaltet, «geschnitten» werden – Gross- und Kleinbuchstaben, Versalien, Kapitälchen, die Zahlen, dazu alle Satz- und Sonderzeichen, und dies alles normal und kursiv in je sieben Schriftstärken.

Die Allegra zeichne sich in der Variante «Regular» durch Leichtigkeit und ein gewisses Silber in der Farbe aus, sagt Hochuli – «Farbe» meint in der Typographie die Graustufe der Schrift. Sie erreiche damit bei kleinerem Schriftgrad dieselbe Leserlichkeit wie verwandte Schriften im nächsthöheren Grad. Und: sie hat eine Rechtsneigung um ein Grad. «Das macht die Schrift etwas flüssiger.» Eine fürs Auge unmerkliche Verführung zum Lesen.

Das ist das A und O des Schriftenhandwerks: die Leserlichkeit. Und, fügt Hochuli bei: die Leseappetenz. Gemeint ist damit der Lesereiz, die Lust (oder Unlust), die eine Schrift beim Lesen weckt. Offene, helle, zugängliche Schriften haben eine hohe Leseappetenz. Und das sei nicht bloss Gefühlssache, sondern Erfahrung, geschult zum Beispiel an Drucksachen, bei denen es «wirklich hart auf hart» geht: Telefonbücher, Lexika, Fahrpläne.

Aus dem Regal holt Hochuli den «Fischer Weltalmanach»: einst ein Bestseller, der sich damals 1994 zunehmend schlechter verkaufte, ohne dass der Verlag wusste, warum. Hochuli fand die Antwort. Eine schmallaufende serifenlose Grundschrift und eine insgesamt graue Typographie: «Das lesen die Leute nicht gern.» Für das Folgejahr wurde die Schrift geändert, eine Serifenschrift verwendet und sogar einen halben Grad verkleinert, aber sie «lief» jetzt besser, und in die Titel kam Farbe – mit Erfolg: das Buch fand wieder mehr Zuspruch.

Unverkennbar: Hochuli-Bücher

«Solche Dinge mache ich gerne», sagt Hochuli. Am liebsten aber gestaltet er Bücher, von A bis Z. Über Jahrzehnte hat Hochuli die Publikationen der Verlagsgemeinschaft St. Gallen VGS betreut, die er mit anderen 1979 ins Leben gerufen hatte. Hochuli-Bücher erkennt man auf einen Blick, und an ihm hat sich eine ganze Generation St. Galler Typographen geschult. Wer heute von einer «St. Galler Typographie» spricht, spricht von Hochuli, dessen Lehrer Rudolf Hostettler sowie seinen Schülern. Zu diesen gehört auch das Grafikatelier TGG, bei dem nach den gezeichneten Vorlagen Hochulis momentan die Allegra digitalisiert wird.

In der Öffentlichkeit ist die Schrift schon aufgetaucht: Eine letzte Vorstufe kam bei der Mauerinschrift beim Bräkerplatz in Lichtensteig zur Anwendung, die an den «armen Mann im Tockenburg» erinnert. Zwei Bücher, «Krawanker» des Wien-St.Gallers Bruno Pellandini und das Typotron-Heft über die Drei Weieren, sind ebenfalls in Allegra gesetzt.

Ob das die Leserinnen und Leser gemerkt haben? Schriften sind so notwendig wie diskret. Wir lesen im Normalfall über sie hinweg. Und wenn dies geschieht, dann hat die Schrift ihre Rolle genau richtig gespielt. «Form follows function», der Lehrsatz für gutes Design, gilt auch für die Schrift.

Gegen den Wildwuchs

Oder besser: galt. Wer heute Drucksachen in die Hand bekommt, sieht sich oft einem wüsten Wildwuchs von Schriftformen und grafischen Originalitäten gegenüber. Das gelte auch bei den Profis, kritisiert Hochuli: Im jährlichen Wettbewerb der schönsten Schweizer Bücher würden zunehmend «Showbücher» ausgezeichnet, deren oberster Anspruch nicht typographische Sorgfalt und Dienlichkeit sei, sondern das Noch-nie-Dagewesene.

Das sei ein ähnliches Phänomen wie die «Spassarchitektur», sagt Hochuli. Ganz anders die «St. Galler Typographie», dieser buchgestalterische Höhenflug «in einem Kaff namens St. Gallen», wie er selber lachend sagt: Hier sei eine jüngere, inzwischen bereits schon Enkel-Generation von Typographen am Werk, die genug habe vom «anything goes», vom Verlust aller Werte im Schriftdesign. Und die sich seine Haltung ebenfalls zu eigen gemacht hat: «Mit der Typographie ist es wie mit der Waffentechnik: Man darf nicht alles machen, was man machen könnte» – jedenfalls immer dort, wo es um Lesbarkeit geht.

Kein «bite», nur noch ein «kiss»

So sehr die Digitalisierung und damit die Demokratisierung des Schriftenwesens Auswüchse produziert, Qualität und typographische Ordnung verwässert: Hochuli hebt auch die positive Seite hervor. Gute Computerschriften hätten heute eine Präzision, wie sie früher der Wunschtraum jedes Setzers gewesen wäre.

Was hingegen mit dem Verschwinden von Bleisatz und Hochdruckverfahren verloren ging, ist der physische Eindruck im Papier, jenes feine Relief, das man bewusst kaum wahrnehmen kann. «Ein unsichtbares Licht-und-Schatten-Spiel» nennt es Jost Hochuli. «Heute hinterlässt der Druck keinen <bite> mehr, nur noch einen <kiss>… – zusammen mit den kleinen Unregelmässigkeiten des mechanischen Schriftsatzes vermittelte ein Druck früher eine Wärme, die den heutigen Flachdruckverfahren fehlt.»

Genauigkeit gewonnen, Lebendigkeit verloren: Die Schrift ist damit auf ihre Art ein Zeitzeuge.

Legende

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Jost Hochuli am Stehpult mit gezeichneten Vorlagen seiner Schrift Allegra. (Bild: Urs Jaudas)

Jost Hochuli am Stehpult mit gezeichneten Vorlagen seiner Schrift Allegra. (Bild: Urs Jaudas)