Der Puls der Sammlung

Kleiner Ankaufsetat, grosses Geschick: In einer Doppelausstellung zeigt das Kunstmuseum St. Gallen, wie es dies schafft.

Ursula Badrutt Schoch
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Sie ist zehn und sieht aus wie eine alte Dame. Dafür trägt sie Spitzen, wie sie St. Gallen einst den Weg in die Zukunft wiesen und nun in der jüngsten Ausstellung im Textilmuseum zu entdecken sind. Gemalt hat das Bild Jacob Gerritsz Cuyp 1636 – so fein, dass beinah das Pulsieren des Bluts in den Adern zu erkennen ist. Die Malerei gelangte kürzlich als Schenkung ins Kunstmuseum. Sie unterstützt die erfolgreiche Suche des Hauses danach, was man heute «Alleinstellungsmerkmale» einer öffentlichen Sammlung nennt.

Gegen Rost, für Zukunft

Jung und alt: Aus der Gegenwartskunst antwortet dem Mädchenporträt der Doppelpfeil von Olivier Mosset: «Rustoleum» von 1992 verweist in Titel und Material auf die Rostschutzfarbe, mit der dem natürlichen Alterungsprozess von Eisen entgegengewirkt wird, mit der aber der Genfer Künstler für die Entwicklung der monochromen Malerei Wegweisendes geleistet hat.

«Wir versuchen, wichtige Werke zu erwerben zu einem Zeitpunkt, wo sie für uns noch erschwinglich sind», führt Direktor Roland Wäspe in die Ausgangslage der Doppelausstellung ein. Während «Altmeistergemälde: Alte Bekannte – neue Freunde» Einblick in die historischen Kostbarkeiten der Sammlung gibt, konzentriert sich «Back to the Future» auf Neuerwerbungen der Gesellschaft der Freunde Bildender Kunst und des Kunstvereins.

Schöne Wertsteigerung

Beispiel für eine unglaubliche Wertsteigerung ist Steven Parrinos «Void Vortex» von 1996, das der 2005 verstorbene Künstler dem Museum 2003 als Geschenk überlassen hat, als das aus dem Keilrahmen verschobene Bild mit blauem Loch noch einen Wert von 20 000 Dollar hatte. Heute wird es auf 1,5 Millionen geschätzt.

Kontinuität, Konzentration

Schlüssel zum Erfolg seien Kontinuität und Fokussierung auf Werkgruppen, betont Roland Wäspe. Und Mut, möchte man ergänzen. Zum Beispiel, wenn mit Hilfe der Freunde der Bildenden Kunst und der Eidgenossenschaft der «Economat» von Fabrice Gygi, eine für die Kirche San Stae in Venedig zur Biennale 2009 entwickelte Arbeit, vor dem Verschrotten gerettet wird.

Die kirchenfüllenden Dimensionen haben die Überzeugung offensichtlich nicht gemindert, dass dieses Werk die Sammlung gut ergänzt; es kreist um die Themen Neutralität und Menschenrechtsverletzungen, zudem interessiert auch Gygis Nähe zu Roman Signer. Dies gilt auch für die Kübelplastik von Marcus Geiger. Sie hängt an der Wand und behauptet sich damit als Malerei. Als Behälter sind die gelöcherten Kübel tatsächlich unbrauchbar.

Halbkugeln mit Raum

John Armleders «Liberty Dome Installation» von 1996, die 1997 erworbene Version jener Arbeit, die der Bar in der Lokremise Kunstsinn gibt, hält mit den vielen Halbkugeln den Raum zusammen. Die einzelnen Spiegelteile sind originale Überwachungsobjekte aus Warenhäusern, wie sie vor dem Zeitalter der Videokontrolle beliebt waren. In der Nachbarschaft zu Gygis «Economat» kommt es zu einer Potenzierung politisch unterlegter Aussagen. Eine weitere nette Nachbarschaft wäre das Arnolfini-Doppelporträt von Jan van Eyck aus dem Jahr 1434, wo sich im konvex gebogenen, damals «Hexe» genannten Spiegel an der Wand nicht nur das Hochzeitspaar, sondern auch Raum und Maler reflektieren. Dieses gehört weiter der National Gallery in London. Und nicht St. Gallen. Hexen können Museumsdirektoren nicht.

Durch die Zeit zappen

Oder doch? Was bietet ein Science-Fiction-Film, was ein Kunstmuseum nicht längst real im Repertoire hat? Nichts, lautet die Antwort des Kunstmuseums mit dieser Ausstellung. Sie nimmt mit auf eine Zeitreise, vorwärts und in die Vergangenheit, zurück in die Zukunft, mal in Überschallgeschwindigkeit, mal bedächtig langsam wie das Dia eines Reiterstandbildes, das allmählich verblasst, eine Arbeit von Matthew Buckingham. Oder in den Worten des Vaters der Konzeptkunst Lawrence Weiner: von Punkt zu Punkt ohne die Qualität von Stahl, Eisen und Stein. Also leicht und bekömmlich.

Kunstmuseum St. Gallen, bis 30. Oktober, Di bis So 10–17 Uhr, Mi 10–20 Uhr

Objekte einer Ausstellung: Cuyps Mädchenporträt (links), Armleders Neonröhren und «Liberty Dome» – und hinten die Neuerwerbung «Economat» von Fabrice Gygi.

Objekte einer Ausstellung: Cuyps Mädchenporträt (links), Armleders Neonröhren und «Liberty Dome» – und hinten die Neuerwerbung «Economat» von Fabrice Gygi.