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«Ich habe auch frei, wenn ich arbeite» – Der Optimist unter der Kuppel des Circus Royal

Der Trapezkünstler Alexander Lichner kann sich keinen schöneren Ort zum Leben vorstellen als Manege und Wohnwagen. Ein Absturz aus der Zeltkuppel hat ihn vorsichtig, aber nicht ängstlich gemacht. Und Fragen nach dem Lohn verärgern ihn.
Diana Hagmann-Bula
Alexander Lichner, überglücklicher Zirkusartist. (Bild: Urs Bucher)

Alexander Lichner, überglücklicher Zirkusartist. (Bild: Urs Bucher)

Eigentlich will er aufstehen und zur Begrüssung die Hand geben. Doch er zuckt zusammen, greift sich ins Kreuz. «Das kommt nicht von der Nummer, das kommt vom Ab- und Aufbau», beschwichtigt der spanische Trapezkünstler Alexander Lichner. Aber natürlich sei die Karriere kurz.

«Ich bin nun 25 Jahre alt und noch fit. Mit 30 oder 40 wird es zu Ende sein.»

Er sei dann kein schöner Anblick mehr in der Manege. Lichner hat vorgesorgt für diese Zeit. Er hängt nicht mehr nur unter der Kuppel, er ist auch stellvertretender Direktor des Circus Royal. Und schmerzen die Glieder doch mal zu sehr, hilft immer noch eine Tablette. Sie zaubert die Schmerzen weg und das Lachen her. Die Zuschauer sollen nicht mitbekommen, dass es den Mann, der über ihnen hängt, überall ziept und zieht. «Das ist Zirkus», sagt Lichner.

Vater war Krokodildompteur

Lichner wohnt mit seiner Frau Nuria (36), seinen Töchtern Michelle (12) und Denise (4) in einem Wohnwagen, der grösser ist als jener vieler anderer Zirkusmitarbeiter. Vor einer Wohnwand, die aussieht wie aus Holz, stehen dreizehn Pokale. Ein Preis aus China etwa, einer aus Frankreich, auch Lichners Liebling: die Auszeichnung aus Monte Carlo, wo er am bekannten Zirkusfestival in der Kategorie New Generation gewonnen hat. Freihändiger Zahnstand auf dem Trapez, Sprünge in den Fersenhang, Zahnhangwirbel ohne Sicherung: Die Zuschauer bezahlen auch für Nervenkitzel. Eine Zirkusschule hat Lichner, das Zirkuskind, nie besucht. «Alles selber perfektioniert. Neun Jahre hat es gedauert, bis ich internationalen Erfolg hatte.» Nur einmal ist Lichner bisher abgestürzt, aus sechs Metern Höhe. Er hatte Glück im Unglück: ein ausgeschlagener Zahn, mehr nicht. «Das ist Zirkus.»

Angenehm warm ist es im Wohnwagen. Mikrowelle, Kaffeemaschine, WC, Dusche, Teppich, Lampenschirme, alles da. Lichners jüngere Tochter schläft auf dem Sofa. Der Zirkus sei der beste Platz zum Aufwachsen, meint Lichner.

«Man ist immer mit den Eltern zusammen, kann oft spielen, lernt Sprachen, baut Beziehungen zu Menschen aus aller Welt auf.»

Er selber ist Artist in fünfter Generation. Seine Grossmutter hat ebenfalls am Trapez begeistert, sein Vater mit einer Krokodilnummer Geld verdient. Zuerst hat Lichner es mit den Tieren probiert. «Meine Liebe ist aber das Trapez. Nur dort oben fühle ich mich frei.» Seine Töchter würden später im Zirkus arbeiten, ist er überzeugt. Und fragt mehr rhetorisch als ernsthaft: «Nicht wahr?». Denise, die Jüngere, verneint. Der Vater hakt verdutzt nach. «Vielleicht eine Nummer mit Sternen», gibt sie nach. Lichner erzählt vom Internet-Schulprogramm, das Spanien Kindern von im Ausland tourenden Zirkusleuten ermöglicht. «Zwischendurch schreiben sie Tests auf der spanischen Botschaft. Lernkontrolle.» Auch das ist Zirkus.

Ein typischer Tag in Lichners Leben läuft so ab: Er frühstückt um sieben Uhr im Restaurantwagen, macht einen Kontrollgang auf dem Zirkusgelände, bespricht den Tag mit Direktor Oliver Skreinig, probt dreissig Minuten oder etwas mehr, isst zu Mittag. Pause. Danach richtet er sich für den ersten Auftritt her, zieht seine blauen Leggins und das Glitzergilet an, schminkt sich mit Puder, Kajal, Rouge und Lippenstift. «Nicht so wie eine Frau, sondern um die Gesichtszüge zu betonen. Das wirkt besser aus der Ferne.» Wieder Pause, Nachtessen, wieder Vorstellung. Wie geht er mit dem dauernden Nervenkitzel um? «Ich liebe ihn, weil ich den Zirkus liebe.» Berichte, wonach Artisten sich mit Alkohol beruhigen würden, um durch ihren Berufsalltag zu kommen, dementiert er. Das sei vielleicht früher so gewesen. Aber nun, nun gehe es wieder bergauf mit den Zirkuskünstlern. «Alkoholprobleme kennen wir nicht. Unsere jungen Künstler gönnen sich sicher mal eine Party. Das ist doch normal.» Und wie steht es um den Konkurrenzkampf unter Artisten? Es folgt eine ähnliche Antwort. Das habe es früher gegeben, heute nicht mehr. «Ich habe Freunde aus den zwölf Nationen, die hier tätig sind. Das ist Zirkus.»

«Ich verdiene fast so gut wie ein spanischer Minister»

Lichner bezeichnet sich als «Artist durch und durch». Mit ganzem Herz ist er dabei. «Ich freue mich nicht, dass mir meine Nummer gelingt. Ich freue mich, dass sie den Zuschauern gefällt.» Er habe sein Hobby zur Arbeit gemacht, sagt er. Und dreht den Gedanken weiter: «Ich habe deshalb auch frei, wenn ich arbeite.» Sich nach richtiger Freizeit sehnen? Nach mehr Platz zum Wohnen? Nein, der Zirkus mache ihn glücklich. Der Lohn für den geschundenen Körper, ein Leben stets auf Achse? Lichner nennt keine Zahlen, sagt aber: «Ich verdiene fast so gut wie ein Minister in Spanien.» Er zeigt auf den Wohnwagen: 120'000 Franken soll er gekostet haben. Er ärgere sich darüber, dass die Gesellschaft Zirkusleute noch immer für Zigeuner halte. «Ich könnte mir fünf Rolex-Uhren leisten, kaufe sie aber nicht, weil ich sie nicht brauche.» Das ist Zirkus.

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