Der Mensch denkt, das Netz lenkt

Auch wer selten Besuche macht oder im Internet plaudert, gehört mehr Netzwerken an, als ihm bewusst ist.

Daniel Goldstein
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Nicht nur das Leben der Pfadfinder spielt sich in Netzwerken ab. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Nicht nur das Leben der Pfadfinder spielt sich in Netzwerken ab. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Haben Sie es schon gehört: Sie können jeden beliebigen Menschen auf der Welt grüssen, indem Sie einen Ihrer Bekannten bitten, den Gruss weiterzuleiten – wenn er keine direkte Verbindung zum Adressaten hat, wiederum an einen Bekannten, mit der gleichen Bitte. Angeblich reichen sechs solche Schritte, um den Gruss ans Ziel zu bringen.

Das Problem ist nur, dass man den Weg nicht kennt.

Und dass man nicht weiss, wie die Sechs-Schritte-Regel zu beweisen wäre – aber sie zirkuliert seit Jahren. Gelesen oder gehört: Nicht nur Informationen und Gerüchte verbreiten sich oft durch Mundpropaganda, sondern auch Normen und Verhaltensweisen, wie die amerikanischen Professoren Nicholas Christakis und James Fowler in ihrem Buch «Connected!» nachweisen.

«Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück ansteckend ist», lautet der leicht irreführende deutsche Untertitel – denn als Glücksratgeber taugt das Werk höchstens ganz indirekt. Auch die Angabe, es gehe um soziale Netzwerke, könnte auf eine falsche Fährte führen. Soziale Netzwerke gab es schon lange vor dem Internet und Facebook.

Komplexe Beziehungsnetze

Zu den überschaubaren und mit Namen versehenen Gemeinschaften wie Dorf oder Sippe sind längst komplexe Beziehungsnetze hinzugekommen, organisierte und unorganisierte. Ausgehend von seiner Arbeit mit Paaren, begann sich der Mediziner und Soziologe Nicholas Christakis für die Einflüsse zu interessieren, denen die Eheleute einzeln und zusammen unterlagen. Er kam zu Schluss, es reiche nicht, wie bisher Netzwerke «von drei bis dreissig Personen» zu untersuchen. Vielmehr fasste er Tausende und Millionen von Vernetzten ins Auge.

An der Universität Harvard vernetzt, stiess er auf den heute in Kalifornien tätigen Politikwissenschafter James Fowler.

Zusammen haben die beiden Professoren Studien zusammengetragen oder selber durchgeführt, die den Einfluss von Freunden auf die eigenen Meinungen oder das Verhalten untersuchen. Der Begriff «Freundschaft» ist dabei weit gefasst; er wird auch für Beziehungen verwendet, die wir als Bekanntschaft bezeichnen würden, und umfasst auch jene Art oberflächlicher Freundschaft, die in den sozialen Netzwerken des Internets gepflegt wird.

Untersucht wurde etwa, wie stark solche Freunde im Gesundheitsverhalten übereinstimmten (Rauchen, Fitness, Gewicht, Sexualleben), in politischen Ansichten und Wahlbeteiligung, aber auch in der Zufriedenheit mit dem Leben, im Glücksgefühl.

Mehr Übereinstimmung

Beinahe durchwegs zeigte sich, dass zwischen direkten Freunden weit mehr Übereinstimmung herrscht, als statistisch bei Zufallspaarungen zu erwarten. Das ist nach dem Motto «Gleich und gleich gesellt sich gern» auch für die Autoren keine Überraschung.

Aber sogar bei indirekten Beziehungen (mindestens ein gemeinsamer Freund) fanden sie meist fünf bis zehn Prozentpunkte mehr Übereinstimmung als per Zufall. Wo die Einflussnahme direkt Thema von Studien war – so bei der Mundpropaganda zugunsten der Wahlteilnahme –, schien sie tatsächlich nachweisbar zu sein.

Als Vehikel des Einflusses machten manche Studien nicht vorwiegend die direkte Nachahmung aus, sondern die Normen, die sich in Netzwerken durchsetzen – zum Beispiel, ob Rauchen in Gesellschaft akzeptiert wird.

Dabei können die Netzwerke, besonders wenn sie sich dynamisch verändern, selber Träger des Normwandels sein. Hier stellten die Professoren eine Art goldene Mitte fest: Am besten verbreiten sich Neuerungen, wenn die Vernetzten zwar Querbeziehungen haben, aber nicht allzu intensive, weil sonst eine Art Inzucht der Meinungen herrscht, mit geringer Bereitschaft, Neues aufzunehmen.

Kurzum, die Netzwerke erweisen sich als eine Art Organismen, so wie es auch Parallelen zwischen der Verbreitung von Computerviren und realen Krankheitserregern gibt. Die Internet-Netzwerke sind nun für die Autoren ein zusätzliches Instrument der weltweiten Vernetzung.

Immer noch eine Minderheit

Und die Bekanntschaft aller Erdenbürger dank sechs Zwischenschritten? Auch sie findet im Buch eine Erklärung: Die Teilnehmer einer Studie erhielten den Auftrag, einer unbekannten Person

ein E-Mail zu schicken, ohne einen Suchdienst zu verwenden – nur indem sie aus ihrer Kontaktliste jemanden wählten, bei dem sie Beziehungen in die richtige Richtung vermuteten. Nach durchschnittlich sechs Schritten waren die Mails am Ziel – zwar in aller Welt, aber nur in jener Minderheit, die überhaupt Strompost hat.

«Durchschnitt» bedeutet, dass sogar in dieser Gruppe viele Leute mehr als sechs Schritte entfernt sind; die schöne neue Netzwelt ist noch lange nicht global.

Nicholas A. Christakis, James H. Fowler: Connected! Die Macht sozialer Netzwerke und warum Glück ansteckend ist. S. Fischer Verlag 2010. Fr. 40.–

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