Kolumne

Der Mensch, den ich nicht sehe

Was alle sehen, das sehe ich nicht, und das bin ich. Ich erfahre mich nur durch die Reaktion meiner Mitmenschen.

Claudia Lässer
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Claudia Lässer, Programmleiterin Teleclub

Claudia Lässer, Programmleiterin Teleclub

Ich weiss nicht, wie ich aussehe, wenn ich in Sitzungen sitze oder im Tram stehe und man mich so von schräg hinten sieht. Hab ich einen Buckel, hängt die Bluse irgendwo raus? Gar nicht zu reden von meiner Stimme, die ja nur ich so höre, wie ich sie höre, und alle anderen anders. Dafür kenne ich mein Innenleben wie keiner sonst. Meine Mitmenschen, meine Familie nehmen mich also gar nie gleich wahr wie ich? Wir müssen also immer und immer wieder miteinander reden. Vor allem aber müssen wir Verständnis aufbringen. Dem anderen geht es nämlich genauso. Aber wie machen wir das?

Alle wollen wir geliebt werden. Verständlich. Ist ja auch ein tolles Gefühl.

Aber auch irgendwie lame, schwach. Wäre doch schöner, man wollte Liebe geben, nicht? Denn dann hat man mehr als genug davon und ist nicht im Minus und will die ganze Zeit etwas. Und ist «hässig» wie ein «Kleinkind», weil man es nicht bekommt, und sucht das Glück und die Schuld irgendwo, und das ist meistens bei den anderen. Aber eben, sich selbst sieht man ja nicht.

Vielleicht fände man sich selbst gar nicht so toll, sähe man sich die Strasse entlang laufen.

Vielleicht machen wir darum dauernd Selfies, damit wir sicher sind, dass wir noch da sind und uns andere sagen, dass wir so ok sind, wie wir sind, auf dem einen Bild, in dem wir uns weder bewegen, noch etwas sagen oder zuhören.

Gesucht und verloren und wieder gesucht

Da sind wir also und suchen, seit wir Beeren suchen und uns in der Höhle angrunzen, immer noch nach Liebe und jemandem, der einem sagt, dass man gut ist und genug ist, und der einem hilft bei der Kindererziehung, der Karriere und im Haushalt.

Auch ich bin zwischen Kind, Karriere und Haushalt, wie viele von Ihnen auch. Auch ich habe lange nach der Liebe gesucht. Gesucht und gesucht. Und verloren. Und gesucht. Tatsächlich gefunden habe ich sie, als ich sie da gesucht habe, wo ich noch nie gesucht habe. So wie man nicht im Kühlschrank sucht, wenn man sein Handy sucht. Aber da lag sie, die Liebe, im Kühlschrank, der ich war.

Erst, als ich die Selbstliebe entdeckte, entdeckte die Liebe mich.

Mit Selbstliebe meine ich den Respekt und die Wertschätzung mir selbst gegenüber. Das Annehmen ist nämlich unglaublich energiesparend. Es reibt nicht so auf. Das heisst nicht Opfer sein. Sich wehren hat auch mit Selbstliebe zu tun. Ich will ja, dass es mir gut geht. Es gibt einfach zu viele Leute um mich herum, als dass ich mich immer verbiegen möchte und kann. Darum mag ich mich einfach, wie ich bin. Und bin dadurch so zufrieden, dass ich geben kann.

Stellen Sie sich vor, alle könnten geben. Dann müsste ja keiner mehr suchen.

Naiv? Ja gut, vielleicht. Aber die Richtung stimmt doch. Selbstliebe heisst aber nicht selbstgefällig. Auf dem Sofa liegen und nie dazulernen ist nicht Selbstliebe. Das tut nämlich nicht gut, auf Dauer. Von Menschen lernen, offen und dankbar sein, so sammelt man Power-ups, und die kann man wieder weitergeben.

Schauen Sie gut auf sich. Sie werden gebraucht.