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Der Mann der runden Formen wird 90

Schlicht überschätzt oder einfach genial? Am deutschen Designer Luigi Colani, der Bündner Wurzeln hat, haben sich die Geister lange Zeit geschieden. Heute wird er 90 Jahre alt.
Anika von Greve-Dierfeld, dpa
Luigi Colani und seine Flasche für Valser. (Bild: Martin Rütschi/Keystone)
TV-Gerät, in beschränkter Zahl produziert. (Bild: Peter Förster/DPA)
Die Spiegelreflexkamera Canon T90. (Bild: Wolfgang Thannerle)
Entwurf für ein turbinengetriebenes Zweirad. (Bild: Horst Ossinger/DPA)
4 Bilder

Der Mann der runden Formen

Da sitzt er in der Sonne. Vor ihm steht eine Tasse Kaffee, die Zigarre zündet er sich fast trotzig an. Er, der Mann mit dem einst rabenschwarzen Schnauz und hitzigen Temperament, sitzt auf der Terrasse eines Karlsruher Hotels und sieht still und zerbrechlich aus. Der Rollstuhl wurde diskret an einen anderen Tisch geschoben, als gehöre er nicht zu ihm.

Luigi Colani, Stardesigner, Starrkopf, Grosssprecher, Revoluzzer begeht heute seinen 90. Geburtstag. Ohne grossen Bahnhof, ohne Leute, die Reden halten, ohne Party. Nur mit seiner Frau und einem Schweizer Freund. «Party ist für Nichtse», sagt er. Und Nichtse sind nichts für ihn. Colani wurde in Berlin geboren und wuchs auch dort auf. Er ist Sohn eines Bündner Filmarchitekten kurdischer Herkunft und einer Polin, die am Theater als Souffleuse arbeitete.

Für Valser Mineralquellen eine Flasche entworfen

Colanis Name hat heute noch ­einen grossen Klang. Er war Vorbild für Generationen junger Designer, und auch sonst kennen ihn viele. Am ehesten erinnert man sich an seine spektakulären futuristischen Entwürfe von Autos und Rennwagen mit geschwungenen Kotflügeln wie lässig nach hinten geworfenes Haar; von Riesenflugzeugen mit Rundbug und Lastwagen mit delfinähnlicher Fahrerkabine. Der Universaldesigner hat aber auch Möbel entworfen, Geschirr, Brillen, Kameras, Fernseher, Kleidung, Küchen. Für die Valser Mineralquellen entwarf er 1990 eine PET-Flasche.

Was seine Entwürfe eint, sind die runden, organischen Formen. Ecken und Kanten sind ihm verhasst. «Meine Welt ist rund», sagt er. Mit manchen Ideen verdiente er viel Geld und erregte grosses Aufsehen: Die ergonomisch geformte Spiegelreflex­kamera Canon T90 nennt er sein vielleicht bestes Produkt. «Ich habe die Kamerawelt re-vo-lu-tio-niert», ruft er aus. Für namhafte Möbelhersteller entwarf er Stühle und Tische; seine ­Brillen verkauften sich bestens. «Ich bin ein erfolgreiches Schwein und habe riesige Chancen gehabt», sagt er.

Seine Entwürfe sind mit grosser Geste gezeichnet, mitunter genial, nicht immer praxistauglich. Er ist in den 70er- und 80er-Jahren zum Medienstar und Selbstvermarkter avanciert. Auf Schmähungen der Fachwelt hat er mit umso grösserem Geltungsdrang reagiert. Laut und mit drastischen Worten hat er sich gerne als Enfant terrible inszeniert. Heute klingt sein Zorn erschöpft.

Lebenswerk auf Eis gelegt

Etwa 70 Prozent seiner Entwürfe blieben als Skizze in der Schublade, sagt er. Insgesamt beziffert er die Zahl der «Ideen» auf rund 4000 – «Entwürfe, aus denen gelegentlich Gegenstände wurden. Oder nur Träume», ­erzählt er. Colani hat bis heute «grosse Projekte», die aber im Vagen bleiben und über die Jahre gestrandet sind. Auch wegen abgesprungener Investoren – aus seiner Sicht spiessige Geschäftspartner – wegen bockiger Stadtplaner, regelwütiger Behörden oder schlicht wegen Ignoranten.

Das Museum, das man ihm in Venedig bauen wollte? Gibt es bis heute nicht. Sein Lebenswerk «Eco-City», das er auf einer chinesischen Insel verwirklichen wollte? Auf Eis gelegt. Für Colani ist das kein Scheitern, sondern eher ein Kampf: «Ich bin denen immer zu sehr nach vorne gestürmt», sagt er.

«Colani dachte zu schnell und zu weit voraus»

«Colani war für seine Umgebung eine Nummer zu gross und dachte zu schnell und zu weit voraus», heisst es in einem Aufsatz des Designers Peter Friedrich Stephan. «Ich bin verkannt!», so sieht es Colani. Er hat in Japan gearbeitet und lebt seit mehr als 20 Jahren auch in China. Seinen Wohnsitz in Karlsruhe hat er behalten. Hier arbeitet er an neuen Aufträgen, über die er nichts Konkretes ­sagen dürfe. In China sitzt er an «drei grossen Projekten»: zwei Wohnwagentypen sowie einem E-Auto – diesmal will er sie selbst produzieren. Die Welt sei sowieso noch nicht bereit für ihn. «Ich muss auf sie warten.»

Über den Tod will er nicht sprechen. «Ich entstamme einer Familie von Hundertjährigen», sagt er nur. «Warum sollte man sich mit dem Sterben beschäftigen, wenn das Leben so viele Fragen stellt, die noch unbeantwortet sind?»

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