Der Lesekünstler

Ernst Ziegler hat früh gelernt, alte Schriften zu lesen. Das braucht er seit der Pensionierung mehr denn je: Er ist einer der wenigen, die Schopenhauers Handschrift entziffern können. Josef Osterwalder

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Ernst Ziegler mit einem von ihm entzifferten Handschriftenblatt des Philosophen Arthur Schopenhauer. (Bild: Ralph Ribi)

Ernst Ziegler mit einem von ihm entzifferten Handschriftenblatt des Philosophen Arthur Schopenhauer. (Bild: Ralph Ribi)

«Ale Menschen wollen leben: aber keiner weiss, weshalb er lebt.» Vor gut drei Jahren ist Ernst Ziegler auf diesen Satz gestossen, in einem Buch, in welchem Arthur Schopenhauer seine Gedanken niedergeschrieben hat. Richtiger müsste es wohl heissen: hingesudelt. Wenn sich der alte Schopenhauer an den Schreibtisch setzte, wollte er philosophieren, keine Schönschreibübung abhalten. Als Philosoph hatte er ja auch nicht allzu viel Schönes vom Lauf der Welt zu berichten.

«Man möchte wahrlich sagen: Die Menschen sind die Teufel der Erde, und die Tiere die geplagten Seelen.» Einen solchen Satz kann man auch mit einer Sauschrift schreiben. Anscheinend kümmerte sich Schopenhauer auch gar nicht darum, ob das je einmal ein Mensch noch lesen kann oder will.

In Schopenhauers Werkstatt

Da aber hat Schopenhauer seine Rechnung ohne seine Freunde gemacht.

Diese wollen nicht nur seine ausgearbeiteten Werke pflegen; vielmehr dringen sie auch in die letzten handschriftlichen Sudel des Philosophen vor, in Texte, die erst im Entstehen zu sein scheinen: Entwürfe, Tagebucheintragungen, Aphorismen, alles mehr oder wenig zufällig aneinandergereiht. Gerade dies aber macht ihren Reiz aus. Eine solche Notizensammlung öffnet den Blick in die Werkstatt des Schriftstellers. Man sieht, wo er ein Wort gestrichen, ein besseres gesucht, einen Gedanken erweitert hat.

Es ist, als ob man dem Autor über die Schulter schauen könnte.

Ansichten eines Greises

Dazu braucht es freilich jene Fertigkeit, die sich Ernst Ziegler früh erworben hat: eine profunde Schriftkenntnis. Darauf ist der renommierte C.H. Beck Verlag in München schon vor einigen Jahren aufmerksam geworden und hat den St.

Galler gleich für ein aufwendiges Projekt eingespannt: die Edition jener Textsammlung, die Arthur Schopenhauer in den letzten Jahren vor seinem Tod zu Papier gebracht hat. Er selbst gab ihr noch den Titel «Senilia», zu übersetzen etwa mit «Ansichten eines Greises».

Dieses Buch soll 2010 erscheinen, auf das 150. Todesjahr des Philosophen hin.

Die Herausgabe bereitete Franco Volpi, Philosoph aus Padua, vor, der schon zahlreiche Werke Schopenhauers und anderer deutscher Philosophen ins Italienische übersetzt hat. Noch vor Abschluss des Projektes aber ist Volpi im April dieses Jahres gestorben, an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Nun wird der Band nicht von Volpi herausgegeben, sondern ihm gewidmet sein.

Eine erste Leseprobe, einen «Appetizer», hat er allerdings bereits veröffentlicht. Diesen Frühling erschien ein erster Auszug aus den «Senilia». Darin sind einige der Kernsätze enthalten, die zeigen, wie Schopenhauer «Die Kunst, alt zu werden» verstanden hat; so lautet auch der Titel der Schrift. «Nichts ist unberechenbarer als das Leben», hatte Volpi im Vorwort geschrieben. Wenige Monate vor dem tödlichen Unfall.

Die menschliche Tragikomödie

Und Ernst Ziegler? Für ihn ist der Ruhestand zu einem Leben mit der Philosophie geworden. Kaum hatte er 2003 das Stadtarchiv seinem Nachfolger Stefan Sonderegger anvertraut, ging es mit der Entzifferung des 150seitigen Manuskripts Schopenhauers los. Ein Auftrag, der sowohl minutiöse Kleinarbeit als auch einen weiten Horizont verlangt.

Für das Entziffern der Schrift braucht es Präzisionsarbeit; für das Verstehen der Texte aber die Kenntnis des ganzen kulturellen Umfeldes der neueren Zeit. Die ganze menschliche Tragikomödie, der Ernst Ziegler in der sankt-gallischen Stadtgeschichte begegnet war, kommt ihm nun in Schopenhauers Schriften noch zugespitzter entgegen.

Bei einem Schriftsteller, der als Skeptiker und Pessimist begonnen hatte, später dann aber ganz unverhofft doch noch glücklich wurde: «Man muss nur hübsch alt werden, da gibt sich alles.»

Jaspers, Burckhardt

So ist im Aktivruhestand Ernst Ziegler wieder dort angelangt, wo er als Student begonnen hatte. Ausgebildet als Primarlehrer am Seminar Rorschach, zog es ihn bald in die Humanistenstadt Basel, an die Universität und dort querbeet durch die verschiedensten Vorlesungen von Sanskrit bis zur Ethnologie, von der Philosophie bis zur Geschichte.

Und gleichzeitig fand er Denker, die diese Vielfalt zu ordnen und zu durchschauen wussten. Allen voran der Philosoph Karl Jaspers.

Noch immer zehrte Basel damals auch von der Erinnerung an den grossen Historiker Jacob Burckhardt, der in seinen Vorlesungen die Geschichte wie ein grosses Welttheater ausbreitete. Mit ihm hat sich Ziegler in seiner Dissertation befasst.

Sie bestand in einer Rekonstruktion von Burckhardts berühmter «Vorlesung über die Geschichte des Revolutionszeitalters». Dabei hielt sich Ziegler nicht an die oft nur unvollständigen Notizen, mit denen der Historiker seine Vorlesungen vorbereitet hatte, sondern rekonstruierte sie aus den Nachschriften seiner Hörer. Diese hielten sich an das gesprochene Wort, das weitaus lebendiger war als das, was sich der Professor zuvor notiert hatte.

Bei dieser Arbeit musste Ziegler erstmals seine Kenntnisse in einer damals völlig vergessenen alten Stenographie einsetzen.

Arbeit bis 95

Mit dem Ruhestand ist eine neue Welt aufgegangen. Neue Projekte warten. Aus Schopenhauers Schriften könnte eine Kunst des Sterbens gewonnen werden, oder eine Streitschrift «Über die Verhunzung der deutschen Sprache». Zudem ist noch längst nicht der ganze Nachlass Schopenhauers entziffert.

Finden die «Senilia» ihren Markt, wird der Beck Verlag München wohl auf die Entzifferung der nächsten handschriftlichen Texte drängen. Für Ernst Ziegler ein Anlass, seine Lebenserwartung deutlich nach oben zu korrigieren: «Für all diese Arbeit muss ich 98 werden.» Und warum nicht 100? «Weil ich dann eine Klassenzusammenkunft ganz für mich allein organisieren müsste und ein Fest mit Leuten, die ich gar nicht kenne.»

Beweglichkeit

Die Altersangabe ist nicht unrealistisch. Ernst Ziegler ist aktives Mitglied im Judoclub und nimmt auch heute noch regelmässig am Training teil. Beweglichkeit auf der Matte fördert jene am Schreibtisch. Und wie wäre es mit einer Autobiografie? «Nicht ausgeschlossen», sagt Ziegler, «aber nicht vor 95.» Und ihr Titel? Diesen formuliert er schon ganz im Stile Schopenhauers: «Als die Welt mein Licht erblickte.»

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