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Martin Leuthold: Ein Meister verabschiedet sich vom Textildesign

Martin Leuthold prägte als Kreativdirektor der Jakob Schlaepfer AG das Schweizer Textildesign während Jahrzehnten. Seine Pensionierung hinterlässt ein Vakuum. Er kreiert derweil statt Stoffe lieber Ausstellungen.
Katja Fischer De Santi
Martin Leuthold in der Bibliothek des Textilmuseums St. Gallen. (Bild: Urs Bucher (6. Dezember 2018))

Martin Leuthold in der Bibliothek des Textilmuseums St. Gallen. (Bild: Urs Bucher (6. Dezember 2018))

Fast ein halbes Jahrhundert lang war Martin Leuthold Kreativdirektor bei Jakob Schlaepfer und damit Herr über 800 neue Stoffkreationen im Jahr. 45 Jahre lang hat der Thurgauer im unscheinbaren Firmengebäude in St. Gallen textile Träume entworfen, welche später als Haute-Couture-Mode auf den Laufstegen auf der ganzen Welt präsentiert wurden.

Im Mai dieses Jahres ist der Mann mit der markanten Brille fast unbemerkt gegangen. Mit 65 Jahren hat er sich pensionieren lassen, «weil es an der Zeit war». Noch nicht einmal von seinen treusten Kunden hat er sich verabschiedet. Zig Designer und grosse Modehäuser seien während seines Arbeitslebens sang- und klanglos untergegangen. «Wieso sollte ich Aufhebens um meinen eigenen Abgang machen?», sagt Martin Leuthold und streicht über die Tischplatte im Museumscafé des Textilmuseums.

Doch das ist wohl nicht die ganze Wahrheit. Denn auf die Frage, warum bei Jakob Schlaepfer bis heute kein Nachfolger präsentiert worden sei, schweigt er lange. Die Antwort danach bleibt vage. Es habe talentierte Personen gegeben, die 2016 erfolgte Fusion mit der St. Galler Forster Rohner Gruppe habe jedoch viel Unsicherheit ausgelöst. Gute Leute seien gegangen, die Strukturen seien jetzt anders, teamorientierter. Es klingt nach einem Abschied mit Störgeräuschen. Die Stimmung im Unternehmen sei angespannt, hört man. Doch sein Abschied ist ein endgültiger. «Entweder ganz oder gar nicht, diesen Job kann man nicht 50 Prozent machen», sagt er.

Ein stolze Branche, aber mit Minderwertigkeitskomplex

Der Mann mit dem weiss gewordenen Haar hinterlässt ein Vakuum, so viel ist sicher. Martin Leuthold war jahrzehntelang das Aushängeschild einer an Köpfen armen Branche. Zwar ist man in St. Gallen stolz auf die 800-jährige Textilgeschichte, doch da ist stets auch ein Minderwertigkeitskomplex spürbar. Weil man ein Halbfabrikat produziert, weil die Stoffe erst durch die Kreationen grosser Designer ins Rampenlicht rücken.

Leuthold selbst hatte es sich auf seinem Platz – etwas ausserhalb des Scheinwerferlichts, aber immer in der ersten Reihe – gut eingerichtet. Er sieht sich nicht als Künstler, vielmehr als Handwerker, der ein traditionelles St. Galler Gewerbe weiterführt. Für ein bisschen Glamour und Champagner reiste er gerne nach Paris und New York, traf Freunde in Como. War aber danach stets froh, wieder ins beschauliche St. Gallen zurückkehren zu können. Er, der in seinem Elternhaus im kleinen Weiler Hegi bei Egnach wohnt, braucht keinen Trubel.

Sein ganzes Berufsleben lang war er der Firma Jakob Schlaepfer treu. 1973 engagierten ihn Robert und Lisbeth Schläpfer direkt nach seiner Lehrabschlussprüfung als Textildesigner. Der Erfolg kam schnell. Zehn Jahre später bekommt Leuthold die Stelle des Kreativdirektors, bei Schlaepfer, die er 35 Jahre inne haben wird.

«Ich hatte die allergrösste Freiheit überhaupt.»

Er scheute vor keinem Material zurück. Papier, Plastik, Pingpongbälle; alles näht er auf seine Stoffe. Der Nachteil daran: «Sobald wir einen Stoff verkauft haben, mussten wir ihn loslassen.» Kaum ist eine Kollektion draussen, gilt es die nächste anzupacken.

Stillstand ist in der Textilbranche keine Option.

«Einmal die Ersten gewesen zu sein, reicht nicht, um in der Textilbranche vorne mitzuspielen. Man muss jede Saison bei den Ersten sein», sagt Leuthold.

Er weiss, wovon er spricht. Die Ostschweizer Textilindustrie sei für die Modewelt ein wichtiger Standort. «Aber nicht, weil man sich hier auf dem Geleisteten je ausgeruht hat, sondern weil man mithilfe neuer Technologien die Branche stetig revolutioniert hat.» Das 1904 gegründete Unternehmen Jakob Schlaepfer etwa wurde weltbekannt, weil es 1963 erstmals Pailletten mit Stickmaschinen auf Stoffe nähte. Heute trägt jedes Schulmädchen Pailletten auf seinen Turnschuhen. Was einst teuer war, wird billig verramscht. Für den 65-Jährigen ist darum klar: Will die St. Galler Stickerei auch in zehn Jahren noch eine Marke sein, dann muss sie aus dem 3D-Drucker kommen, ist vielleicht mit Silikonfäden bespannt und mit Leuchtdioden durchsetzt. «Alles ist möglich, wenn man an die eigene Zukunft glaubt und nicht nur bewahren, sondern auch verändern will», sagt er, und man darf das als Appell verstehen.

Einer Person in der Modewelt hat er seinen Abgang übrigens doch angekündigt: Vivienne Westwood. Die 77-jährige Designer habe ihn darauf angestrahlt und gesagt: «Das ist das Beste, was du machen kannst. Ab jetzt tust du nur noch, was du wirklich willst.»

Installation in der Stiftsbibliothek

Vorgenommen habe er sich für seine Zeit als Pensionär nichts.

«Ich habe nichts verpasst in den letzten 50 Jahren, es gibt nichts, was ich noch nachholen muss.»

Langweilig wird es ihm trotzdem nicht. Viele seiner kulturellen Engagement laufen weiter. Mit einer Ausstellungen im Architektur Forum und ab nächster Woche mit einer Installation in der Stiftsbibliothek (siehe Kasten) ist er in den nächsten Wochen in St. Gallen präsent. Und im Frühling kuratiert er eine grosse Schau zu 100 Jahren Zirkuskostüme Knie im Textilmuseum. Für ihn, dem Kunst und Museen stets eine grosse Inspirationsquelle waren, schliesst sich ein Kreis.

Zwei Ausstellungen von Martin Leuthold in St.Gallen

Als junger Stickereientwerfer begann Martin Leuthold, Kunstpostkarten zu sammeln. 5000 davon hat der Textildesigner bis heute zusammengetragen. Sie wurden zu einer seiner grössten Inspirationsquellen. Wenn eine neue Kollektion ansteht, holt er sie hervor und fängt an, sie zu sortieren, ohne zu wissen nach welchen Kriterien. So entstanden Ideen für neue Stoffkollektionen. Für ein Porträt in der schweizerischen Architekturzeitschrift «Hochparterre» hat der Textildesigner seine Postkartensammlung in der Kunst Halle Sankt Gallen ausgebreitet, und die Künstlerin Katalin Deér hat ihn dabei fotografiert. Diese Fotografien wurden nun auf den Boden des Architektur Forum Ostschweiz appliziert und sind bis zum 22. Dezember, jeweils nachmittags, zu besichtigen.

Am 18. Dezember eröffnet das Ausstellungsprojekt von Martin Leuthold und Siegrun Appelt in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Die Installation «Xullux» spielt mit den Stimmungen des Lichts. (kaf)

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