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Gefälschte Reportagen im «Spiegel»: Was Schweizer Medien aus dem Fall lernen können

Die Empörung über die gefälschten Reportagen des «Spiegel»-Redaktors Claas Relotius ist gross. Doch daraus zu schliessen, dass der Journalismus an einem Tiefpunkt angelangt ist, wäre falsch. Obwohl Relotius kein Einzelfall sein dürfte, ist in der Schweiz die Gefahr eines solchen Skandals deutlich geringer.
Gottlieb F. Höpli
Cover des aktuellen «Spiegels» mit der Enthüllungsgeschichte. (Bild: Thomas Lohnes/Getty, Köln, 22. Dezember 2018)

Cover des aktuellen «Spiegels» mit der Enthüllungsgeschichte. (Bild: Thomas Lohnes/Getty, Köln, 22. Dezember 2018)

«Kurz vor dem Ende seiner Karriere kommen sich Glanz und Elend im Leben des Claas Relotius einmal ganz nah.» Das ist der erste Satz – wovon? Eines Arztromans vom Kiosk? Einer Illustrierten-Reportage? Nein: Was wie der ­Beginn eines Glanz-und-Gloria-Stücks daherkommt, ist nach dem Selbstverständnis des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» die Offenlegung eines Betrugsfalls, eine Rekonstruktion – und eine zumindest höchst ungewöhnliche Stellungnahme in eigener Sache aus der Feder des designierten «Spiegel»-Chefredaktors Ullrich Fichtner. Aber eigentlich ist es vor allem, was heute zuoberst auf der Image-Pyramide des zeitgenössischen Journalismus thront: eine Geschichte.

Früher war im Journalismus gar nicht besser

Die Wogen der Empörung über die gefälschten Reportagen des journalistischen Senkrechtstarters Claas Relotius (die sein eigenes Medium gleich selbst vorwegnahm) gehen hoch. Daraus zu schliessen, dass der Journalismus heute insgesamt an einem Tiefpunkt angelangt sei und dass die Medien früher allesamt besser waren, wäre aber falsch – allen Klagen über «Lügenpresse» und Fake-News zum Trotz.

Denn früher, das waren beispielsweise die grossen Regionalzeitungen, deren Redaktion aus fünf, sechs, sieben Redaktoren bestand. Die überregionalen Nachrichten wurden von Agenturen übernommen, und im eigenen Verbreitungsgebiet herrschte ein Verlautbarungsjournalismus, bei dem die offizielle Haltung der Behörden selten kritisch hinterfragt wurde. Regionale und lokale Information wurde meist von nichtprofessionellen Korrespondenten angeliefert, die kein Interesse daran hatten, die lokalen Behörden als Informationsquelle zu vergraulen.

Das Hauptinteresse der parteinahen Redaktionen lag oft eher im Kampf gegen den parteipolitischen Gegner. Und für die Kan­didaten und Abstimmungsparolen der eigenen Partei. Alles selbst erlebt!

Eine Sprache, die ausufernd, zynisch und selbstverliebt ist

Das Motto des «Spiegel»-Gründers Rudolf Augstein, «Sagen, was ist», prangt heute in silbernen Buchstaben in der Hamburger «Spiegel»-Zentrale. Die Art und Weise, wie ihm die «Spiegel»-Redaktion gerecht wird, war allerdings stets umstritten. Denn ihre Sprache ist keineswegs auf das Wesentliche reduziert, sondern im Gegenteil oft ausufernd, versnobt, zynisch und selbstverliebt. Der junge Hans Magnus Enzensberger hat dies in seinem bis heute immer wieder zitierten Essay über «Die Sprache des ‹Spiegels› schon 1957 mit dem Satz beschrieben: «Der ‹Spiegel›-Stil ist kein Stil, sondern eine Masche.» Doch der «Spiegel»-Jargon hielt in vielen ­Redaktionen Einzug und treibt dort sein ­Unwesen bis heute. Die schlimmsten ­Auswüchse hat der ehemalige Leiter der Hamburger Journalistenschule, Wolf Schneider, gesammelt, etwa im Bändchen «Deutsch für Profis».

Claas Relotius hat mit erst 33 Jahren so ziemlich alle wichtigen Journalistenpreise gewonnen. (Bild: Ursula Dueren/dpa via AP)

Claas Relotius hat mit erst 33 Jahren so ziemlich alle wichtigen Journalistenpreise gewonnen. (Bild: Ursula Dueren/dpa via AP)

Es fehlt die schlichte Nachricht

Die Sprache ist vom Beschriebenen bekanntlich nicht zu trennen. So geht denn auch Enzensberger mit der journalistischen Moral des «Spiegels» scharf ins Gericht. Er nennt das «Nachrichtenmagazin» eine «Sammlung von Storys und Anekdoten, Witzen, Vermutungen, Briefen, Spekulationen, maliziösen Bemerkungen, Bildchen und Anzeigen.» Unter allen Mitteilungsformen komme «am seltensten diejenige vor, nach der das Blatt benannt ist: die schlichte Nachricht.»

Zwar hat sich der Journalismus des «Spiegels» durchaus weiterentwickelt, ist sich aber in vielen seiner Macken und Marotten treu geblieben. Nicht zuletzt in seiner Fetischisierung der Faktentreue, für deren Einhaltung gegen 100 Mitarbeiter des hauseigenen Dokumentationszentrums sorgen. Da wird denn auch einmal die genaue Distanz zwischen einem Flughafen und Hauptstadt nachgemessen, woraus der Leser auf die Richtigkeit, ja Wahrheit des ganzen Textes schliessen soll – auch wenn dieser Insinuationen und durchaus auch politische Schlagseite aufweist. Oder, mit Enzensbergers Worten: «Nicht Richtigkeit, sondern Unangreifbarkeit wird ihm abverlangt.»

Ein Starreporter, der unbedingt die perfekte Story schreiben will

Auch im Fall des Claas Relotius, der ­Reportagen fälschte und dafür fast alle Preise erhielt, die man im deutschen Journalismus bekommen kann, hat die Dokumentationsabteilung des «Spiegels» Fakten geprüft, Schreibweisen, Orte, Namen. Aber mit der Richtigkeit der «Geschichte» hatte das alles nichts zu tun, wie sich jetzt herausstellt. Denn der Story-Schreiber, so erkannte Enzensberger schon vor Jahrzehnten, präsentiert uns eine Fiktion, muss sich

«als Erzähler aufführen, dem nichts verborgen bleibt und der jederzeit (. . .) ins Herz ­seines Helden blicken kann. Er muss «Fakten interpretieren, anordnen, modeln, arrangieren, aber er darf es nicht zugeben. Kurz: eine verzweifelte Position».

Besser kann man das Verfahren, aber auch die Verzweiflung des Starreporters nicht beschreiben, der unbedingt die perfekte Geschichte schreiben will. Und sie mit «weichen» Fakten, mit Atmosphäre – immer wieder: mit Musik, dem perfekt passenden Song – anreichert. Und wenn es den Gesprächspartner nicht gibt, der die Sätze sagt, die ­gesagt werden sollen, dann wird er eben erfunden. Der Weg des Geschichtenerzählers Claas Relotius ist nicht einfach nur ein Irrweg, von einem einzigen Journalisten begangen, sondern auch ein verlockender Ausweg, vor dem auch andere Reporter stehen mögen – gerade die Sprachmächtigeren unter ihnen. Wer legt die Hand ins Feuer, dass ihn nicht auch andere ein Stück weit beschritten haben? Nur vielleicht nicht so weit?

Ein krasser, aber kein Einzelfall

Der Blick auf den Konkurrenzkampf der Branche um die beste Geschichte und der gesunde Menschenverstand sagen uns, dass der Fall Relotius zwar krass und verstörend sein mag, aber doch nicht jener Einzelfall, als der er zurzeit von den betroffenen Medien – es gab ja noch ­andere Abnehmer, auch in der Schweiz – dargestellt wird.

Mit dem Sündenbock Relotius, der nun in die Wüste geschickt wird, sollten wir uns nicht vorschnell zufriedengeben.

Wer jetzt mit dem Finger ausschliesslich in die Richtung des «Spiegels» zeigt, denkt wohl zu wenig weit.

Das lassen schon vergangene Medienskandale wie jener um Tom Kummer vermuten, den Erfinder wunderbarer Interviews mit Hollywoodstars. Oder gar die Groteske um die erfundenen Hitler-Tagebücher, mit deren Publikation die Illustrierte «Stern» den grössten ­Medienskandal der Nachkriegszeit produzierte.

Ist der «Spiegel»-Fall auch in der Schweiz möglich?

Was uns zur abschliessenden Frage führt, ob ein Fall Relotius auch in der Schweiz zu erwarten oder zumindest möglich sei. Auch bei uns wird ja der journalistische Stoff, aus dem die ­Medien gemacht sind, fast nur als «Geschichten» bezeichnet. Doch gibt es Gründe, die annehmen lassen, dass diese Gefahr hierzulande geringer ist.

Erstens gibt es hier keine mehrhundertköpfigen Redaktionen, die untereinander um die aufregendste, härteste Geschichte wetteifern. Und in denen junge Schreibtalente sich darum balgen, die noch spektakulärere Reportage abzuliefern. Derlei Schreibtalente sind in der Schweiz ganz einfach dünner gesät als in Deutschland.

Schweizer mögen keine Star-Journalisten

Zudem kommt das übersteigerte Selbstbewusstsein, wie es in Deutschland durchaus Eindruck macht, hierzulande oft sehr schlecht an – bei Kollegen wie im Publikum. Dies alles hängt schliesslich auch mit dem eher pragmatischen Schweizer Publikumsgeschmack zusammen, der es nicht goutiert, wenn jedes Problem, jede Diskussion mit der moralischen Keule geführt wird.

Oder, wie es Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay über das Blatt mit einem Zitat beschreibt, wonach jedes Volk die Presse habe, die es verdient. Oder die es eben nötig hat.

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