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Der Kalender als Sehnsuchtsort

Sie zeigen schöne Landschaften, wilde Berge und farbenprächtige Kunst. Doch was tun wir, wenn wir Kalender an unsere Wände hängen? Die Antwort führt tief hinab in die Psyche.
Rolf App
In Kalenderbildern zeigen sich unsere Bedürfnisse. Eine Auswahl an Sujets des kommenden Jahres (im Uhrzeigersinn von oben links): Heimische Tiere (Heye-Verlag), Martin Schläpfer – Ballett am Rhein (Dumont), Bauhaus (Weingarten), Die Erde von oben (Weingarten), Sehnsucht Wald (Geo), Nolde (Dumont), Sobotta – Faszination menschlicher Körper (Heye), Die Erde (Weingarten), Traumlandschaften (Weingarten).Collage: Martina RegliIn Kalenderbildern zeigen sich unsere Bedürfnisse. Eine Auswahl an Sujets des kommenden Jahres (im Uhrzeigersinn von oben links): Heimische Tiere (Heye-Verlag), Martin Schläpfer – Ballett am Rhein (Dumont), Bauhaus (Weingarten), Die Erde von oben (Weingarten), Sehnsucht Wald (Geo), Nolde (Dumont), Sobotta – Faszination menschlicher Körper (Heye), Die Erde (Weingarten), Traumlandschaften (Weingarten). Collage: Martina Regli

In Kalenderbildern zeigen sich unsere Bedürfnisse. Eine Auswahl an Sujets des kommenden Jahres (im Uhrzeigersinn von oben links): Heimische Tiere (Heye-Verlag), Martin Schläpfer – Ballett am Rhein (Dumont), Bauhaus (Weingarten), Die Erde von oben (Weingarten), Sehnsucht Wald (Geo), Nolde (Dumont), Sobotta – Faszination menschlicher Körper (Heye), Die Erde (Weingarten), Traumlandschaften (Weingarten).Collage: Martina RegliIn Kalenderbildern zeigen sich unsere Bedürfnisse. Eine Auswahl an Sujets des kommenden Jahres (im Uhrzeigersinn von oben links): Heimische Tiere (Heye-Verlag), Martin Schläpfer – Ballett am Rhein (Dumont), Bauhaus (Weingarten), Die Erde von oben (Weingarten), Sehnsucht Wald (Geo), Nolde (Dumont), Sobotta – Faszination menschlicher Körper (Heye), Die Erde (Weingarten), Traumlandschaften (Weingarten). Collage: Martina Regli

In Frankfurt am Main hat man eine Frau entdeckt, auf deren Stirn ein Horn gewachsen ist. Nun beobachtet ein Arzt dieses seltsame Spiel der Natur, und der Basler Hinkende Bote von 1823 berichtet darüber. Der Eidgenössische National-Kalender von 1856 weiss von einem Prozess um einen Esel zu erzählen, der in St. Gallen bei einer Theateraufführung mitgemacht hat. Wenn sein Esel es schon auf die Bühne schaffe, verdiene er auch Honorar, hatte der Besitzer gemeint – und Recht bekommen. Und der Republikaner-Kalender schildert 1841 eine sehr nützliche Erfindung:

Ein Ehebarometer, das zuverlässig anzeigt, ob die Beziehung gerade auf «Sonne», «Sturm», «Donner», «Hagelwetter» oder gar «Erdbeben» steht.

Skurriles war schon immer hoch im Kurs

Ja, die Kalender früherer Zeiten waren anders geartet als das, was wir heute als Bildkalender an die Wand hängen. Das hat einen einfachen Grund: Damals waren die Menschen noch nicht so pausenlos gut informiert wie wir. Sie hatten keine Smartphones, und noch nicht einmal Zeitungen. Dennoch wollten sie erfahren, was in der Welt läuft, und sie wollten auch unterhalten werden. Das Skurrile hatte einen hohen Stellenwert, und allerhand Fake News waren im Umlauf.

In Kalenderbildern zeigen sich unsere Bedürfnisse, eine Auswahl an Sujets des kommenden Jahres: Sehnsucht Wald (Geo-Verlag).In Kalenderbildern zeigen sich unsere Bedürfnisse, eine Auswahl an Sujets des kommenden Jahres: Sehnsucht Wald (Geo-Verlag).
Die Erde von oben (Weingarten-Verlag)Die Erde von oben (Weingarten-Verlag)
Heimische Tiere (Heye-Verlag)Heimische Tiere (Heye-Verlag)
Zur Einstimmung auf das Bauhaus-Jubiläum (Weingarten -Verlag)Zur Einstimmung auf das Bauhaus-Jubiläum (Weingarten -Verlag)
Die Erde (Weingarten-Verlag)Die Erde (Weingarten-Verlag)
Faszination menschliche Körper (Heye-Verlag)Faszination menschliche Körper (Heye-Verlag)
Traumlandschaften (Weingarten-Verlag)Traumlandschaften (Weingarten-Verlag)
 Nolde (Dumont-Verlag) Nolde (Dumont-Verlag)
Martin Schläpfer – Ballett am Rhein (Dumont Verlag)Martin Schläpfer – Ballett am Rhein (Dumont Verlag)
9 Bilder

Der Kalender als Sehnsuchtsort

Die Welt in ihrer ganzen Schönheit

Der Kalender allerdings hat alle Veränderungen überlebt, und ist gross und schön geworden. Doch wie die alten, erzählenden Kalender uns einen Blick in die Seele der Menschen früherer Zeiten werfen lassen, so tun es die heutigen Bildkalender. Nehmen wir also ein paar besonders eindrückliche Exemplare des kommenden Jahrs zur Hand.

Der Fotograf Yann Arthus-Bertrand fängt wie jedes Jahr die Erde von oben ein, fliegt über Sümpfe, Seen und Märkte (Weingarten-Verlag). Ein «Geo»-Kalender von Kilian Schönberger taucht ein in die «Sehnsucht Wald». Tom Mackles «Traumlandschaften» ziehen im Monatstakt an uns vorüber (Weingarten), Kevin McNeal haben es bei «Die Erde» vor allem geheimnisvolle Stimmungen angetan.

Jede Menge Tierkalender beleben die Wände, stellvertretend nur sei «Heimische Tiere» (Heye) genannt. Und auch Kunstliebhaber kommen auf ihre Rechnung, ob sie nun den farbenreichen Emil Nolde mögen (ein Dumont-Kalender) oder sich auf das Jubiläum des Bauhauses einstimmen (Weingarten). Wer Tanz liebt, für den ist Martin Schläpfer ein grosser Name. Ein Dumont-Kalender von Gert Weigelt zeigt eindrücklich, was der Schweizer Choreograf in Düsseldorf und Duisburg vollbringt. Und auch ein hübsches Kuriosum ist uns auf den Tisch geflattert: Sobottas anatomischer Kalender für alle, die wissen wollen, wie es in uns aussieht.

Der Kalender lässt unerwartet tief blicken

Viel menschenleere Natur, ein wenig Kunst, und kaum etwas von jener Realität, in der wir uns täglich bewegen: Sind wir punkto Kalender unrettbare Nostalgiker? Zeigt sich hier, was kürzlich eine Wohnforscherin mit Blick auf den ungebrochenen Trend zum Eigenheim im Grünen konstatiert hat: Dass der Mensch Rückzugsorte braucht?

Dass da eine Sehnsucht zum Ausdruck kommt, ist schwer von der Hand zu weisen. Nur liegen die Dinge wohl ein wenig komplizierter.

Unsere Sehnsucht hat einen Grund.

Sie wird geweckt von jener Entfremdung, die der Soziologe Hartmut Rosa seit langem erforscht und gerade wieder in seinem Buch «Unverfügbarkeit» (Residenz Verlag 2018) beschreibt. Rosa erinnert an den ersten Schnee, der gerade deshalb so unvergesslich ist, weil wir ihn «nicht herstellen, nicht erzwingen, nicht einmal sicher vorherplanen können». Er erinnert an einmalige Erfahrungen, beim Musikhören, im Museum, in der Natur, im Alltag. Dort werden wir immer wieder überrascht vom Schönen. Wollen wir es herbeizwingen, dann flieht es uns. «Nehmen wir das Einschlafen», greift Rosa ein einfaches Beispiel heraus:

«Je mehr wir es wollen, umso weniger lässt es sich erzwingen.»

Die Moderne will alles verfügbar machen

Eine Gegenwelt tut sich auf. Es ist die Gegenwelt zur Moderne. Diese Moderne zielt darauf ab, die Welt «verfügbar zu machen», uns aber lockt das Unverfügbare. Wilde Tiere gehorchen uns ebenso wenig wie die unberührte Natur, Musik und Tanz bergen ihre eigenen Geheimnisse. «Lebendigkeit, Berührung und wirkliche Erfahrung entstehen aus der Begegnung mit dem Unverfügbaren.

Eine Welt, die vollständig gewusst, geplant und beherrscht wäre, wäre eine tote Welt.»

Wir aber sehnen uns nach einer lebendigen Welt, und was wir uns an die Wand hängen, das ist Ausdruck dieser Sehnsucht.

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