Der innere Arzt sitzt mit im Boot: Die Vorteile und Gefahren der Selbstheilung

Selbstheilung ist anspruchsvoll. Jeder hat solche heilenden Kräfte in sich. Patienten können damit allerdings leicht überfordert werden. Auf den richtigen Arzt kann deswegen nicht verzichtet werden.

Inge Staub
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Entspannung fördert die Selbstheilungskräfte, Stress schwächt sie. (Bild: Getty)

Entspannung fördert die Selbstheilungskräfte, Stress schwächt sie. (Bild: Getty)

Vertrauen Sie Ihrem inneren Arzt! Hören Sie auf Ihren Geist und Körper! Diese Ratschläge stammen nicht aus der esoterischen Bücherecke, sondern von Tobias Esch, Allgemeinmediziner und Neurowissenschafter. «Jeder von uns verfügt über Selbstheilungskompetenz», ist Esch überzeugt. Der Gesundheitsforscher aus dem deutschen Witten bedauert, dass diese Fähigkeit von Ärzten wie auch von Patienten oftmals unterschätzt wird. Mit seinem Buch «Der Selbstheilungscode» will er, wissenschaftlich begründet, die Fähigkeit zur Selbstregulation «wieder an den Tisch bringen».

Viele Beschwerden können mit Medikamenten oder einer Operation behandelt werden. Doch Esch betont: «Es gibt auch fast immer etwas, was der Patient selbst zu seiner Genesung beitragen kann.» Selbstheilung, sprich den inneren Arzt konsultieren, versteht der Neurowissenschafter nicht als Alternative zur Schulmedizin, sondern als Ergänzung.

Seine wichtigste These lautet: Stress ist einer der grössten Saboteure, die Selbstheilung zu aktivieren.

Biologisch passiert bei Stress Folgendes: Stressreize versetzen den Körper in einen Alarmzustand. Der Organismus reagiert mit der Ausschüttung von Botenstoffen wie Adrenalin und Kortisol. Diese treiben den Blutdruck hoch und stellen Energie für «Kampf oder Flucht» bereit. Sobald das Gehirn wahrnimmt, dass die Gefahr vorüber ist, wird dieses System normalerweise wieder gedrosselt. Weil der Organismus nicht zwischen realen und vermeintlichen Bedrohungen (Löwe/Chef nebenan) unterscheiden kann, kommt es im hektischen Alltag aber häufig zu Dauerstress. Dies kann dazu führen, dass die Abwehrkräfte geschwächt werden und der Mensch krank wird. Zu Stressfaktoren zählt er auch negative Gedanken. «Im Blut lässt sich nachweisen, dass die Abwehr durch eine negative Erwartungshaltung geschwächt werden kann.»

Entspannung nützt für Atmung und Blutdruck

Abhilfe schaffen beispielsweise Entspannungsmethoden. Bereits in den 1970er konnte der US-Kardiologe Herbert Benson belegen, dass der Mensch durch Entspannung Körperfunktionen wie Atmung, Blutdruck oder Herzfrequenz positiv beeinflussen kann.

Entspannung ist für Tobias Esch eine von vier Säulen, welche die Selbstheilungskräfte aktivieren. Die übrigen drei sind: gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und eine Lebensweise, die viel Wert auf Freundschaft, Liebe und Optimismus legt.

Der Sockel, auf dem diese vier Säulen stehen, ist die Achtsamkeit. Also die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu leben, sich seiner Gedanken und Gefühle bewusst zu sein. Das ist Teil der Mind Body Medicine, die von Herbert Benson entwickelt wurde. Dieses Konzept hat sich in den letzten Jahren auch am Universitätsspital Zürich etabliert.

Verbesserung der Lebensqualität

«Der Fokus liegt auf der Wiederherstellung der Balance zwischen Körper und Psyche», sagt Claudia Witt. Die Direktorin des Instituts für komplementäre und integrative Medizin betont, dass das Ziel der Mind Body Medicine darauf abziele, die Lebensweise so zu verändern, dass sowohl die Gesundheit gefördert als auch die Ressourcen gestärkt werden. «Dabei muss aber nicht immer Heilung das Ziel sein», sagt Witt. «Bei schweren Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs kann auch die Reduktion von Symptomen oder eine Verbesserung der Lebensqualität bedeutsam sein.»

Auch für die Zürcher Psychologin Delia Schreiber ist Achtsamkeit eine Voraussetzung für das Gedeihen der Selbstheilungskräfte. «Sich selbst wohlwollende Aufmerksamkeit zu schenken, achtsam gegenüber inneren Vorgängen zu sein», das ist für die Psychologin der Schlüssel. Als weitere Aspekte nennt sie Gefühle des Vertrauens, zum Beispiel in uns selbst, und das Wissen um unsere Kraftquellen. «Den roten Faden des Vertrauens im eigenen Leben zu finden, ist zentral für die Selbstheilung», betont sie. Wesentlich sei auch, Vertrauen in den Arzt und die Therapie zu haben. «Nicht nur unser innerer Arzt ist wichtig, um die Selbstheilung anzukurbeln, sondern auch der äussere Arzt. Im besten Fall sind die beiden ein Team und ziehen an einem Strang.»

Wer auf den Arzt verzichtet, geht ein hohes Risiko ein

Wer meint, er könne auf den Arzt verzichten, geht ein hohes Risiko ein. Beat Thürlimann, Chefarzt Brustzentrum St. Gallen, hält es für gefährlich, wenn Menschen bei einer ernsthaften Krankheit das Steuer selbst übernehmen. Dies könne tödlich enden oder zu Komplikationen mit bleibenden Schäden führen.

«Wir sind sehr dafür, dass die Patienten ihren Teil im Umgang mit der Krankheit und der Therapie leisten. Den medizinischen Pilotensitz sollten sie jedoch dem Arzt überlassen.»

Der Onkologe findet den Begriff «Selbstheilung» heikel. Das Wort sei von vorneherein einseitig positiv besetzt, was bei Patienten hohe Erwartungen wecken könne. Trete trotz starken Bemühungen mit Meditation, Beten oder gesunder Ernährung keine Heilung ein, könnten Schuldgefühle und Selbstvorwürfe die Folge sein.

Hinzu kommt: Die Selbstheilung zu aktivieren, erfordert Disziplin und den Willen, sich auf einen langfristigen Prozess einzulassen. Tobias Esch stellt klar:

«Selbstheilung ist kein kurzfristiges Programm, kein Crashkurs und keine Pille, die man einfach nur schlucken muss, und alles wird gut.»

Sollte Heilung nicht eintreten, sei dies keine Frage der persönlichen Schuld. «Selbstheilung ist begrenzt. Sie ist Teil von etwas Ganzem.» Auch Umwelteinflüsse, soziale und genetische Faktoren hätten Einfluss auf unsere Gesundheit.