Genf
Der Hanfkönig und sein braves Leben – auf einen Joint mit Bernard Rappaz

Der Hungerstreik ist passé: Hanfpionier Bernard Rappaz bäckt jetzt legale Cannabisguetzli und vertreibt Gras «ohne Eier». Ein Besuch in seinem Genfer CBD-Start-up.

Camille Kündig, Angelina Graf
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Rappaz ganz gesittet mit CBD-Joint.

Rappaz ganz gesittet mit CBD-Joint.

watson.ch

Angeschrieben ist das Unternehmen an der Fassade des Gebäudes in der Genfer Agglomeration nicht. Doch der intensiv süssliche Gras-Geruch verrät bereits im Erdgeschoss, was im ersten Stock gelagert wird: Joints, Hanfbiscuits, CBD-Blüten und Hanfschokolade.

Die Hanf-Produkte sind in schicken, weissen Schachteln mit goldener Verzierung verpackt, die eher an ein Parfum als an Kiffer-Material erinnern. Sie sind sorgfältig aufgereiht im ganzen Raum. Wer sein Gras rauchen möchte, muss sich hier nicht einmal mehr die Finger dreckig machen: Die behördlich abgesegneten Joints liegen bereits sorgfältig gerollt in den Päckli.

Hinter dem Hanf-Business steckt der legendäre Walliser Hanfbauer Bernard Rappaz, 65. Sein Name steht schweizweit für einen fast 50-jährigen Kampf für den Hanf, der ihn vier Jahre hinter Gitter führte. Rappaz hatte trotz Verbot Hunderte Kilo Gras angebaut und verkauft. Nach bis zu 120 Tage langen Hungerstreiks kam der Landwirt vor knapp vier Jahren, begleitet von viel Getöse, aus dem Gefängnis.

Die kriminellen Zeiten hat Rappaz hinter sich gelassen. Er versucht sich nun im hypen CBD-Geschäft. Rappaz' neues Gras hat einen verschwindend kleinen Anteil des Wirkstoffes THC und damit so gut wie keine Rauschwirkung. Es ist hierzulande seit letztem Jahr legal. «Chanvre sans couilles», «Hanf ohne Eier», nennt Rappaz sein «Cannabis light» liebevoll.

Geschäftspartner wie direkt von der HSG

Rappaz und sein Team des Start-ups «Holyweed» versuchen dem Hanf einen Imagewandel zu verpassen. Sie wollen weg vom Drogencliché, vom Gras mischen im schäbigen Kämmerlein, verpeilten Kiffern und dem Verticken des Hanfs in dunklen Nebengassen. Heute raucht auch der Mann, respektive die Frau, von Welt, so das Credo. Das Start-up setzt auf cleanes Mobiliar, knallige Werbebilder mit jungen Models, die mit trendigen Coachella-Style-Sonnenbrillen auf der Nasenspitze vor Schweizer Bergpanoramen posieren. Und Rappaz’ Geschäftspartner sehen aus wie direkt aus dem HSG-Vorlesungsraum.

An seiner eigenen Person setzt der Hanfkönig das Rebranding aber nicht an. Seine Vokuhila-Frisur (vorne kurz, hinten lang) und den Wikingerschnauz trägt er seit über vierzig Jahren. «Ich sagte meinem Frisör damals, er solle mir die Haare vorne kurz schneiden, weil sie mir beim Arbeiten auf dem Feld immer ins Gesicht fielen.» Die Mähne habe er aber behalten wollen. «Um den aufmüpfigen Effekt einer Langhaarfrisur bei Männern zu bewahren», erinnert er sich schmunzelnd. Etwas rebellisch ist Rappaz sicher auch heute noch. Doch auch seine Kultur und seine Scharfsinnigkeit fallen auf. Gepaart mit seiner gutmütigen Art wirkt er wie ein weiser, herziger Grosspapi mit Bierbäuchlein.

Sorgfältig unüberlegt

Rappaz ist sich seinem Image bewusst. Und er pflegt es. Seit den Siebzigerjahren empfängt er Journalisten bei sich auf dem Hof, plaudert in Radio-Studios über Cannabis und zeigt in TV-Reportagen seine Hanf-Ernte. So ist er auch zu der neuen Aufgabe im CBD-Business gekommen: «Meine Geschäftspartner waren bereit, das nötige Kleingeld für die Firma einzuschiessen. Ich bringe das Savoir-Faire, meinen Namen und das damit einhergehende mediale Interesse.»

Rappaz ist mit seinen Hungerstreiks und wegen seinen vielen Auftritten zu einer Ikone in der «Legalize it»-Community geworden. Im Onlineshop der Genfer Firma können sich Fans für 45 Franken ein T-Shirt mit aufgedruckter Rappaz-Visage kaufen. Da muss man es schon mögen, im Scheinwerferlicht zu stehen, oder Herr Rappaz? «Was zählt ist die Sache. Wenn ich dafür in Kameras oder von Kleidern lächeln muss, kein Problem.»

Sein Aktivismus hat es bisher jedoch nicht vermocht, an der Schweizer Gesetzgebung zu rütteln. Denn während immer mehr Staaten das Kraut legalisieren – kürzlich passiert in Kanada – riskierten THC-Konsumenten hierzulande geringstenfalls eine Busse.

Ehemaliger Staatsschreck und Aktivist

Doch Rappaz hat nie nur auf die Gras-Karte gesetzt. Der Walliser ist ein Aktivist, ein Umweltschützer, ein Gewerkschaftler und Menschenrechtsaktivist. 1974 installierte er die erste Windkraftanlage im Wallis sowie mehrere Solarkollektoren. Und er war auch einer der Wenigen, die bereits vor dreissig Jahren auf biologische Landwirtschaft setzte. Kürzlich hat Rappaz in Nepal eine Hilfsorganisation auf die Beine gestellt. Er will auf Äckern im Himalaja Quinoa und Roggen anbauen und Forellen ansiedeln.

Rappaz' «Cannabis light» stammt aus der Schweiz – das ist ihm wichtig. Von Bio-Landwirten in den Regionen Broye und Nyon, die das Hanf ohne Düngmittel und Pestizide anbauen. Sonst werde der Hanf oft aus Indoor-Plantagen unter Wärmelampen kultiviert und aus dem Ausland in die Schweiz importiert, kritisiert Rappaz seine Konkurrenz.

Sündenbock Hanf

Trotz Knast-Vergangenheit, oder gerade deshalb, mögen die Leute Rappaz. «Wo auch immer ich unterwegs bin – ob im Engadin oder in Genf – die Leute sprechen mich an», erzählt er. Früher sei seine Unterschrift gefragt gewesen. Heute seien es Selfies. Auch zu der Polizei hat er einen guten Draht. «Die Beamten machen ja nur ihren Job.» Die Walliser Justiz fasste Rappaz jedoch hart an. Sie verurteilte ihn 2008 zu fünf Jahren und acht Monaten Knast. Damals solidarisierten sich auch Politiker mit ihm. In Haft trat er später zeitweise in den Hungerstreik und stand dem Tod nahe.

Ob er auch noch heute richtige Joints konsumiere, will er nicht verraten. Nur so viel: Seine Ansicht über die Rechtslage rund ums Kiffen habe sich nicht verändert. Das medizinische Potenzial von Marihuana sei erwiesen. Schädlich sei der Tabak, den viele in ihre Joints mischten. Rappaz raucht seinen CBD deshalb nur pur.

Die Liebe für die Hanfpflanze ist Rappaz angeboren. Schon seine Grossmutter habe auf die heilende Wirkung des Hanfs gezählt, sagt er. Beim Rauchen aber hörte der Spass auf: Es waren Rappaz’ Eltern, die ihn als Siebzehnjährigen zum ersten Mal bei der Polizei anzeigten. Kurz nach seinem Amsterdam-Trip sei das gewesen, erinnert sich der Bauer. Dort habe er zum ersten mal gekifft. «Und wie war das bei Ihnen?», fragt er die Journalistin. Und reagiert ungläubig, als diese sagt, noch nie geraucht zu haben: «Von welchem Planeten bist denn du? Journalisten kiffen doch alle.»