Der Glücksfischer

Marcus Pfister ist von der Eule zum Fisch gekommen. Genauer: zum Regenbogenfisch. Sein Atelier gleicht einem Aquarium. Wir haben ihn in Bern besucht, mit ihm sein fünfzigstes Bilderbuch durchgeblättert und über das kurzlebige Geschäft mit Geschichten fürs Auge gesprochen. Bettina Kugler

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Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann ist es fast unmöglich, ihn davon abzubringen. Mindestens einmal im Leben hat sich diese Sturheit für den Berner Grafiker und Illustrator Marcus Pfister rundum ausgezahlt. Das war Anfang der Neunzigerjahre; er hatte bereits etliche erfolgreiche Bilderbücher in der Schweiz herausgebracht und war auf der Suche nach einem Tiercharakter, der seinem Erstling «Die müde Eule» ähnelte. Es ging nicht recht voran mit diesem Wesen – bis Pfister eines Tages eine simple Skizze der Eule mit ihrem stilisierten Federkleid auf dem Zeichenpult drehte. Da wurde unversehens ein Fisch daraus, so schwungvoll geschuppt, wie Kinder es gern zeichnen.

Magie der Silberfolie

Die Geschichte war geboren: Es sollte der schönste Fisch im Ozean werden, von allen bewundert, aber einsam bis zu dem Tag, an dem er das Teilen lernt. Was genau macht diesen Fisch so besonders prächtig? Seine in allen Farben des Regenbogens glitzernden Schuppen. «Die Heissfolien-Prägetechnik, die ich schon von meiner Arbeit als Grafikdesigner kannte, war für mich die ideale Lösung», erzählt Pfister bei unserem Besuch in Bern. Die Silberfolie wurde zur Glückshaut.

Ein wenig Dickköpfigkeit brauchte es jedoch, bis sie ins Buch kam – denn der technische Aufwand verdoppelte die Produktionskosten. Das war Marcus Pfister 1992 sogar einen Teil seines Honorars wert.

Plüsch, Puzzle, Memory

Dass der Einsatz sich gelohnt hat, davon künden die rund dreissig Millionen Regenbogenfische, die weltweit zwischen Bilderbuchdeckeln herumschwimmen – und nicht nur dort. In mehr als fünfzig Sprachen wurde die Geschichte übersetzt; in Amerika ging das Buch mehrere Millionen Mal über den Ladentisch und erhielt den renommierten und hochdotierten Abby-Award. Es folgten mehrere Fortsetzungen und Zweitverwertungen, dazu eine riesige Palette von Fanartikeln wie Stofftiere, Kissen, Schlüsselanhänger, Puzzles, Memory-Spiele und vieles mehr.

Auch sein Atelier im Parterre des ruhig gelegenen Hauses in Spiegel bei Bern, in dem Marcus Pfister mit seiner Frau und vier Kindern im Alter zwischen sechs und dreiundzwanzig lebt, gleicht einem Aquarium: Ganz offensichtlich schätzt er die Gegenwart seines Glücksbringers. Die übrigen Pfister-Bücher stehen, geordnet nach ihrem Erscheinungsjahr, Titelseite nach vorn, im Regal.

Die unmittelbare Nähe zur Familie ein paar Treppenstufen höher hat den Illustrator immer inspiriert – und umgekehrt. Zwei seiner älteren Kinder schlagen ihm beruflich nach; Sohn Miro ist Grafiker, die Tochter Nina will Zeichnungslehrerin werden. Bücher waren immer fester Bestandteil des Familienlebens: den Grossen erzählte Marcus Pfister den kompletten «Harry Potter», in Berndeutscher Simultanübersetzung. Mit seiner Jüngsten schaut er noch immer gern Bilderbücher an – nicht am Bildschirm, für den es inzwischen auch einen animierten «Regenbogenfisch» gibt, sondern handfest und traditionell.

Hat ihn der Megaerfolg überrollt, in der Gestaltung der nachfolgenden Bücher eingeengt? Immerhin gab es manche unfreundliche Bemerkung über die eher seichten Gewässer seiner Geschichten, über den Riecher für gute Geschäfte, die Kunst des Kommerzes, die er besser beherrsche als das Erzählen – das hat Marcus Pfister durchaus geärgert, und er liest es noch heute nicht gerne. Von seinem Weg allerdings liess er sich dadurch nicht abbringen. Er tüftelte weiter an Büchern, die weniger durch inhaltliche Mehrschichtigkeit bestechen denn durch besondere technische Gags: etwa die geteilten Seiten (für einen guten respektive einen traurigen Ausgang) bei «Mats und die Wundersteine» (1997) oder die trickreiche Leporello-Bindung im «Magischen Buch» (2003).

Klare Botschaft – na und?

Kinder jedenfalls lieben seine Bücher und deren Helden: Mäuschen Mats, Pit Pinguin, natürlich den Regenbogenfisch. «Für Lotta», schreibt er als Widmung ins mitgebrachte Buch, zeichnet schwungvoll einen Wal darunter, wartet, bis der Stift trocken ist. Und gibt der Fünfjährigen noch ein weiteres Buch mit, das haargenau in die Zaubererphase passt, die sie gerade durchlebt.

Er denkt an Kinder, nicht an Auszeichnungen und Kritikerlob. «Mit klaren, auf den ersten Blick verständlichen Botschaften und Bildern habe ich überhaupt kein Problem», sagt er. Lange genug hat er nach seiner Ausbildung an der Berner Kunstgewerbeschule als Werbegrafiker gearbeitet.

Seit mehr als 25 Jahren aber sind Bilderbücher sein Kerngeschäft. Damit angefangen zu haben, nennt er «die beste Entscheidung meines Lebens». «Viele sagen, sie würden es gern. Ich habe es versucht – und es hat geklappt.» In seinen Anfängen sei die Sparte Kinderbuch ein Stiefkind gewesen; als dann die elektronischen Kassen eingeführt wurden, habe man erst gemerkt, wie umsatzstark sie ist. Ein paar Jahre lang gab es plötzlich Spielraum für Experimente: ein goldenes Zeitalter des Bilderbuchs.

Mangelnde Buchpflege

Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Online-Handel, der Preiskampf, die Entwicklung der elektronischen Medien – sie haben den Markt enorm beschleunigt und kurzlebig gemacht. Was sich nicht sofort verkauft, hat keine zweite Chance; Buchpflege wie einst, gemischte Sortimente gibt es nicht mehr. «Ein Buch heute zehn Jahre oder noch länger auf dem Markt zu halten, ist praktisch unmöglich», sagt Pfister. Zumindest hierzulande. Ganz anders in Asien: Dort werde die Arbeit von Bilderbuchkünstlern wesentlich mehr wertgeschätzt.

Geheimnis des Lebens

Im letzten Sommer ist Marcus Pfister fünfzig geworden. Jetzt wird der Nord-Süd-Verlag, dem er seit seinem Bilderbuch-Erstling «Die müde Eule» die Treue gehalten hat, so alt. Schwere Zeiten liegen hinter dem auf das internationale Geschäft setzenden Verlag aus Gossau ZH mit Niederlassungen in Paris und New York – trotz Regenbogenfisch. Doch die jüngsten Programme zeugen von neuem verlegerischem Mut.

Pfisters Geburtstagsgeschenk leuchtet in sattem Gelb, Orange, Rot, in Blau und Flaschengrün; klein glitzert ein Schmetterling aus Silberfolie auf dem Cover. «Was macht die Farben bunt?», fragen die Falter, die der Grafiker mit Karton aufgestempelt hat. Die Idee dazu kam ihm beim Hören eines Lieds von Lucio Dalla. Auf das Geheimnis Leben macht es sich einen Reim: eingängig philosophisch wie ein guter Popsong.

Marcus Pfister (Bild: Nord-Süd-Verlag)

Marcus Pfister (Bild: Nord-Süd-Verlag)

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