Der Föhn – ein Sturm aus dem Nichts

Der Föhn kann scheinbar aus dem Nichts auftauchen und innert weniger Stunden kaltes und trübes Wetter in einen warmen Frühling verwandeln. Wie er in den vergangenen Tagen bewiesen hat.

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Föhn am Urnersee und im Rheintal: Sogenannte Felsnasen in der Föhnströmung führen zu kleinen Wasserhosen (links), und im St. Galler Rheintal gleitet der Föhn über den Kaltluftsee, als feine Dunstschicht sichtbar.

Föhn am Urnersee und im Rheintal: Sogenannte Felsnasen in der Föhnströmung führen zu kleinen Wasserhosen (links), und im St. Galler Rheintal gleitet der Föhn über den Kaltluftsee, als feine Dunstschicht sichtbar.

Der Tag beginnt trüb, kalt und mehr oder weniger windstill, da noch eine schwache Bise vorherrscht. Doch plötzlich ändert sich die Situation schlagartig. Über dem See bilden sich weisse Schaumkronen, die Wellen werden am Ufer immer höher, und bald darauf fegt ein Sturm über das Wasser, der riesige Fahnen von Wasserstaub über die rauhe Seeoberfläche peitscht.

Der Föhn kann sich ganz unterschiedlich auswirken. Am augenfälligsten ist die kristallklare Luft. Da diese sehr trocken ist, wird sie nicht durch Wolkentröpfchen getrübt. Zudem ist sie sehr rein, weil mit dem Regen auf der Luvseite des Gebirges, also die dem Wind zugekehrte Seite, auch der Staub ausgewaschen wurde. Bei Föhn ist deshalb die Fernsicht äusserst gut, was den Eindruck vermittelt, dass zum Beispiel die Alpen viel näher seien als sonst.

Luftströmung über die Alpen

Früher glaubte man, der Föhn habe seinen Ursprung in der Sahara. Schliesslich erkannte man den Zusammenhang zwischen den Niederschlägen auf der Alpensüdseite und dem warmen Wind auf der Alpennordseite. Wenn nördlich der Alpen ein Tiefdruckgebiet liegt, so wird häufig auf der Vorderseite des Tiefs mit einer Süd- oder Südwestströmung Luft über die Alpen geführt. Dieser Südwind wird auf der Alpensüdseite gestaut und durch das Gebirge zum Aufsteigen gezwungen. Bei diesem Aufstieg kühlt sich die Luft zuerst im Durchschnitt um 1 Grad pro 100 Meter Höhendifferenz ab. Bei der Abkühlung der Luft werden Wasser und gespeicherte Sonnenenergie freigesetzt. Die Energie, die nötig war, um dieses Wasser zu verdunsten, wird wieder in Form von Wärme an die Luft abgegeben.

Deshalb kühlen sich die aufsteigenden Luftmassen vom Moment der Kondensation an nur noch ein halbes Grad pro 100 Meter ab (und nicht mehr 1 Grad).

Wolken verschwinden

Sobald die Luft den Gebirgskamm überströmt hat, beginnt sie wieder abzusinken. Von diesem Moment an läuft es umgekehrt. Sie erwärmt sich jetzt um 1 Grad pro 100 Meter. Die immer wärmer werdende Luft könnte nun immer mehr Wasser aufnehmen. Deshalb lösen sich beim Absteigen die Wolken auf der Nordseite auf und die Luft gelangt als warmer trockener Wind in die Niederungen.

Auf der Alpennordseite in den Niederungen angelangt, ist die Luft nun wärmer als auf der Alpensüdseite in gleicher Höhe, da sie sich beim Aufstieg vom Beginn der Kondensation des Wassers nur ein halbes Grad abkühlte, während sie sich beim Absteigen auf der ganzen Strecke um 1 Grad pro 100 Meter erwärmte.

Unten Bise, oben Föhn

Je genauer man den Föhn erfassen will, desto komplexer offenbart sich dieses Phänomen. Einerseits kann es im oberen Teil eines Tales föhnig sein, während der Föhn noch nicht bis zu den unteren Talregionen vorgedrungen ist. Zusätzlich kann auf dem Talgrund ein Kaltluftsee vorhanden sein, worüber der warme Föhn gleitet. In einer solchen Situation kann auf dem Talgrund ein leichter und kalter Nordwind blasen, während in höheren Regionen am Hang der stürmische und warme Föhn weht. Die warme Föhnströmung gleitet dabei auf die schwere Kaltluft auf. Diese Kaltluft hat ein höheres spezifisches Gewicht als der warme Föhn, und deshalb bleibt sie regelrecht auf dem Talgrund hocken. Mit fortschreitender Zeit greift der Föhn an einigen Orten bis zum Boden durch.

Die unterschiedlichen Luftmassen beeinträchtigen bei vielen Menschen das Wohlbefinden, wobei Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Übelkeit, Unlust, Angstgefühle, Depressionen, unruhiger Schlaf, Leistungsschwäche und Gereiztheit nur die wichtigsten Symptome sind. Umfragen haben gezeigt, dass die Frauen den Föhn noch stärker spüren als die Männer.

Hermann Hesses Entzücken

Einige Menschen werden jedoch in einen Föhnrausch versetzt oder in jenes süsse Föhnfieber, wie es Hermann Hesse beschreibt:

Es gibt nichts Seltsameres und Köstlicheres als das süsse Föhnfieber, das in der Föhnzeit die Menschen der Bergländer und namentlich die Frauen überfällt, den Schlaf raubt und alle Sinne streichelnd reizt. Das ist der Süden, der sich dem spröden, ärmeren Norden immer wieder stürmisch und lodernd an die Brust wirft und den verschneiten Alpendörfern verkündigt, dass jetzt an den nahen purpurnen Seen Welschlands schon wieder Primeln, Narzissen und Mandelzweige blühen.

Andreas Walker

Bilder: Andreas Walker

Bilder: Andreas Walker

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