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Der Fall Frieda Keller: Ein Herz für die Kindsmörderin

1904 erschütterte der Fall Frieda Keller die Schweiz. Die Thurgauer Näherin hatte ihren Sohn getötet. Sie wurde zum Tod ­verurteilt. Ein Zürcher Regisseur will den St.Galler Justizskandal verfilmen – und Verständnis für die Angeklagte wecken.
Text: Melissa Müller Bilder: Thomas Hary

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Schritte hallen durch den Gefängnistrakt beim St. Galler Klosterhof. Ein Wärter bleibt bei Zelle 12 stehen, schiebt das eiserne Türchen für die Essensdurchreiche auf. In der Gefängniszelle kauert eine magere junge Frau mit zerzausten Haaren: die Thurgauer Kindsmörderin Frieda Keller. Der Wärter führt die ­Angeklagte zum Gerichtssaal. Von der totalen Einsamkeit ihrer Zelle über den Klosterhof. Eine Menschenmenge wartet. Hunderte sind ­gekommen, um zu sehen, wie Frieda hingerichtet wird.

Noch existiert diese Szene erst im Kopf von Regisseur Jürg Ebe. Es ist die Eröffnungssequenz für den geplanten Schweizer Film «Friedas Fall», basierend auf dem historischen Roman «Die Verlorene» von Michèle Minelli. Vier Jahre hat die Thurgauer Schriftstellerin Gerichtsakten gewälzt, den St. Galler Justizskandal von 1904 aufgearbeitet und zu einer Doku-Fiction in Buchform verarbeitet.

Der Fall Frieda Keller verursachte schweizweit Aufsehen. Er polarisierte und rief die Frauenbewegung auf den Plan. «Selten hat mich ein Buch so berührt», sagt Jürg Ebe. Der Roman zeichnet ein Sittenbild einer frauenfeindlichen Gesetzgebung.

Regisseur Jürg Ebe und Drehbuchautor Roland Schäfli wollen die wahre Geschichte der Frieda Keller auf die Kinoleinwand bringen. (Bild: Thomas Hary)

Regisseur Jürg Ebe und Drehbuchautor Roland Schäfli wollen die wahre Geschichte der Frieda Keller auf die Kinoleinwand bringen.
(Bild: Thomas Hary)

Eine Schande - nicht für den Peiniger, sondern für das Opfer der Vergewaltigung

Ebe hat schon präzise Vorstellungen für seinen Film: «Die Gerichtsverhandlung bildet den roten Faden.» Frieda Keller steht vor Gericht. Alle Männer und Frauen werden befragt, die in ihrem Leben eine zentrale Rolle gespielt haben. Wie konnte es so weit kommen, dass eine Mutter ihr Kind tötete?

In Rückblenden wird es erzählt. Frieda wird 1879 in ­Bischofszell geboren. Ein braves, in sich gekehrtes Kind. Sie lernt Schneiderin. Doch das Geld reicht nirgends hin, ­Frieda muss am Wochenende im Wirtshaus Post servieren. Wirt Carl Zim­merli wirft ein Auge auf die zarte Frau. Er schickt die 18-Jährige in den Keller, um Most zu holen – und folgt ihr. Frieda ist ihm ausgeliefert, sie wird vergewaltigt – und schwanger. Eine Schande. Nicht für den Peiniger, sondern für das Opfer. ­Sogar der eigene Vater verstösst Frieda.

Frieda Keller.

Frieda Keller.

Sie hat keine Chance, sich zu wehren. Im privatrechtlichen Gesetzbuch für den Kanton Thurgau heisst es damals: Eine «Weibsperson», die sich mit einem verheirateten Mann einlasse, verdiene keine Gunst des Gesetzes, sondern müsse «die Folgen ihrer Unsittlichkeit selbst tragen». «Ein Ehemann konnte sich an einer anderen Frau vergehen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen», sagt Schriftstellerin Michèle Minelli.

«Im Gesetz hiess es: Ein Mann, der fremd gehe, sei schon genug bestraft durch den Streit,
den er danach zu Hause mit seiner Ehefrau austragen muss.»

Frieda flüchtet in die Anonymität der aufstrebenden Textilmetropole
St. Gallen und bringt in der «kantonalen Gebäranstalt» ihren Sohn Ernst auf die Welt. Zu arm, um für den Säugling aufzukommen, bringt sie ihn in die «Kinderbewahr­anstalt Tempelacker». Durch harte Arbeit baut sie sich eine kleine Existenz auf. Das Kostgeld für den Ernstli – fünf Franken pro Woche – kratzt sie mehr schlecht als recht zusammen.

Liebe an der Olma

Am Jahrmarkt – ein Vorläufer der heutigen Olma – lernt Frieda einen Soldaten kennen, der in der Kaserne Kreuzbleiche Dienst tut. Der Beginn einer zaghaften Liebe. Dass sie ein Kind hat, hält sie vor ihm geheim – es wäre auch in seinen Augen eine Schande. Doch bevor die Liebesgeschichte richtig begonnen hat, ist sie schon wieder zu Ende. Denn plötzlich meldet sich die «Kinderbewahranstalt»: Frieda möge den Ernstli wieder zurücknehmen, der Platz werde für Säuglinge benötigt. Nun weiss sie keinen Ausweg mehr. Am 2. Mai 1904 holt sie den Fünfjährigen ab.

Grausiger Fund im Hagenbuchwald

Einen Monat später finden Spaziergänger in einer Mulde im Hagenbuchwald ein totes Kind, bedeckt von Laub und Schlamm. Das Verbrechen ist Tages­gespräch, St. Gallen im Ausnahme­zustand. Die Spur führt schnell zu Frieda. Sie gibt sofort zu, die Tat begangen zu haben. Ihre Geschwister legen Geld zusammen, um sie zu retten. Sie engagieren den gestandenen St. Galler ­Anwalt Arnold Janggen. Er ist mit der deutschen Schauspielerin Elsi Pöhn verheiratet, was in jener Zeit unkonventionell ist. Vor Gericht setzt er alles daran, die Todeskandidatin vor der Guillotine zu bewahren.

«Eine brave, untadelige Frau»

Im Skript für das Filmprojekt wird auch der Wirt vor Gericht vorgeladen. «In Wahrheit musste der Vergewaltiger nicht antraben. Doch für die Dramaturgie im Film bietet sich das natürlich an», sagt Autorin Michèle Minelli, die den ­Filmemachern beratend zur Seite steht. Der Wirt stellt Frieda als Flittchen und unzuverlässige Arbeitskraft dar, die mit Gästen – auch mit Verheirateten – anbandelte. Friedas Arbeitskolleginnen aus der Näherei bezeichnen sie hingegen als fleissige, pflichtbewusste und anständige Frau. Auch ihr Beinahe-Freund, der Soldat aus der Kreuzbleiche, charakterisiert sie als «brav und untadelig».

Friedas Schuld am Kindstod ist unbestritten. Anwalt Janggen appelliert aber bei den fünf Richtern an die Menschlichkeit. Zeigt die Umstände auf, die seine Mandantin an den Rand der Verzweiflung getrieben haben. Alles vergeblich: Sie wird zum Tod verurteilt, weil dies die damalige Gesetzgebung so vorschreibt. «Der eigentliche Skandal war: Man berücksichtigte ihre Situation nicht», sagt Michèle Minelli.

«Heute würde Friedas Tat juristisch nicht mehr als Mord, sondern als Totschlag gelten.»

Ein Mord setzt gemäss heutigem Gesetz eine besonders niederträchtige Gesinnung voraus. Als Totschlag kann hingegen eine geplante Tat gelten, die aus einer anhaltenden subjektiv ausweg­losen Situation erfolgt, unter grosser seelischer Belastung, wie das bei Frieda Keller der Fall war. Sie konnte mit niemandem über ihr Geheimnis, das uneheliche Kind, reden. Ausserdem wird vermutet, dass sie zum Zeitpunkt der Tat geistig verwirrt war. «Die Gesellschaft war weiter als das Gesetz. Viele wollten auf keinen Fall, dass Frieda hingerichtet wird», sagt Michèle Minelli.

Gedreht werden soll auch im heutigen Kantonsratssaal beim St.Galler Klosterhof. Hier wurde der Angeklagten Frieda Keller der Prozess gemacht.

Gedreht werden soll auch im heutigen Kantonsratssaal beim St.Galler Klosterhof. Hier wurde der Angeklagten Frieda Keller der Prozess gemacht.

Das Todesurteil schockt die ganze Schweiz. Die Gattin von Friedas Anwalt, Schauspielerin Elsi Pöhn, wird aktiv und führt Mahnwachen an. Schweizer Frauenvereine machen sich gegen die Todesstrafe stark. Das Gericht wird mit Bittschriften aus dem ganzen Land überschüttet. Prominente Köpfe der Zeit wie Schriftsteller Carl Albert Loosli sowie Psychiater und Hirnforscher Auguste Forel ergreifen Partei für Frieda. Auch die Medien machen Druck. Bis das Todesurteil umgewandelt wird: in eine lebenslange Isolationshaft mit Schweigegebot. Michèle Minelli sagt:

«Was man Frieda damit angetan hat, würde heute als Folter durchgehen.»

Als Frieda nach 15 Jahren aus der Schweigehaft entlassen wird, ist sie eine gebrochene Frau. Trotz allem findet sie langsam in ein normales Leben zurück. Sie verbringt zehn Jahre bei einer Freundin am Thunersee und arbeitet dort in einem Hotel. Später erleidet sie Hirnschläge; 1942 stirbt sie in der Klinik Münsterlingen.

Friedas Fall schlug sich in der Gesetzgebung nieder. «Das darf sich nie mehr wiederholen», sagten sich die Juristen – und überarbeiteten die Definition von Mord und Totschlag im Schweizer Strafgesetzbuch.

Von der historischen Frieda zur Filmfigur:
Es ist noch ein langer Weg

Für den Film werden diese historischen Fakten aus dem 440-seitigen Buch von Michèle Minelli gerafft und geändert. «Es kann sein, dass die Geschichte noch ein paar Mal umgeschrieben wird», sagt Drehbuchautor Roland Schäfli, man sei noch «mitten im Prozess».

Der Kanton St. Gallen hat ein Film-Exposé von «Friedas Fall» bereits mit einem Förderpreis ausgezeichnet. Das erlaubte den Autoren, einen Filmproduzenten zu suchen. Die Turnus Film in Zürich, die sich unter anderem mit den Kriminalfilmen der «Tatort»-Reihe einen Namen gemacht hat, liess sich überzeugen, dass dies die Basis eines Films sein könnte. Der Produzent brachte Regisseur Jürg Ebe ins Projekt. Dieser ist von der Idee angetan, alle Protagonisten in einem Saal zu vereinen: «Das ist spannend vom Genre des Gerichtsfilms her – und das gab’s meines Wissens noch nie in einem Schweizer Film.»

Er habe auch Lust, auf Mundart und in der Ostschweiz zu drehen, da noch zahlreiche Originalschauplätze erhalten sind: Von der Thurgauer Beiz, in der Frieda vergewaltigt wurde, bis hin zum St. Galler Kantonsratssaal, in dem der Prozess stattfand. «Vor 100 Jahren gab es eben noch kein Netflix», sagt Ebe.

Damals boten Gerichtsprozesse Unterhaltung und Spannung - Brot und Spiele für das Volk.

Für ihr Filmprojekt besuchen Autor und Regisseur ein paar Originalschauplätze. Beim Klosterhof treffen sie Korps­historiker Hans Peter Eugster, der ihnen die alten Gefängniszellen mit den Eisentüren zeigt. Sie stehen seit 40 Jahren leer, dienen nur noch als Abstellkammern. «Ich kann Ihnen leider nicht sagen, in welcher dieser Zellen Frieda eingesperrt war», sagt Eugster. Die Wände sind voller Risse, Häftlinge haben Bleistiftzeichnungen hinterlassen: ein Märchenschloss, eine Frau im Profil. Nur wenig Tageslicht sickert durch die vergitterten Fenster, die früher nicht einmal Scheiben hatten. Die Häftlinge waren Wind und Kälte ausgeliefert. Auch konnten sie sich kaum waschen. Laut Eugster mussten die Häftlinge in Altstätten noch 1985 ihre Notdurft in einem Kübel in ihrer ­Zelle verrichten.

Zeichnung eines Häftlings in der St.Galler Gefängniszelle. (Bild: Thomas Hary)

Zeichnung eines Häftlings in der St.Galler Gefängniszelle. (Bild: Thomas Hary)

«Das ist zuwenig Herr-der-Ringe-mässig»

Danach spazieren die Filmemacher durch den Hagenbuchwald, wo Frieda 1904 ihr Kind mit blossen Händen verscharrte. Ebe bleibt bei einer Buche stehen. «Das Verbrechen muss ungefähr da passiert sein, laut Polizeirapport.» Er hält inne. «Hier werden wir aber nicht drehen. Das ist zu wenig ‹spooky›.» Der Tatort solle düsterer wirken, «eher ‹Herr-Der-Ringe›-mässig». Keineswegs soll Friedas grausige Tat im Film entschuldigt werden. Doch sie wollen aufzeigen, dass «Frauen in einer von Männern ­dominierten Welt die Verliererinnen ­waren.» Ein richtiger «Herbstfilm» soll es werden, sinniert Ebe. Die Geschichte habe alle Ingredienzen eines spannenden Stoffs: Mord, ein Frauenschicksal, der Kampf um Gerechtigkeit. «Ich war noch selten so zuversichtlich vor einem Filmprojekt.»

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