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Elon Musk verleiht den USA wieder Flügel: Am Mittwoch startet ein neues Weltraumzeitalter

Zehn Jahre konnte Amerika keine Astronauten ins All bringen. Das Unternehmen SpaceX will das morgen ändern und läutet damit ein neues Weltraumzeitalter ein.

Raffael Schuppisser
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Die beiden Astronauten Bob Behnken und Doug Hurley.

Die beiden Astronauten Bob Behnken und Doug Hurley.

Bild: Spacex Handout / EPA NASA/SPACEX

In einem weissen Tesla mit blauem Nasa-Signet werden die beiden Astronauten zur Startrampe des Kennedy Space Centres in Florida gefahren. Es ist ein historischer Tag. Nicht nur für den Multimilliardär Elon Musk, Gründer des Elektroautoherstellers Tesla und der Weltraumfirma SpaceX, sondern auch für die Raumfahrernation USA. Zum ersten Mal, seit die Regierung 2011 das Space-Shuttle-Programm eingestellt hat, werden wieder von amerikanischem Boden aus Menschen in den Orbit fliegen. Und zum ersten Mal überhaupt werden sie das mit einem Raumschiff eines privaten Unternehmens tun. Die Nasa ist bloss Kunde, den Transport ins All übernimmt SpaceX.

2002 hat Elon Musk das Unternehmen gegründet: mit dem Versprechen, den Zugang zum Weltall billiger anbieten zu können als jede staatliche Organisation – und mit der Vision, eines Tages den Mars zu kolonialisieren. Das Versprechen will er diesen Mittwoch einlösen. Für die Vision bleibt dann noch Zeit.

In diesem Tesla werden die beiden Astronauten zur Startrampe gefahren.

In diesem Tesla werden die beiden Astronauten zur Startrampe gefahren.

Bild: AP SpaceX

Nachdem der Tesla sein Ziel auf dem Startgelände erreicht hat, werden die beiden Astronauten Bob Behnken und Doug Hurley das Raumschiff Crew Dragon besteigen. Das Cockpit erinnert an das Interieur eines schicken Elektroflitzers. Statt Hebel und Knöpfe gibt es grosse Touchdisplays. So sieht die Zukunft der Raumfahrt aus.

50 Millionen Dollar für ein Ticket in den Weltraum

Erst nachdem die beiden Astronauten in individuell für sie angefertigten Sitzen Platz genommen haben, wird die Rakete betankt. Denn SpaceX setzt auf besonders stark gekühlten Treibstoff, der erst kurz vor dem Start in die Tanks gefüllt werden kann: 500 Tonnen hochexplosives Gemisch. Ein riskanter Moment. 2016 explodierte dabei eine Rakete.

Claude Nicollier, der einzige Schweizer, der jemals in das Weltraum geflogen ist, zweifelt aber nicht an der Sicherheit:

«Ich würde mit vollster Zuversicht in dieses Raumschiff steigen und zum Orbit fliegen.»

Die Rakete und das Raumschiff seien ausgiebig getestet worden. Wenn alles nach Plan verläuft, wird die Falcon 9 am Mittwoch um 22.30 Uhr (MESZ) gezündet und Richtung ISS abheben – und so das Zeitalter der bemannten privatisierten Raumfahrt einläuten.

Auch Olivier de Weck, Professor für Weltraumtechnologie am MIT in Bosten ist zuversichtlich. «Ich gehe davon aus, dass die Mission zur ISS diese Woche erfolgreich sein wird, aber dass es kleinere technische Probleme geben könnte», sagt der Schweizer. Er hätte vollstes Vertrauen in das Team von SpaceX, in dem mehrere seiner ehemaligen Studenten arbeiten. Elon Musk werde oft als ein Genie dargestellt, das Erfolgsrezept seien aber die Tausende von Mitarbeitern, die oft mehr als 80 Stunden pro Woche arbeiten um scheinbar utopische Ziele zu erreichen.

Ein Platz für einen Astronauten hier drin kostet «nur» 50 Millionen Dollar.

Ein Platz für einen Astronauten hier drin kostet «nur» 50 Millionen Dollar.

Bild: AP SpaceX

Das kommt auch der Forschung zugute. «Einer der einschränkendsten Faktoren für die Erforschung des Weltraums sind die Kosten, die mit dem Start von Raketen und der Beförderung von Fracht und Menschen verbunden sind», sagt Willy Benz, Professor für Astrophysik an der Universität Bern. Wenn private Akteure in der Lage sind, diese Dienstleistungen zu erbringen, werde dies zu niedrigeren Kosten und höherer Zuverlässigkeit führen. Benz sagt:

«Der Weltraum rückt so näher. Wir stehen erst am Anfang dieser Ära.»

Als die USA ihr Space-Shuttle-Programm 2011 aufgab, kostete eine Reise ins Weltall 1,5 Milliarden Dollar. Für den Platz eines Astronauten im SpaceX-Raumschiff zahlt die Nasa noch 50 Millionen Dollar. Der Grund für die Preisreduktion liegt hauptsächlich in der Wiederverwertbarkeit der Falcon-Rakete. Der Hauptteil der Rakete landet auf einer Plattform im Ozean, nachdem der darin gespeicherte Treibstoff verbrannt ist. «Stellen Sie sich vor, bei jedem Flug von Zürich nach Los Angeles bräuchte es ein neues Flugzeug, weil es am Ende des Fluges zerstört würde. Das würde das Fliegen ganz schön teuer machen», verglich Garrett Reisman, Berater von SpaceX und Professor für Raumfahrt letztes Jahr in einem Interview mit dieser Zeitung.

Trump will 2024 Amerikaner
auf den Mond bringen

Nachdem die Rakete abgeworfen wurde, werden die Astronauten kurz in den manuellen Modus der Crew Dragon schalten, um die Steuerung zu testen. Danach soll der Autopilot das Raumschiff sicher zur ISS führen, wo es am Donnerstag um 17.40 Uhr andocken soll. Damit hat das Raumschiff sein Ziel erreicht.

Nicht aber Elon Musk. 2023 will der Milliardär eine Rakete losschicken, die bis zum Mond fliegt, diesen einmal umrundet und wieder zurückkehrt. An Bord wird ein japanische Weltraumtourist sein, der mit seinem Vermögen die Mission mitfinanziert. Und dann ruft der Mars…

Zuvor noch könnten Musk und SpaceX aber der Nasa helfen, wieder zurück auf den Mond zu kehren. Donald Trump hat das Jahr 2024 für eine bemannte Mondmission ausgerufen. Ein ehrgeiziges Ziel. «Es ist nicht unmöglich, aber der Kongress muss noch mehr Geld sprechen», meint Claude Nicollier, der heute Weltraumtechnik an der ETH Lausanne unterrichtet. Das Jahr 2024 sei mehr eine politische Entscheidung – dann endet eine allfällige zweite Amtszeit von Trump. «Doch auch wenn es 2025 oder 2026 wird», sagt Nicollier, «so wäre das noch immer grossartig.»