Der Erfahrungen-Sammler

Offenheit, Neugier und Idealismus führten dazu, dass es Walter Strohmeier immer mal wieder «den Ärmel reinnahm». Er war Feinmechaniker, Laborant, Handelsreisender, Geschäftsführer, Gastronom.

Beda Hanimann
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Ein Faible für die schönen Dinge, aber untätige Ruhe liegt ihm nicht: Walter Strohmeier in seiner Wohnung am St. Galler Rosenberg. (Bild: Urs Jaudas)

Ein Faible für die schönen Dinge, aber untätige Ruhe liegt ihm nicht: Walter Strohmeier in seiner Wohnung am St. Galler Rosenberg. (Bild: Urs Jaudas)

Walter Strohmeiers Wohnung ist bevölkert von Hasen und Rebhühnern, an den Wänden hängen Weintrauben und Nüsse. Der passionierte Sammler hat sich im Lauf der Jahre eine Galerie von Stillleben mit Essbarem (nature morte) angelegt und so den passenden Rahmen für eine seiner Tätigkeiten geschaffen: Strohmeier ist Präsident der St. Galler Sektion der Chaîne des Rôtisseurs, einer Vereinigung von Gourmets und Profiköchen, deren Spuren bis ins Mittelalter zurückreichen. Deshalb ist er auch nicht einfach Präsident einer Sektion, sondern Bailli der Bailliage St-Gall, die eben ihren 50. Geburtstag feierte. Auf deutsch: Landvogt der Vogtei St. Gallen.

Dass Strohmeier ein Faible für gutes Essen entwickelte und Vogt wurde, war nicht vorgezeichnet. Aufgewachsen ist er «in einfachen Verhältnissen» im Zürcher Oberland. «Da lebte man spartanisch, aber nicht unglücklich», wie er betont. Sein Bruder lernte Koch und arbeitete unter anderem beim legendären Max Kehl. «Dort habe ich einmal den Köchen über die Schulter gucken dürfen – und da hat es mir den Ärmel reingenommen in Sachen kochen und gut essen», erinnert er sich.

Sich auf die Dinge einlassen

«Es hat mir den Ärmel reingenommen»: Die Wendung ist typisch für ihn, er braucht sie im Lauf des Gesprächs mehrmals. Typisch, weil sie viel sagt über diesen Menschen. Über seine Offenheit, Neugier, sein Engagement und seinen Idealismus. Wer die Dinge nicht an sich heranlässt, dem wird es nie den Ärmel reinnehmen. Walter Strohmeier hat viel gemacht in seinem Leben. «Ich hatte damals einen Bekannten, der eine Snack-Bar führte…», so oder ähnlich fangen viele seiner Schilderungen an. Immer wieder hat er sich auf Neues eingelassen, das ihm Zufallende zum Eigenen gemacht. Ob er von der Zubereitung von Kaffee, von der Maltechnik eines Künstlers oder von der Werkzeugherstellung spricht: Immer steckt dieselbe Akribie für die Details dahinter.

Strohmeiers beruflicher Werdegang begann mit einer Lehre als Elektronik-Feinmechaniker. Zum Französischlernen zog er nach Neuenburg, doch daraus wurde nichts, weil in der Bude «ausser dem Patron nur Berner arbeiteten». Also kehrte er zurück nach Zürich. Arbeitete als Physiklaborant in einem Forschungslabor, als Flugzeuginstrumenten- und Automatentechniker bei der Swissair. Nach der Abendhandelsschule tourte er als Aussendienstmitarbeiter und Vertreter durch die Schweiz und Nordeuropa und kam schliesslich durch Heirat in die schwiegerelterliche Firma in Arbon, die technische Stickereibedarfsartikel herstellte. In der Ostschweiz fand er auch endgültig den Weg in die Gastronomie: Er machte das «Altstadt-Café» in St. Gallen zu einem stilvollen Treffpunkt und eröffnete beim Hauptbahnhof ein Fischrestaurant. «Ich war der erste, der hier in einem Vivier das ganze Jahr lebende Austern und Hummer anbot», sagt er nicht ohne Stolz.

Mit Jahrgang 1933 wäre Walter Strohmeier längst pensioniert. Doch untätige Ruhe ist seine Sache nicht. «Das Wort Rentner gibt es für mich nicht», sagt er. Neben seinem Job als Landvogt betreut er für seine Frau das Büro einer Zahnarztpraxis und besorgt die Hausverwaltung eben jenes Hauses «Montana», wo einst seine Fische und Hummer aufgetragen wurden. «Ruhe gibt es für mich erst, wenn die Kiste zugemacht wird», sagt er salopp. Lacht. Und ist schon beim nächsten Thema.

Nächtliche Geistesblitze

Es ist eine Erfindung, die er vor über fünfzig Jahren gemacht hat, ein System der Kaffeezubereitung mit Kapseln. Die Patentierung wäre ihm zu teuer gewesen, also liess er es bleiben. Als Nestlé viele Jahre später mit ihrem Nespresso kam, staunte er erstmal: «Die bringen ja genau das, was ich erfunden habe», musste er feststellen. Doch statt Neid über ein entgangenes Geschäft regte sich in ihm Freude, dass es also funktionierte. «Ich habe immer nach dem Motto gelebt, dass man nie einer Entscheidung nachtrauern soll», sagt er nur. Und formuliert später: «Ich würde alle Fehler im Leben nochmals machen. Das waren immer gute Erfahrungen.»

So spricht ein Abenteurer, ein unerschrockener Draufgänger, denkt man. Strohmeier selbst sagt nur: «Ich bin idealistisch angehaucht.» Er sei vielleicht kein guter Geschäftsmann, dafür kreativ. Oft erwache er nachts mit einer neuen Idee. «Andere ärgern sich, wenn sie nachts erwachen, mir macht es Spass», sagt er. «Ich kann das nicht abstellen, dass immer etwas passiert im Hirn.» Aktivität und Geniessen, das ist bei Strohmeier kein Widerspruch. Sammler, Bastler, Koch, Geschäftsmann, das heisst für ihn nicht, dass er ständig auf Achse sein müsste. Seine Bilder und Stilmöbel, das Cheminée und die Terrasse mit prächtigem Ausblick über die Stadt sind ihm wichtig und schaffen, so scheint es, eine Balance im bewegten Leben. Er wohne sehr gern, sagt er, und fügt an: «Wenn man sich zu Hause nicht wohl fühlt, dann fühlt man sich nirgends auf der Welt wohl.»

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