Der Entdecker der Südsee

Drei grosse Reisen hat James Cook zwischen 1768 und 1779 angeführt – und das Bild der Welt verändert. Jetzt erzählen eine reich bestückte Ausstellung und ein eindrucksvolles Buch von seinem Leben und Sterben.

Rolf App
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Georg Forster: Adlerrochen.

Georg Forster: Adlerrochen.

Ein Vergnügen ist es nicht, im späten 18. Jahrhundert mit James Cook zu Schiff unterwegs zu sein. Das hat nichts mit seinen Umgangsformen zu tun. Auch nicht mit seinen Fähigkeiten als umsichtiger Kapitän. Cook ist nicht nur ein Meister der Positionsbestimmung und der Kartographie. Aus einfachen Verhältnissen stammend, sorgt er sich auch sehr um seine Leute und lässt ihnen täglich Sauerkraut vorsetzen, damit sie gesund bleiben.

«Drangvolle Enge»

Nein, es liegt an den Umständen. Wie diese Umstände beschaffen sind, das lässt sich gut an jenem Schiffsmodell zeigen, vor das uns Thomas Psota führt. Psota ist Kurator der Ausstellung «James Cook und die Entdeckung der Südsee», die nach Bonn und Wien nun auch im Historischen Museum Bern zu sehen ist. Durchaus mit lokalem Hintergrund: Auf seiner dritten Reise, die von 1776 bis 1779 dauert und ein tragisches Ende nimmt, begleitet der Maler John Webber die Expedition

– ein Mann mit Berner Wurzeln, der eigentlich Johann Wäber heisst, mehrere hundert Objekte nach Hause bringt und dem Museum vermacht.

Psotas Schiffsmodell ist so eindrücklich, weil er daneben all das aufgereiht hat, was in all den Kammern Platz hat finden müssen. «Auf so einem Schiff herrschte drangvolle Enge», sagt Psota.

Neben 80 bis 112 Mann Besatzung, neben mitreisenden Künstlern und Wissenschaftern samt ihren Dienern muss der Proviant für Monate, ja Jahre verstaut werden, weiter Wasser, Holz, Kanonen und Gewehre samt Munition, schliesslich Kühe und Bullen, Schafe und Ziegen sowie Geflügel. Auch Tauschmaterial wird benötigt: Man will die Einheimischen günstig stimmen.

Kakerlakeninvasion

Schlafräume für die Besatzung gibt es nicht, nachts hängen die Seeleute ihre Hängematten über den Tischen der Messe auf. Als eine Kakerlakeninvasion sie heimsucht, berichtet ein Reisender, das Innere des Schiffs habe wie lebendig gewirkt. Viele Seeleute erkranken an Skorbut, einer Mangelerkrankung, viele auch an Geschlechtskrankheiten.

Denn die seit ihrer Entdeckung in Europa als Sehnsuchtsort gefeierte Südsee ist auch ein Ort schöner Frauen.

Georg Forsters scharfer Blick

Georg Forster, der die zweite Reise (von 1772 bis 1775) begleitet und einen eindrücklichen, kürzlich neu edierten Reisebericht verfasst (siehe «Leseprobe»), hebt hervor, wie anziehend die Frauen sind. «Ein Hemd, ein Stück Zeug oder ein paar Nägel waren zuweilen hinreichende Lockungen für die Dirnen, sich ohne Scham preiszugeben», stellt er fest. Er nimmt auch sehr deutlich das Problematische wahr.

Zum Beispiel, dass sich die Entdecker durchaus mit Gewalt Respekt verschaffen, wenn die Eingeborenen nicht spuren. Der Zweck dieser Reisen entspringt dem Geist der Zeit: James Cook soll einen Kontinent finden, den es nicht gibt, ohne den man sich aber die Erde nicht vorzustellen vermag. Wenn es im Norden eine grosse Landmasse gibt, dann müsste auch im Süden ein grosser Kontinent existieren, meinen die Geographen – Terra australis incognita. Diesen Kontinent will die englische Admiralität in Besitz nehmen.

Eine neugierige Zeit

Zu diesem Hauptzweck gesellen sich Nebenzwecke. Die Gesellschaft der Aufklärung ist neugierig auf die Welt, Astronomen, Naturforscher, Zeichner und Maler sollen den Kapitän begleiten und hernach berichten, wie die Fremde aussieht. Ein Eingeborener von einer Insel nahe Tahiti wird sogar nach London gebracht und avanciert zum Liebling der Gesellschaft.

Kein Südkontinent

Cook ist sehr erfolgreich, seine Reisen weiten den Blick auf die Vielfalt der menschlichen Kultur und ihre Zeugnisse ganz erheblich. Doch sein Ziel verfehlt er. Denn es gibt diesen Südkontinent nicht. Auf einer ersten Reise (1768 bis 1771) nimmt Cook Kurs auf das kurz zuvor entdeckte Tahiti, erkundet Neuseeland und die Ostküste Australiens (wobei seine Leute das erste Känguru sichten). Die zweite Ausfahrt führt ihn tief nach Süden, in die Nähe der Antarktis.

Er verliert das zweite seiner Schiffe aus den Augen, steuert Tonga, die Osterinseln und Neukaledonien an.

Als mittlerweile berühmter Mann hätte er sich nun zur Ruhe setzen können. Doch James Cook übernimmt noch einmal eine Expedition. Cook entdeckt unter anderem die Hawaii-Inseln. Als er zur östlichsten Insel kommt, wird er in der Keakulakekua Bay freundlich empfangen und ins Erntefest integriert.

Tod im Handgemenge

Er erhandelt sich Nahrungsmittel und Ritualgegenstände – unter anderem den Federgott ki'i hulu manu – und reist wieder ab. Dann bricht ein Mast, die Schiffe kehren für die Reparatur um, werden nun aber mit Unmut empfangen. James Cook reagiert entnervt. Seine aufsässige Mannschaft macht ihm zu schaffen, und an mehreren Stationen der Reise ist es zu bewaffneten Konflikten gekommen. Diesmal geht er zu weit, als er seinen Freund, den Häuptling Kalani'opu'u, zur Geisel nehmen will.

Im Handgemenge werden Cook, vier seiner Männer und mehrere Inselbewohner getötet.

Die Ausstellung im Historischen Museum Bern dauert bis zum 13. Februar. Der Katalog (James Cook und die Entdeckung der Südsee) ist im Verlag NZZ erschienen.

Friedliche und weniger friedliche Begegnungen in der Südsee: James Cooks Landung auf Erramanga. (Bild aus: James Cook und die Entdeckung der Südsee)

Friedliche und weniger friedliche Begegnungen in der Südsee: James Cooks Landung auf Erramanga. (Bild aus: James Cook und die Entdeckung der Südsee)

Eines von 400 Exponaten: Der hawaiische Federgott. (Bild: British Museum)

Eines von 400 Exponaten: Der hawaiische Federgott. (Bild: British Museum)