Der düstere Aussenseiter der Mode

Ein Dok rollt das Drama um Modeschöpfer Alexander McQueen auf, der vor acht Jahren Suizid ­beging. Der Kinofilm zeigt den Menschen hinter dem Ruhm – sein Genie, seinen Mut, seine Einsamkeit.

Melissa Müller
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Modedesigner Alexander McQueen (links) mit Designer Philip Treacy, 2007. (Bild: AP Photo/Jacques Brinon)

Modedesigner Alexander McQueen (links) mit Designer Philip Treacy, 2007.
(Bild: AP Photo/Jacques Brinon)

Schützend hält eine junge Frau die Hand vor die nackte Brust, ihr Kleid ist zerrissen. Verzweifelt torkelt sie über Schutt und Asche. Der 26-jährige britische Mode­designer Alexander McQueen schickte seine Models 1995 wie geschändete Opfer über den Laufsteg. Die Inspiration für die Modeschau «Highland Rapes» lieferten ihm die Massaker des Bosnienkriegs – und seine eigene Biografie.

Jetzt kommt erstmals ein Dokfilm über den «Bad Boy» ins Kino, der die Mode in den Neunzigerjahren in Aufruhr versetzte – acht Jahre nach seinem Suizid. Er schildert Aufstieg und Fall eines Wunderkinds. Mit 40 Jahren, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, erhängte er sich in einem Kleiderschrank.

Regie führten Peter Ettedgui und der Genfer Ian Bonhôte – beide keine Insider der Modebranche. Genau dies erwies sich aber als Glücksfall: Sie waren mit niemandem verbandelt und dadurch unabhängig. «Dies ist kein Film über Mode», stellte Bonhôte gegenüber der Zeitschrift «Annabelle» klar. Vielmehr habe ihn der Aussenseiter McQueen inter­essiert, der Mensch hinter dem Ruhm: «sein Mut, seine Wut, sein Erfolg, sein Scheitern, seine Einsamkeit». Im Film erzählen McQueens Schwester Janet, seine Freundinnen und Freunde, Models, Visagistinnen und Assistenten über das Ausnahmetalent. Es sind berührende Interviews. Und man staunt über das reiche Werk, das er in seinem kurzen ­Leben hinterliess. Er schuf einen düsteren, opulenten, opernhaft dramatischen Kosmos.McQueens Defilees waren irrwitzige Happenings: Seine Models führten Wölfe spazieren. Oder sie sitzen mit bandagierten Köpfen in einer Glasbox. McQueens Frauen sind dunkel und böse: ­gehörnte Dämoninnen, blutverschmierte Kriegerinnen.

Seine Frauen waren dunkel und böse. "Ich mache Mode für Frauen, vor denen man Angst hat", sagte er.

Seine Frauen waren dunkel und böse. "Ich mache Mode für Frauen, vor denen man Angst hat", sagte er.

«Ich will Aufregung und Gänsehaut», sagte Alexander McQueen einmal. «Ich will Herzattacken auslösen. Ich will, dass der Notarzt kommt.» Einem breiten Publikum bekannt wurde er, als Lady Gaga seine hufartigen High Heels trug. Auch für Sängerin Björk arbeitete der Designer.

Frühling-Sommer Kollektion 2008: Alexander McQueen liebte speziellen Kopfschmuck. (AP Photo/Jacques Brinon)
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Die hufartigen Armadillo Boots wurden auch von Lady Gaga getragen. Ein Spiel mit der Silhouette. (AP Photo/Michel Euler)
Die letzte Kollektion "Plato's Atlantis" 2009: Die Models tragen reptilienartige Schuppenkleider. (AP Photo/Michel Euler)
Gegen Ende seines Lebens wurden die Shows von Alexander McQueen immer düsterer. (AP Photo/Antonio Calanni)
Der Meister am Werk.
Szene aus dem Film "McQueen".

Frühling-Sommer Kollektion 2008: Alexander McQueen liebte speziellen Kopfschmuck. (AP Photo/Jacques Brinon)

Ein modernes Märchen

Dabei hatte Lee Alexander McQueen denkbar schlechte Karten, um in der Welt der Schönen und Berühmten zu reüssieren. 1969 geboren, wächst der Sohn eines Taxifahrers im Londoner East End auf. Lee, wie ihn alle nennen, wird als Kind vom gewalttätigen Ehemann seiner Schwester sexuell missbraucht. Schon als Bub zeichnet er immer Kleider und näht für seine drei Schwestern perfekt sitzende ­Röcke. Fotos zeigen einen Teenager, der schüchtern grinsend hinter der Nähmaschine sitzt. Damals ahnt noch niemand, dass aus dem dicklichen Schulabbrecher mit den schiefen Zähnen einer der grössten Modeschöpfer werden sollte.

Die Schneiderkunst lernt er von der Pike auf. Nach einer Lehre zum Herrenschneider in der Masskonfektion ermöglicht ihm eine Tante ein Modestudium am renommierten Central Saint Martins College. Seine Abschlussarbeit benennt er nach Frauenmörder Jack the Ripper, die Stoffe sind mit Stacheldraht bemustert, in das Futter ist Menschenhaar eingearbeitet. Statt sich nach der Show zu verbeugen, zeigt McQueen dem Publikum seinen blanken Hintern.

Vogue-Stylistin Isabella Blow ist so begeistert, dass sie die ganze Kollektion vom Fleck weg aufkauft. Es ist der Beginn einer grossen kreativen Freundschaft. Die Exzentrikerin, die Hüte aus Vogelflügeln trägt, lädt den jungen Mann in ihr Schloss ein; beide haben einen beissenden, vulgären Humor. Sie wird seine Muse und Mentorin.

McQueen mit seiner Entdeckerin Isabella Blow, Mitte der Neunziger. (Bild: AP, Ascot Elite)

McQueen mit seiner Entdeckerin Isabella Blow, Mitte der Neunziger. (Bild: AP, Ascot Elite)

Modepunk wird Chefdesigner

Es ist die vielleicht glücklichste Zeit seines Lebens. Er ist ein witziger Kerl mit dem Schalk im Nacken, der mit seinen Hunden herumtollt. Alles scheint ihm mühelos zu gelingen. Für seine Kollektionen begibt er sich auf historische Spurensuche, besinnt sich auf seine schottischen Wurzeln. Das Schottenkaro hat bei McQueens Kleidern aber nichts mit adretter Folklore zu tun, sondern erinnert an blutige Kämpfe, welche seine Vorfahren auszutragen hatten. Krieg und Sex, aber auch Natur, Tiere und Science-Fiction inspirieren ihn. «Verkauf deine Kleider doch auf dem Flohmarkt», spottet der Vater. Seine Mutter Joyce hingegen unterstützt ihn stets.

Alexander Mcqueen mit seiner Mutter Joyce, die er vergötterte. (Bild: Dan Chung)

Alexander Mcqueen mit seiner Mutter Joyce, die er vergötterte. (Bild: Dan Chung)

Lee schart um sich eine Clique aus kreativen Leuten, darunter Musiker und Visagistinnen. Er steckt sein Arbeitslosengeld in die ersten Kollektionen, nutzt Freunde und Liebhaber als billige Arbeitskräfte aus. Und lässt sie bald einmal links liegen, wenn es zu einem Streit kommt. Mit 28 wird der Mode-Punk zum Chefdesigner von Givenchy in Paris ernannt, sein Vorgänger John Galliano hat zu Dior gewechselt. Der ehemalige Working-Class-Boy will mit den Näherinnen in der Kantine essen; er macht sich lustig über die schicke Welt der Pariser Haute-Couture. Verwackelte Aufnahmen zeigen Lee und seine Entourage beim Herumalbern und kichern auf Speed. Doch diese Unbeschwertheit ist nur von kurzer Dauer.

Der Designer hinter den Kulissen.

Der Designer hinter den Kulissen.

Mit dem Erfolg kommt das Kokain, die Einsamkeit, die Depressionen. Aus dem rundlichen Rebell mit Jeans, Schlabberpulli und schalkhaftem Grinsen wird ein dünner, nachdenklicher Mann in teuren Anzügen, der sich Fett absaugen lässt. Auch seine schrägen Zähne weichen einem makellosen Gebiss. «Je reicher, desto unglücklicher wurde er», erinnert sich ein Weggefährte im Dokumentarfilm. McQueen steht massiv unter Druck, lanciert 14 Kollektionen im Jahr, er ist oft launisch, unberechenbar - und er erkrankt an HIV. Freunde raten ihm zu einer Auszeit, aber der Workaholic winkt ab. In einem Interview antwortet Alexander McQueen auf die Frage, warum er so aggressiv sei: «Erstens habe ich keine Zeit, ich arbeite hart, und zweitens habe ich nur eine kurze Zeit, so frech zu sein. Morgen hat diese böse Branche mich gekillt – wenn ich mich nicht vorher aus dem Staub mache.»

Eine fette Frau, von Motten umschwärmt

Je tiefer er in der Düsternis versinkt, desto morbider werden seine Shows. 2001 lässt McQueen auf dem Laufsteg eine Box aus Glas zersplittern. Im Inneren liegt eine dicke nackte Frau mit einer Insektenmaske. Sie wird durch einen Schlauch künstlich beatmet, Motten schwirren um sie herum. «Eine fette Frau und Motten – ist das nicht der Albtraum der Mode?», kommentiert die Frau im Dokumentarfilm ihren Auftritt rückblickend.

Aus dem moppeligen Rebell wurde ein dünner, nachdenklicher Mann.

Aus dem moppeligen Rebell wurde ein dünner, nachdenklicher Mann.

Seine letzte Schau «Plato’s Atlantis», die er 2009 realisiert, ist ein apokalyptischer Albtraum. Der Mensch hat die Erde zerstört und kehrt ins Wasser zurück. Die Models tragen schlangenartig geschuppte, fischartig schillernde kurze Kleider, mutieren zu Reptil-Mensch-Alien-Wesen.

Durch den Film kann man diese verstörenden Spektakel posthum noch einmal erleben. Die beiden Regisseure dachten, acht Jahre nach McQueens Tod wären die Wunden schon etwas verheilt. Die Interviews mit seinen engsten Weggefährten zeigen ein anderes Bild. Sie weinen vor laufender Kamera. Zu gross ist noch immer der Schmerz über seinen Verlust.

Ab Donnerstag, 23. August im Kino.