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Der das Fremde erforscht

Der in Stettfurt lebende Tiroler Künstler verbindet in seinen Arbeiten Wirklichkeit und Vorstellung. Eine Monografie erschliesst sein vielschichtiges Werk in Wort und Bild; sie wird an der Vernissage seiner nächsten Ausstellung in Eschlikon vorgestellt.
Dieter Langhart

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Nur eine Technik wäre mir zu wenig»: Othmar Eder in seinem Atelier in St. Margarethen. (Bild: Dieter Langhart)

«Nur eine Technik wäre mir zu wenig»: Othmar Eder in seinem Atelier in St. Margarethen. (Bild: Dieter Langhart)

Einer dieser heissen Augusttage. Und bald wird es im Atelier noch heisser werden. In T-Shirt und kurzer Hose ist Othmar Eder wie fast jeden Tag mit dem Velo von Stettfurt nach St. Margarethen bei Münchwilen gefahren. Hier hängen Zeichnungen und ­Gemaltes an der Wand, weitere stehen gerahmt im Vorraum. Auf dem einen Tisch stapeln sich Papierarbeiten, auf dem andern, dem Zeichentisch, liegen Bleistifte bereit, daneben eine Schachtel voller Späne. «Ich spitze die Stifte mit dem Messer, das erlaubt mir eine Minute Abstand zur Zeichnung.» Eder bewahrt alle Späne auf, seit Anbeginn.

Und ­irgendwann wird er etwas entstehen lassen aus den Tausenden von Spänen in all den Schachteln.

Aus etwas Bestehendem ­etwas Neues schaffen: das zieht sich als roter Faden durch Othmar Eders Schaffen. Oft nimmt er frühere Zeichnungen hervor, übermalt sie, verändert sie, gibt ihnen eine neue Bedeutung, ein neues Gesicht. Bis zu hundert Schichten können so entstehen, sagt er. Diese Dichte und Tiefe erreicht er nur mit Eitempera. Am Boden. Er lacht über seine selbstreferentielle Arbeitsweise: «Meine Arbeiten zu datieren, ist schwierig, denn ich bin nie ganz sicher, ob und wann ein Werk fertig ist.» Wenn Othmar Eder lacht (und der Schalk ist der Bruder des Ernstes), wirkt er noch jünger. Er ist 1955 in Kufstein geboren und hat seinen Dialekt behalten, dessen hartes «ch» wir teilen.

Ein Bilder-Finder und ein Bild-Erfinder

Das Mehrschichtige, Mehrlagige, zeitlich wie physisch, ist kennzeichnend für Eders Werk. Hier dreht er ein Video und macht aus Standbildern Zeichnungen, da fotografiert er ein Bild (es muss nicht ein eigenes sein) und zeichnet es mit Grafit nach oder kopiert es mit Kohlepapier (das sich als Carbon Copy ins digitale Zeitalter gerettet hat) oder überträgt es mit Transparentpapier.

«Eder ist ein Zeichner, der ­filmisch arbeitet», schreibt die Kunsthistorikerin Katja Baumhoff in ihrem Essay zur demnächst bei Scheidegger & Spiess erscheinenden Monografie. Initiiert hat das Buch Cornelia Mechler, die inzwischen im Kunst­museum Thurgau arbeitet. Urs Stuber und Susanna Entress, die einfühlsamen Gestalter aus Frauenfeld, haben dem zweisprachigen Band ein dezentes Gesicht gegeben und den Abbildungen auf über hundert Seiten viel Luft zum Atmen gelassen. Ein kleines Kunstwerk ist es geworden und in Leinen gefasst, das sich so gut ­anfühlt. Urs Stuber hatte auch die Idee für den Titel des Buches: «Bilderfinder». Er lässt sich als Bilder-Finder wie als Bild-Erfinder lesen – und beides trifft zu auf diesen Künstler. Denn so manches findet er unterwegs, wie den Mann ohne Gesicht auf dem Buchumschlag.

Am liebsten, sagt er, findet er Dinge in Lissabon, der Stadt seines Herzens.

An seine ersten zwei, drei Tage in Portugals Hauptstadt erinnert er sich kaum; das war während seines Studiums an der Kunstakademie Wien. Vor einigen Jahren verbrachte er drei Monate in Lissabon und konnte, unter anderem mithilfe der Thurgauer Kulturstiftung und des Publizisten Alex Bänninger, das Projekt «Fremde Nähe» verfolgen, mit zwei Ausstellungen in Stettfurt und Lissabon und einer Publikation. Seither ist er der Stadt an der Mündung des Tejo verfallen, der fast so breit ist wie das Meer dahinter.

«Ich bin ein absoluter Spurenfan»

Immer wieder kehrt Othmar Eder zurück in die Stadt mit dem besonderen Licht, dem «bedeutenden Blau», wie Zsuzsanna Gahse in ihrem Beitrag zur Monografie schreibt, den Menschen, die «nicht so aufdringlich sind wie wir», den vielen Flohmärkten. Hier kann er stundenlang stöbern, hier findet er Postkarten und Plakate, winzige Holzregale und ausrangierte Bücher. Eines enthielt Fotografien vom Cabo Espichel, die ihn an die Berge aus Tirol erinnerten. Er nahm Bilder daraus und fügte sie neu zusammen, er zoomte Ausschnitte heran und übertrug sie mit Kohlepapier auf grosse Bögen. «Seine Zeichnungen sind zusammengesetzt aus Abbildungen und Überblendungen», schreibt Katja Baumhoff, «sie verbinden Wirklichkeit und Vorstellung.» Ja, Othmar Eder ist ein Wanderer zwischen den Welten, ein Vermittler zwischen den Zeiten. Dafür braucht er kein Portugiesisch.

«Ich bin extrem neugierig», sagt Othmar Eder. Und geduldig.

So entdeckt er auf einem seiner zahllosen Streifzüge – das Skizzenbuch und die Kamera stets zur Hand – eine leerstehende Fabrik und ist fasziniert. «Ich bin ein ­absoluter Spurenfan», sagt er und meint das Gewachsene und das Verflossene, dem er begegnet. Also die Zeit. Schon immer habe ihn interessiert, was am Rande ist – und nicht das, wo alle hinstarren. Das kann ein Steinbruch ausserhalb einer Stadt sein, das kann ein abgeerntetes Maisfeld unter dem ersten Schnee sein.

Dem Künstler ist Veränderung eine wichtige Konstanze im bildnerischen Schaffen, im Video kommt mit der Bewegung eine weitere Veränderung hinzu. Nur eine Technik wäre ihm zu wenig, er lotet die Dialogmöglichkeiten zwischen den Medien aus.

Doch noch wichtiger ist dies: «Sein ganzes Verständnis von wachem Dasein ist eingerichtet aufs Warten, auf die Geduld und darauf, dem Geschehen die ­notwendige Zeit zu belassen», schrieb Alex Bänninger im Katalog zu «Fremde Nähe». Er nannte den Künstler einen Einzel­gänger, der unbeirrt seinen Weg gehe. Und Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau, schrieb von der «Verweigerung von Schärfe und Eindeutigkeit» und der «Erfahrung des Ungreifbaren und Geheimnisvollen». Othmar Eder betont, wie wichtig es sei, dass man unsicher und langsamer werde – dabei hat er drei Ausstellungen vor sich: Eschlikon diesen Monat, Krinau im September, Innsbruck im November. Und dass man vielleicht einfach Heidelbeeren sammle. So, wie er es als Bub getan hat.

Vernissage/Buchvernissage: 25.8., Widmertheodoridis, Eschlikon; bis 29.9.

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