Sizilien: Der Berg, das Feuer und das Leben

Wer der grössten Mittelmeerinsel gerecht werden will, muss sich einige Tage Zeit nehmen für die Region rund um den höchsten aktiven Vulkan Europas: den Ätna. Der immer wieder Feuer speiende Berg prägt das Leben der Menschen hier seit Jahrhunderten. Der Vulkan wohnt in ihren Herzen und bedeutet Einkommen, Heimat und Gefahr zugleich.

Text und Bilder: Hans Suter
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Der Ätna ist mit rund 3323 Metern über Meer der höchste aktive Vulkan Europas. Die Ausbrüche lassen rund um den Vulkan bizarre Landschaften entstehen, die unweigerlich dazu einladen, den Begriff Schönheit neu zu definieren.
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Antike und Moderne: Blick vom griechisch-römischen Theater Taormina auf die Bucht von Giardini Naxos.
Sonntagmorgen in Linguaglossa: Kaffee trinken, Zeitung lesen, diskutieren – unverfälschte Italianità.
Im Atelier von Salvatore Incorpora.

Der Ätna ist mit rund 3323 Metern über Meer der höchste aktive Vulkan Europas. Die Ausbrüche lassen rund um den Vulkan bizarre Landschaften entstehen, die unweigerlich dazu einladen, den Begriff Schönheit neu zu definieren.

Kurz vor der Landung in Catania wird es immer hektisch im Flugzeug: Sieht man den Ätna? Dieses Mal nicht. Der Feuerberg ist wolkenverhangen und es regnet. Die Natur dankt das Leben spendende Nass mit üppigem Grün und einer Fülle an Früchten und Gemüse. «Es war ein gutes Jahr», erzählt später ein Pilzsammler in Linguaglossa.

«Es gab genug Regen und Sonnenschein für alle und alles. Auch für die Fischer war es ein gutes Jahr. Und erst für Pilzsammler: Es hat so viele Steinpilze wie selten.»

Das war im Oktober, ein guter Reisemonat zum Erkunden der mit 25426 Quadratkilometern grössten Insel Italiens und grössten Mittelmeerinsel überhaupt – wenn nicht das Baden an einem der vielen Strände entlang der 1500 Kilometer langen Küste im Vordergrund stehen soll.

Ausgangspunkt für die nach Lust und Laune wählbare Erkundungstour ist das Hotel Villa Neri. Das gehobene inhabergeführte Wellnesshotel liegt auf einem Lavakegel des Ausbruchs von 1566, inmitten eines Olivenhains der Familie Neri ausserhalb des barocken Städtchens Linguaglossa. Es vereint Ruhe, gepflegte Eleganz und gastronomische Glücksmomente vor malerischer Ätna-Kulisse: Das Gebiet rund um den Ätna gehört seit 2013 zum Unesco-Weltnaturerbe.

Eintauchen in die Intimität von Kunst und Leben

Linguaglossa am Nordosthang des Ätna ist nur 50 Kilometer von der pulsierenden Metropole Catania entfernt. Die knapp 5500 Einwohner zählende, typisch sizilianische Kleinstadt wirkt nur auf den ersten Blick unspektakulär. Viele Gebäude sind im barocken Baustil erbaut und machen ein bedeutendes Stück Architekturgeschichte erlebbar.

In Linguaglossa ist Kunst allgegenwärtig mit grossen Wandbildern an Häusern und Mauern.

Und wie in vielen italienischen Städten lohnt sich auch hier ein Besuch der mit sehenswerten Kunstwerken bereicherten Sakralbauten. Besonders empfehlenswert ist das örtliche Kunstmuseum, das den einheimischen Künstlern Francesco Messina (1900–1995) und Salvatore Incorpora (1920–1910) gewidmet ist. Die Werke der beiden haben wenig gemeinsam, ergänzen sich aber ideal. Messina hat sich mit der apollinischen Dimension der Schönheit und vor allem mit ihren Auswirkungen auf die Religiosität beschäftigt. Im Mittelpunkt des Werks von Incorpora steht die Konkretheit des Menschen, der in schwierigen Zeiten durchhalten muss, um seine Würde und seine Präsenz in der Geschichte und in seiner Zeit zu behaupten.

Den Vulkan hautnah fühlen und erleben

Der Ätna ist das Faszinosum schlechthin in dieser fruchtbaren, sonnenverwöhnten Region. Vor einer spektakulären Eruption kann man indes nie ganz sicher sein; das gehört hier zum Leben wie Kaktusfeigen und Weinstöcke. Der Geschäftsführer und Besitzer des Hotels Villa Neri in Lingua­glossa, Salvo Neri, sagt ehrfurchtsvoll:

«Der Ätna ist eine Gefahr, gewiss. Aber er ist auch ein bedeutender Teil unserer Lebensgrundlage. Es ist ein stetes Geben und Nehmen.»

Die ersten Ausbrüche des Ätna fanden laut Forschern vor etwa 700000 Jahren statt. Seine heute sichtbare Gestalt hat der Vulkan erst seit rund 3000 Jahren. Es wird angenommen, dass der Ätna in den vergangenen 400 Jahren etwa eine Milliarde Tonnen Lava an die Erdoberfläche befördert hat. Etwa 150 gewaltige Ausbrüche sind bekannt. 1669 wurde Catania zerstört, 1893 entstand der Silvestri-Krater, 1911 der Nordostkrater und 1989 zwei neue Krater, sodass es heute vier Schlote gibt, die ständig aktiv sind. Der Ätna bringt aber nicht nur Zerstörung. Die sich rasch zersetzende Lava wird zu fruchtbarem Boden und ermöglicht reichhaltige Orangen-, Zitronen- und Weinernten. Es lohnt sich, zur Erkundung des Ätna eine offizielle Tour zu buchen. Das ist nicht nur sicherer, sondern auch informativer. Als Möglichkeit bietet sich Claudio Fazio (www.aigae.org, www.italguide.com) an; er ist offizieller Guide und spricht gut Deutsch. Eine weitere Möglichkeit bietet der Schweizer Vulkanologe Andrea Ercolani von Siciltrek (www.vulkane-erleben.info).

Landschaft, Geschichte und viele Süssigkeiten

Wer des Wanderns am Ätna müde geworden ist, kann im rund 25 Kilometer entfernten Taormina in das touristische Getümmel eintauchen und sich in einem der Gastronomiebetriebe einer Vielzahl typisch sizilianischer Köstlichkeiten erfreuen. Besonders zu erwähnen sind die farbenfrohen Kreationen aus Marzipan, Cannoli (Süssgebäck mit Ricottafüllung), Mandel- und Pistaziengebäck und die klassische sizilianische Eisspezialität Granité (Empfehlung: Bam Bar, Via di Giovanni 45). Nebst dem Besuch des griechisch-römischen Theaters mit herrlichem Blick auf die Bucht von Giardini Naxos lohnt sich auch ein Spaziergang durch den sehr gut erhaltenen englischen Garten (giardino pubblico).

Abseits des klassischen Tourismus’ sind auch die Strände von Giardini Naxos und die Dörfer Randazzo und Bronte einen Besuch wert. In Randazzo, etwa 20 Kilometer nördlich von Linguaglossa gelegen, gibt es einen typisch sizilianischen Sonntagsmarkt. Für Freunde von Salamispezialitäten dürfte der Besuch der Macelleria Costanzo an der Via Umberto 70/72 (nahe der Kirche) freudvoll sein:

Hier gibt es Salami vom schwarzen Ätnaschwein.

Wer sich voll und ganz der Pistazie hingeben will, der darf das knapp 20 Kilometer westlich gelegene Bronte nicht auslassen; hier ist das Herz der Pistazienproduktion – unter Feinschmeckern eine der besten der Welt.

Vier Millionen Touristen auf der Insel

Bei einem Restaurantbesuch lohnt es sich, nach Empfehlungen für einheimischen Wein zu fragen. In Schweizer Supermärkten ist die sizilianische Traubensorte Nero d’Avola (Schwarzer aus Avola) allgegenwärtig; sie ist auch die am meisten angebaute Sorte auf Sizilien. Rund um den Ätna gibt man sich aber lieber der ebenfalls roten Rebsorte Negrello Mascalese hin. Daraus werden hochstehende Weine gekeltert, die längst auch anspruchsvollen Gaumen schmeicheln (zum Beispiel Fischetti, www.­fischettiwine.it).

Zur Abrundung einer Reise zum Ätna gehört auch ein Besuch der pulsierenden Provinzhauptstadt Catania. In dieser Hafenstadt leben rund 660000 der gesamthaft 5,1 Millionen Menschen umfassenden sizilianischen Bevölkerung. Besonders sehenswert sind die Piazza del Duomo mit den prächtigen, aus Lavastein erbauten Gebäuden, und der Fischmarkt mit fangfrischem Meeresgetier. Den Markt säumen typische Fischrestaurants, wo sich Einheimische verwöhnen lassen.Die sizilianische Wirtschaft ist geprägt vom Anbau von Wein, Weizen, Mais, Oliven, Südfrüchten, dem Fischfang und der Erdöl- und Erdgasförderung. Sehr wichtig ist der Tourismus mit vier Millionen Besuchern pro Jahr. Kein Wunder: Sizilien hat ein gutes Klima (nur 140 Kilometer bis Afrika) und erfreut Herz, Geist und Gaumen gleichermassen.

Das ganze Jahr hindurch eine Reise wert

Sizilien liegt 3,2 Kilometer vom italienischen und 140 Kilometer vom afrikanischen Festland entfernt und ist in neun Provinzen mit gleichnamigen Hauptstädten gegliedert: Messina, Catania, Siracusa, Ragusa, Agrigento, Tràpani, Palermo, Caltanissetta und Enna. Per Flugzeug sind Palermo und insbesondere Catania sehr gut erreichbar. An den Flughäfen gibt es ein breites Angebot an Mietwagen. Wer mit dem eigenen Auto anreisen will, wählt die Fähre von Villa San Giovanni oder Reggio di Calabria über die «Strasse von Messina» nach Messina. Sizilien hat ein gemässigtes subtropisches Klima mit trocken-heissen Sommern und feucht-milden Wintern. Das Frühjahr ist eher kühl, während der Sommer sehr heiss und der Herbst lange warm aber etwas unbeständig sein kann. Je nach Aktivität ist Sizilien das ganze Jahr über eine Reise wert. Die Insel besticht mit viel Natur, mit Stränden, fruchtbaren Ebenen, Hügelzonen und Geschichte. Die Gastronomie ist vielseitig.

Die Reise wurde möglich durch Private Selection Hotels, www.privateselection.ch