Genies
Der aktuelle Nobelpreis zeigt: Grosse Leistungen entstehen oft aus einem Mangel

Von der Legasthenie zum Nobelpreis: Lange Zeit sah es so aus, dass Jacques Dubochet gar nicht seine Matura schaffen würde, denn das Schreiben und Lesen bereitete ihm grosse Probleme. Doch dann schaffte er nicht nur den Schulabschluss, sondern auch noch das Studium. Und dieses Jahr bekam der Schweizer den Nobelpreis in Chemie. In der Galerie sehen Sie ähnliche Fälle, von Alberst Einstein bis Friedrich Schiller.

Jörg Zittlau
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Imperfekte Genies
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Ernest Hemingway: Der depressive Macho Ausgerechnet der grosse Apologet des «Machismo», der harten Männerkultur, litt unter schweren Depressionen. Sie kamen von seiner Trunksucht, die zudem falsch behandelt wurde. Der Schriftsteller kam mehrmals in eine Klinik, wo er mit Elektroschocks behandelt wurde. Ohne Erfolg. Am Ende handelte er einen Deal aus: Der Arzt sollte ihn endlich mit den Schocks in Ruhe lassen, und Hemingway versprach dafür im Gegenzug, in der Klinik keinen imageschädigenden Selbstmord zu begehen. Die beiden Verhandlungspartner hielten Wort: Der Mediziner verordnete keine Stromschläge mehr – und sein Patient tötete sich zu Hause mit dem Gewehr.
Stephen Hawking: Krankheit kann auch Freiheit bedeuten Der englische Astrophysiker leidet unter Amyotropher Lateralsklerose (ALS), ist vollständig gelähmt. Doch die Diagnose bewirkte einen Motivationsschub. In seiner Autobiografie schreibt er, dass seine Behinderung sogar von Vorteil gewesen sei. «Denn ich habe keine Vorlesungen halten, Studienanfänger unterrichten oder an zeitraubenden Sitzungen teilnehmen müssen», so der Physiker. Dadurch konnte er sich komplett seinen Studien widmen.
Ludwig van Beethoven: Zu taub fürs Publikum Der Komponist war schon ab seinem 30. Lebensjahr schwerhörig: «Hätte ich irgendein anderes Fach, so ging’s noch eher, aber in meinem Fach ist es ein schrecklicher Zustand.» Schliesslich verlor er komplett das Gehör, was ihn aber nicht am Komponieren hinderte. Die legendäre «Neunte» ist das Werk eines Tauben. Als sie am 7. Mai uraufgeführt wurde, wurde er frenetisch gefeiert – doch weil er das nicht hören konnte, drehte Beethoven seinem Publikum zunächst den Rücken zu.
Albert Einstein: Aufmüpfigkeit ist relativ Der Autor der Relativitätstheorie war zwar nicht so schlecht in der Schule, wie gerne behauptet wird, aber er litt unter Aufmerksamkeitsstörungen – und er war für damalige Verhältnisse überaus aufmüpfig. Sein Griechisch-Lehrer sagte, dass er schon Alberts körperliche Anwesenheit nicht ertragen könne. Später an der Uni glänzte er durch Abwesenheit, verliess sich bei den Prüfungen auf Mitschriften seiner Kommilitonen. Was ihm natürlich zunächst die Chancen auf eine akademische Karriere verbaute. Trotzdem erhielt Einstein 1922 den Nobelpreis für Physik.
Friedrich Nietzsche: «Entweder blind oder tot» Der Philosoph des «Übermenschen» war zierlich und fragil, litt unter verheerenden Kopfschmerzattacken, die von den Augen her kamen: «Ich bin nächtens entweder blind oder tot.» Dadurch blieb ihm nur wenig schmerzfreie Zeit, sodass er sein Werk überwiegend in Aphorismen verfasste, was ihm freilich in der Philosophie-Geschichte einen Sonderstatus einbrachte. Lediglich in seinem Sommer-Domizil Sils Maria ging es ihm etwas besser. Psychisch wurde er immer labiler. Nietzsche endete in geistiger Umnachtung, was lange als Produkt einer Syphilis dargestellt wurde. Einige Forscher vermuten mittlerweile, dass er einen langsam wuchernden Tumor hinter dem Auge hatte.
Sigmund Freud: Am Ende mied ihn sogar sein Hund Der Vater der Psychoanalyse litt unter Depressionen und Zwangsneurosen, weswegen er immer schon eine Stunde vor Abfahrt seines Zuges auf dem Bahngleis stand. Die grössten Leiden bereiteten ihm jedoch 33 Operationen, denen er sich – Freud war ein ebenso leidenschaftlicher wie nikotinsüchtiger Zigarrenraucher – wegen Krebs am Kiefer unterziehen musste. Das dortige Gewebe verbreitete am Ende einen so üblen Gestank, dass selbst sein Hund einen Bogen um ihn machte.
Friedrich Schiller: Zu schwach zum Leben Der Autor des «Wallenstein» war Arzt, doch das schützte ihn nicht davor, ein kranker Dauerpatient zu sein. Schon ein Mitschüler attestierte ihm: «Ein kränklicher und schwächlicher Leib hat ihm bisher nicht zugelassen, seine Gaben anzuwenden, wie er gern wollte.» Später entfaltete er zwar seine Talente, doch richtig gesund wurde er nie. Schiller litt chronisch an Tuberkulose, hatte auch immer wieder andere schwere Infektionen. Er wurde nur 45 Jahre alt. Bei seiner Obduktion fanden die Ärzte Verwachsungen zwischen Lunge und Herzen, die selbst das Skalpell kaum trennen konnte. Die Ärzte notierten: «Bei diesen Zuständen muss man sich wundern, wie der arme Mann so lange hat leben können.»
Vincent van Gogh: Schrille Farben, schrilles Leben Wer sich selbst ein Stück Ohr abschneidet, kann nicht gesund sein. Aber bis heute ist umstritten, worunter der holländische Maler litt. Einen besonderen Charme hat aber die Porphyrie-These. Denn diese erbliche Stoffwechselerkrankung könnte nicht nur die neurologischen Ausfälle van Goghs, sondern durch ihren Einfluss auf die Lichtwahrnehmung auch seine schrillen Farbkompositionen erklären. Glücklich machte es ihn jedenfalls nicht: Am Ende schoss er sich eine Kugel in die Brust.

Imperfekte Genies

Keystone, Wikipedia

Wurde Jacques Dubochet trotz seiner Einschränkung zum überragenden Forscher, oder war sie es möglicherweise sogar, die ihn dazu antrieb, weil er seine Legasthenie unbedingt kompensieren wollte?

Darüber können Psychologen und Historiker nur spekulieren. Doch was auffällt: In der Geschichte der Genies gibt es ziemlich viele, die zwar in ihrem Fachgebiet alle übertreffen, doch dafür in anderen Bereichen ebenso überragende Mängel haben; und oft wird ihr Leben sogar durch Krankheiten bestimmt.